Bereits als Teenager hatte sie den Frevel begangen zu schreiben. Den Jordan ließ sie polizeiwidrig mitten durch Jerusalem fließen, und ihre Störche in "Dan, Jan ve ha'chassidoth" ("Dan, Jan und die Störche") kamen als Zugvögel aus den Niederlanden, die nach ornithologischen Kenntnissen von dort aus den Luftweg über das westliche Mittelmeer nach Afrika nehmen, schnurstracks auf der von ihr eigensinnig behaupteten Ostroute nach Palästina. Ihre Texte waren oft nicht druckreif. Zunächst bearbeitete Max Brod, der auch Franz Kafka (mit dem Miryam einen Hebräisch-Kurs in Prag besucht hatte) entdeckte, ihre gesammelten Schreibversuche. Sie hielt sich viel darauf zugute, berühmte Persönlichkeiten durch Deganyah Aleph geführt zu haben, so z.B. Albert Einstein, John Steinbeck, Lord Balfour und den tschechoslowakischen Staatspräsidenten Masaryk. Ich selbst hatte ein einziges Mal eine "Führung". Ein unter der sengenden Sonne des Jordantals schwitzender Besucher flehte mich in höchster Not an, ihm den Weg zur Toilette zu zeigen. Der Herr mit dem dringenden Bedürfnis war zufällig der Direktor der Wiener Volkshochschule, der mich einige Jahre vorher aus seinem Zimmer geworfen hatte, als ich um einen Job nachsuchte. Wir erkannten uns sofort, ohne mit der Wimper zu zucken, schauten uns aber nur eiskalt an. Ich wies ihm den Weg in englischer Sprache. Goldene Worte der Miriam: "Ich war schon berühmt, bevor einer aus Deutschland kam und mir was vormachen wollte." In Israel ging Miryam unverdrossen daran, aus dem Hebräischen zu übersetzen, obgleich sie diese Sprache auch ein halbes Jahrhundert nach ihrer Aliyah nicht beherrschte. Ya'aqov, ihr Ehemann, mit dem ich echt befreundet war, half ihr bei solchen Stilübungen. Als ich ihr während meines Hebräisch-Unterrichts einen Brief des Knesseth-Abgeordneten Menachem Begin (später Rosh ha'memshalah), den er mir geschrieben hatte, vorlegte, war sie außerstande, diesen zu begreifen. Sie sagte, sie sei mit den Kleinen im Kindergarten immer gut mit ihrem Ivrith zurecht gekommen. Entschuldigend merkte sie an, auch Max Brod habe Schwierigkeiten in Ivrith. Wenn Brod eine Ansprache in Ivrith zu halten hatte, habe er den hebräischen Text in lateinische Lettern transskribiert, um flüssig ablesen zu können. Sie hatte mich u.a. gebeten, ihr Skript "Dan, Jan ve ha'chassidoth" als deutsche Fassung zu bearbeiten. Die Idee zu diesem Kinderbuch reifte in ihr nach Lektüre von "Nils Holgerssons underbara resa genom Sverige", das 1906/07 von Selma Lagerlöf veröffentlicht wurde. Miryam betonte zuvor im Wissen um ihre Schreibkünste, ich hätte alle Freiheiten der Textgestaltung. Ihre Skripte waren für mich in der Intention Hölderlins "eine Zumutung für jede gut geartete Seele".
Nachdem ich die mühselige Arbeit nach strapaziösen Wochen beendet hatte, lief Miryam - wie so oft - zu ihrer Höchstform auf: Sie blaffte mich an, weil ich mich erdreistet hatte, in eine ihrer schwachen Episoden hinein zu interpolieren, daß es die Mütter seien, die alles Leid der Welt zu tragen hätten. Das war zuviel meiner Bearbeitung als Lektor. Da brach ihre psychogene Befindlichkeit in actu durch: Sie wollte lediglich Geliebte sein, nicht Mutter, allenfalls Gouvernante, und so herrschte auch ein unverträgliches Gegeneinander zwischen Miryam und ihrem Sohn Eliezer, der im Kibbutz von ihr zurückgezogen separat lebte. Hier fokussierte sich ihr Unmut. Deutschland war für sie vor allem das Land der Mörder, und "deutsche Horden" fielen in ihren Texten vandalierend über die Welt her. Als Christa, eine deutsche Studentin (glücklich verliebt in Miryams Sohn Eliezer), ihr Büchlein "Licht im Lager" verbummelte, tobte unsere Miryam. Es waren wiederum "die Deutschen", die ihr Böses antaten, ja das gesamte deutsche Volk, das sie mißachtete. Als ich später von Deutschland aus ihre bescheidenen Erinnerungen an Franz Kafka anforderte, um diese in den "horen" unterzubringen, lamentierte sie, daß ein deutscher Verlag (in ihrer Vorstellung stinkend reich) einer jüdischen Autorin kein Honorar zahlen wollte. Ich überwies ihr dann Geld aus meiner eigenen Tasche. Bei den "horen" hatte ich meine literarischen Gehversuche in den 1950er Jahren gewagt. Nach ihrem Herausgeber Kurt Morawietz vom "Jungen Literaturkreis" Hannover, dessen Mitglied ich war, wurde inzwischen ein Literaturpreis benannt. Im Zusammenhang mit der bereits oben erwähnten Dissertation zu Miryam Singer muß ich mir eine Zwischenbemerkung gestatten, um konkludierend auf das curriculum vitae der Miryam zu reflektieren: Vor einigen Jahren kontaktierten mich zwei Doktoranden. Der eine hatte Relikte meiner Korrespondenz mit Inge Aicher-Scholl, Schwester der Geschwister Sophie und Hans Scholl, im Institut für Zeitgeschichte München ausgegraben. Daraus ergaben sich Hinweise auf meine Dokumentationen zu dem Freund meiner Familie, dem Redemptoristenpater Hermann Joseph Vell, der am 6. April 1945 vom "Volksgerichtshof" Potsdam wegen Weitergabe eines Flugblattes der "Weißen Rose" zum Tode verurteilt worden war. Die dem Studiosus von mir überlassenen Unterlagen zur Causa Vell wurden vom Doktoranden so fehlinterpretiert, daß ich ihm die Verwertung meiner Belege und meines Namens in seiner insoweit miserablen Doktorarbeit untersagte. Vielleicht findet sich ein Interessent, der zu diesem Thema eine realiter wissenschaftlich fundierte Miszelle oder Monographie zu verfassen gewillt ist. Der andere Student, Hans-Christian Petersen, hatte Archivalien von mir aus den 1950/60er Jahren in verschiedenen Archiven ausgegraben. Diese bezogen sich auf den Universitäts-Professor Dr. Peter-Heinz Seraphim, einen NS-Ideologen zur Endlösung der Judenfrage, der die NS-Hetzschrift "Der Weltkampf" herausgab, die dickleibige Schwarte "Das Judentum im osteuropäischen Raum", National-Verlag Essen 1938, publizierte und mit Alfred Rosenberg ("Mythus des 20. Jahrhunderts" die "Hohe Schule der NSDAP, Institut zur Erforschung der Judenfrage", begründete. Seraphim war in den 1950er Jahren mein Professor für Nationalökonomie an der VWA in Bochum. Dem hochintelligenten Studenten Hans-Christian Petersen, dem ich mit meinen bescheidenen Geistesgaben nicht das Wasser reichen kann, übergab ich meine noch vorhandenen Materialien zu Seraphim, und Hans-Christian Petersen hat wissenschaftlich exzellente, scharf und kritisch durchdachte und mit ungeheurem Fleiß recherchierte Fakten zu Seraphim in qualifizierten Texten veröffentlicht. vgl. Dr. Petersen, Hans-Christian. Bevölkerungsökonomie - Ostforschung - Politik, Eine biographische Studie zu Peter-Heinz Seraphim (1902-1979). fibre Verlag, Osnabrück 2007, 405 Seiten, ISBN 978-3-938400-18-0zu Seraphim vgl. "J'accuse", Verfasser: Joseph P. Krause, Nazareth in Galiläa 1965, Zeithistorische Dokumentation, 110 S., Seiten 11, 56, 57, 78, 79Nachdem ich ergo zeitnah bei der Beschaffung von Materialien für die vorgenannten Dissertationen als Zeitzeuge für Info-Defizite sensibilisiert und auch motiviert war, erfuhr ich in 2006, daß an der Universität Wien die bereits erwähnte Dissertation über Miryam Singer in Arbeit war, worin sie als Begründerin der zionistischen Kinderliteratur zelebriert werden sollte. → Rahel Rosa Neubauer: Dissertationsprojekt - Die jüdische Kinderbuchautorin Irma (Miriam ) Singer Ich bot ihrem Doktorvater, Univ.-Doz. Mag. Dr. Ernst Seibert (Universität Wien), meine Skripte und Texte von und über Miryam an, erhielt aber keine Rückäußerung. So wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als meinen Tod hinauszuschieben, um Miryam Singer-Berkovitch s.A. adaequat würdigen zu können.
Handschriftliche Notiz der Irma Miryam SingerAutor: Joseph P. Krause
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