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1909-2009: 100 Jahre Deganyah (Degania) Aleph

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Notizen aus dem Gedächtnis - Miryam und Joseph Baratz

Foto: Widmung von Miryam Baratz, Signatur von Joseph Baratz

Bild: Titelblatt von "Kfar al G'dot ha'yarden", ("Dorf an den Ufern des Jordans"), Autor: Joseph Baratz, Verlag Hoza'ath Spharim, Tel Aviv, Copyright 1959. Auf dem Buchtitel die handschriftliche Widmung von Miryam Baratz, oben links die Signatur Joseph Baratz.

"Für Joseph Krause, den Guten, zum Andenken, als er in Deganyah-Aleph im Ulpan gewesen ist, und während derselben Zeit ist er ein angenehmer Nachbar von uns gewesen. In Freundschaft!

Miryam und Joseph Baratz"

Übersetzung aus dem Hebräischen von Joseph P. Krause

Deganyah Aleph im Emeq-ha'yarden

Während meiner "Schulzeit" ("Ulpan-Avodah") in Deganyah Aleph 1965/66 bevölkerten noch etliche Pioniere der alten Garde den Kibbutz, so Chajuttah Bussel, die Witwe des legendären Yossef Bussel und Miryam Singer-Berkowitch. Meine Lehrerin von der jungen Garde war die hervorragende Jonah Gombo, die im Hebräisch-Unterricht einmal den Satz prägte: "Joseph, du redest nicht viel. Aber wenn du etwas sagst, dann ist es immer richtig."

Yonah's Ehemann war Meir Gombo, mit dem ich während meiner Schulzeit in der Landwirtschaft kooperierte: Pardessim und Bananen. Im Nachbar-Kibbutz Deganyyah-Beth wohnten Levi Eshkol, Ministerpräsident, und der damalige Präsident der Knesseth. An der jordanischen Grenze, wo unser Kibbutz Zitrus-Plantagen besaß, wurde unsere Arbeitsgruppe von einer Terrorbande aus Richtung Yarmuchk beschossen. Ein Chawer wurde tödlich getroffen. Anführer der Terroristen war Yassir Arafat bei seinem ersten Fronteinsatz in der El-Fatah-Bewegung.

Miryam und Joseph Baratz waren meine unmittelbaren Nachbarn im Haus gegenüber. Mit Joseph war das nachbarschaftliche Verhältnis nicht leicht zu gestalten. Er war damals 75 Jahre alt und litt offensichtlich an pAVK und HOPS, war folglich von schwankender Stimmung, mitunter mürrisch und unwirsch. Joseph hatte ein "erfülltes Leben" hinter sich, war der führende Begründer der Kibbutzbewegung in Israel ("Vater der Kibbutzim"), betätigte sich in der Zionistischen Organisation und beim Jüdischen Nationalfonds (Keren Kayemeth le'Israel), reiste offiziell und inoffiziell in der Welt herum, gehörte zu den Architekten des Staates Israel in Gemeinschaft mit David Ben Gurion und Levi Eshkol (Skolnik), und er verfaßte eine Reihe von Schriften über Palästina, Israel und die "Ichud ha'kvutzoth ve ha'kibbutzim". Die Chawerah Miryam Singer-Berkowicz ignorierte er in seinen Beschreibungen von Persönlichkeiten in Deganayyah-Aleph. Als mein "J'accuse" (Nazareth 1965, 110 Seiten) erschienen war, pflaumte er mich - ohne die Dokumentation gelesen zu haben - an: "Ani ma'ashim. Wen willst du denn beschuldigen?" Ich hatte ihn in seiner Bedeutung als schreibender Platzhirsch des Jordantales irritiert und seine Domäne "Textschaffen" verletzt. Mich störten seine Eigenarten nicht, weil ich ahnte, daß seine Verhaltensweisen mindestens teilweise altersbedingt waren. Ich liebte ihn mit all seinen Fehlern.

Eine persönliche Tragödie war für ihn das Kismet des Chaluz Yossef Bussel, der während der Gründerjahre im Jordan ertrunken war. Dessen Tod ging ihm nahe. Diese Trauer war echt und tief. Über Yossef Bussel schrieb er ausnahmslos positiv. Yossef's Witwe, Chajuttah Bussel, eine wunderbare Greisin mit einem unglaublich verwitterten Antlitz, die ich sehr mochte, weil sie Menschlichkeit verströmte, war auch mir herzlich zugetan. Sie verfaßte handschriftlich eines meiner Entlassungspapiere aus Deganyah Aleph.

In guten Tagen widmete mir Joseph Baratz autographisch einige seiner Bücher, und er und Miryam, seine Frau, geborene Ostrovsky, beteuerten in einer Widmung, ich, der "gute Joseph Krause", sei während der Zeit meines Schulbesuchs ihr "angenehmer Nachbar" gewesen.

Die Eltern des Moshe Dayan, später Verteidigungsminister Israels, der in Deganyah Aleph geboren wurde (meine Nachbarin Miryam Singer-Berkovitch war seine Kindergärtnerin), verließen Deganyyah und lebten fortan in Nahalal im Emeq Yezreel. Zwischen den Dayans und Joseph Baratz war es nach Kibbutz-Ondit zu Meinungsverschiedenheiten gekommen. In "Exodus" des Leon Uris wurden Joseph und Miryam Baratz anonymisiert dargestellt.

Miryam Baratz war eine der stärksten Frauen, die ich je kennerlernte. Irgendwo müßte im T'nachk stehen: "Eine starke Frau: Wer wird sie finden? Ihr Wert gleicht den Dingen, die von weither kommen." Sie (damals 76) war wirklich eine echte Rarität und der Inbegriff der Mutter Courage, eine fleißige Seele, unermüdlich bei der Arbeit. Sie drückte mich öfter an ihre Brust, was ich als Auszeichnung empfand. Für Joseph schleppte sie eines Tages eine große Schüssel herbei, damit dieser - wie sie mir erzähle - wegen seiner Durchblutungsstörungen in den Füßen und Beinen regelmäßig Fußbäder nehmen konnte.

Wenn Joseph bei Unterhaltungen mit anderen - so auch mit mir - schwach argumentierte oder formulierte oder leicht niggelig wurde, gab sie ihm Zeichen der Beschwichtigung, um sein Aufbrausen zu verhindern.

Vor diesen beiden Lichtgestalten der israelischen Geschichte habe ich ungebrochen die größte Hochachtung. Wenn Joseph Baratz landesweit als der "Vater der Kibbutzim" geachtet wird, dann ist Miryam die "Mutter der Kibbutzim". Ich verehre das Andenken dieser beiden nationalen Denkmäler bis zu meiner letzten Stunde.

Autor: Joseph P. Krause.

Für diese Dokumentation hat uns der Zeitzeuge Joseph P. Krause, geboren in Gelsenkirchen-Schalke, aus der Generation der Söhne und Enkel der Siedler am Jordan und der Staatsgründer, freundlicherweise Notizen und Dokumente zur Verfügung gestellt. Die Unterlagen sind in den Bestand des Archivs GELSENZENTRUM aufgenommen worden.


Andreas Jordan, Mai 2010

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