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1909-2009: 100 Jahre Deganyah Aleph

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Notizen aus dem Gedächtnis - Ehepaar Ya'aqov Berkovitch und Miryam (Irma) Singer
oder: Der schwierige Umgang mit einem Genie

Deganyah-Aleph im Emeq ha'yarden (Kvutzah im Jordantal)

Ya'aqov Berkovitch, geb. 11. Dezember 1890, gestorben 27. Juni 1971
Irma Miryam Singer, geb. 1. März 1898, gestorben 1989

Während der Jahre 1965/66 besuchte ich die hebräische Sprach-Schule ("Ulpan-Avodah") in Deganyah-Aleph. Einer der noch lebenden Chaverim der alten Gründungsmannschaft war Ya'aqov Berkovitch. Seinen Bruder Chaim, der in der Kvutzath für die Dattelpalmen und deren Ernten zuständig war, beerdigten wir während meiner Zeit auf dem Beith-ha'olam in Deganyah-Aleph. Chaim war nach einhelliger Meinung einer von den "Lamed vaf", den 36 Gerechten, um derentwegen G'tt die Erde weiter bestehen läßt.

Zu beiden - Ya'aqov und Chaim - hatte ich ein betont herzliches Verhältnis. In langen Unterredungen erörterten wir, daß es zwischen unseren Familien Verbindungen gab. Mein Urgroßvater hieß gleichfalls Ya'aqov Borkovicz, wobei die Schreibweisen der Namen durch Transskriptionen aus dem Russischen, Jiddischen (ein deutscher Dialekt, der mit hebräischen Lettern geschrieben wurde) und Polnischen und durch lokale und orthographische Besonderheiten variierten: Berkovitch, Bercovicz, Berkowicz, Borkowicz, Borcovitch. Ein polnisch-jüdischer Zweig unserer Sippe schrieb sich "Borkowitz" wie meine Urgroßmutter mütterlicherseits, die Rosalia Borkowitz. Mehrere Mitglieder der Familie Borkowitz starben im Holocaust. Die Namen der Borkowitzens sind auf einem Mahnmal in Jerusalem verewigt.

vgl. "Memorial Monument for the martyrs of the town Demblin-Modzjetz" (bei Lublin, Polen) auf dem Berg Zion in Jerusalem: Avigdavid Borkowitz, Necha Borkowitz, Rivka (Rebekka) Borkowitz, Gnendil Borkowitz, Hertzka Borkowitz und Ehefrau.

vgl. auch: Josef Berkowicz, Sohn des Joselewicz Berek, Derivat von "Berkowicz". (Siehe auch: "Berek" und "Bergmann"). Ferner Yitzchak Dov Berkowitz, hebr. Erzähler und Dramatiker, geboren 16.10. 1885 Sluzk, Bjelorussija, gestorben 30.03.1967 Tel Aviv. Realistischer Schilderer des ostjüdischen Lebens, kongenialer Übersetzer der Hauptwerke seines Schwiegervaters "Schalom alechem" ins Hebräische.

Unser Ya'aqov Berkovitch s.A. in Deganyah Aleph war ein infolge Alters und erlittenen Apoplexes ein in sich ruhender Greis von 75 Jahren. Wegen des Schlaganfalls klang seine Stimme seltsam hohl, wie aus einer anderen Welt. Damit seine Fingergelenke beweglich blieben, ging er täglich in die Küche und putzte die Bestecke nach dem Abwasch blank. Eine solche Tätigkeit war für einen Kibbutznik selbstverständlich. Als ich z.B. in Sde Boqer war, stand David Ben Gurion gleichfalls in der Küche und machte den Abwasch für die Chaverim.

Von Ya'aqovs Ehefrau Irma Miryam Singer-Berkovitch sind bei mir ungeordnet vorhanden: Mindestens 1 Leitz-Ordner Korrespondenz, Torsi von Manuskripten, Niederschriften etc. pp.

Während meiner "Schulzeit" in Deganyah Aleph im Emeq ha'yarden wohnte ich in Nachbarschaft zu Miryam Singer s.A.. Nach der lateinischen Weisheit "de mortuis nil nisi bene" bemühe ich mich in dieser Niederschrift, meine Kritik stark herunter zu fahren. Da inzwischen eine Dissertation über Miryam Singer geschrieben wurde, wäre es eigentlich notwendig, zur Persönlichkeit und zu den schriftlichen Arbeiten der Miryam Singer notwendige Anmerkungen zu machen. Miryam Singer hatte vielfältige Verbindungen und Beziehungen zu literarischen Kreisen.

Da ich unterdessen erfuhr, daß in der erwähnten Dissertation Miryam Singer als "Begründerin" der israelischen Kinderbuch-Literatur gebenedeit und gepriesen wird, sah ich mich berechtigt, als Bearbeiter ihrer Texte und vor allem in Kenntnis ihrer Persönlichkeitsstruktur meine Erfahrungen als Korrektiv in die Thematik einzubringen.

Mir ist niemand bekannt, der sich - außer Max Brod - vergleichsweise wie ich mit dem Werk und den Imponderabilien zur Vita der Miryam Singer befaßt hat. Ich bearbeitete ihre Texte, und ich hatte über Monate hinweg nahezu täglich Gelegenheit, die Charakteristika der Schreiberin auszuloten, ein Vorzug, den die Verfasserin der Dissertation nicht haben konnte.

Miryam hat mich zum Dank für meine Textbearbeitungen zwar beschimpft, wie es ihrem Naturell entsprach, aber nach meiner Rückkehr nach Deutschland knüpfte sie den zerrissenen Faden erneut, und ich vermittelte ihre Franz-Kafka-Reminiszenzen an "die horen" des jungen Literaturkreises in Hannover.

Warum Miryam Singer im akademischen Raum als Begründerin der Kinderbuchliteratur in Israel hochstilisiert werden soll, ist mir schon allein deshalb reichlich suspekt, weil es auch andere, jüdische Schriftsteller gab, die ein vergleichsweise gediegeneres Artikulationsvermögen aufweisen.

So veröffentlichte Meir Marcell Faerber, mit dem ich gleichfalls in Verbindung stand, um geeignete Verlage für seine Manuskripte abzuklären, im Düsseldorfer Verlag der "Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland" sein Buch "Märchen und Sagen aus Israel", das in meiner Bibliothek vorhanden ist.

"Das umfangreiche, literarische Werk von Meir Marcell Faerber beinhaltet sowohl Lyrik, Erzählprosa und Dramatik als auch Kinderbücher und Märchen (die Kinderbücher sind in hebräischer Sprache erschienen). Faerbers Erzähltexte - der wichtigste davon ist der Roman Drei mal drei Glieder einer Kette (1985) - spielen teilweise vor historischem Hintergrund, teilweise handeln sie im Israel der Gegenwart. Des öfteren arbeitet der Autor mystische, aus kabbalistischen und chassidischen Traditionen entnommene Motive in das Handlungsgerüst ein".

Aus: Ueberblicke, Armin A. Wallas, "Exilland" Palästina/Israel. 2002 Universität Salzburg

Irma Miryam Singer, 'Das verschlossene Buch'

Irma Miryam Singer, 'Das verschlossene Buch'

Miryam brüstete sich in Endlosmonologen ihrer Bekanntschaften und Freundschaften zu internationalen Berühmtheiten. Als Kindergärtnerin der Kvutzah gehörte zu den von ihr betreuten Kindern auch Moshe Dayan, was sie sich als ihr Verdienst hochrechnete ebenso wie ihren Anspruch, zum "Prager Kreis" zu gehören.

Bereits als Teenager hatte sie den Frevel begangen zu schreiben. Den Jordan ließ sie polizeiwidrig mitten durch Jerusalem fließen, und ihre Störche in "Dan, Jan ve ha'chassidoth" ("Dan, Jan und die Störche") kamen als Zugvögel aus den Niederlanden, die nach ornithologischen Kenntnissen von dort aus den Luftweg über das westliche Mittelmeer nach Afrika nehmen, schnurstracks auf der von ihr eigensinnig behaupteten Ostroute nach Palästina. Ihre Texte waren oft nicht druckreif. Zunächst bearbeitete Max Brod, der auch Franz Kafka (mit dem Miryam einen Hebräisch-Kurs in Prag besucht hatte) entdeckte, ihre gesammelten Schreibversuche. Sie hielt sich viel darauf zugute, berühmte Persönlichkeiten durch Deganyah Aleph geführt zu haben, so z.B. Albert Einstein, John Steinbeck, Lord Balfour und den tschechoslowakischen Staatspräsidenten Masaryk.

Ich selbst hatte ein einziges Mal eine "Führung". Ein unter der sengenden Sonne des Jordantals schwitzender Besucher flehte mich in höchster Not an, ihm den Weg zur Toilette zu zeigen. Der Herr mit dem dringenden Bedürfnis war zufällig der Direktor der Wiener Volkshochschule, der mich einige Jahre vorher aus seinem Zimmer geworfen hatte, als ich um einen Job nachsuchte. Wir erkannten uns sofort, ohne mit der Wimper zu zucken, schauten uns aber nur eiskalt an. Ich wies ihm den Weg in englischer Sprache.


Goldene Worte der Miriam: "Ich war schon berühmt, bevor einer aus Deutschland kam und mir was vormachen wollte."


In Israel ging Miryam unverdrossen daran, aus dem Hebräischen zu übersetzen, obgleich sie diese Sprache auch ein halbes Jahrhundert nach ihrer Aliyah nicht beherrschte. Ya'aqov, ihr Ehemann, mit dem ich echt befreundet war, half ihr bei solchen Stilübungen. Als ich ihr während meines Hebräisch-Unterrichts einen Brief des Knesseth-Abgeordneten Menachem Begin (später Rosh ha'memshalah), den er mir geschrieben hatte, vorlegte, war sie außerstande, diesen zu begreifen. Sie sagte, sie sei mit den Kleinen im Kindergarten immer gut mit ihrem Ivrith zurecht gekommen. Entschuldigend merkte sie an, auch Max Brod habe Schwierigkeiten in Ivrith. Wenn Brod eine Ansprache in Ivrith zu halten hatte, habe er den hebräischen Text in lateinische Lettern transskribiert, um flüssig ablesen zu können.

Sie hatte mich u.a. gebeten, ihr Skript "Dan, Jan ve ha'chassidoth" als deutsche Fassung zu bearbeiten. Die Idee zu diesem Kinderbuch reifte in ihr nach Lektüre von "Nils Holgerssons underbara resa genom Sverige", das 1906/07 von Selma Lagerlöf veröffentlicht wurde. Miryam betonte zuvor im Wissen um ihre Schreibkünste, ich hätte alle Freiheiten der Textgestaltung. Ihre Skripte waren für mich in der Intention Hölderlins "eine Zumutung für jede gut geartete Seele".

Irma Miryam Singer, 'Licht im Lager'

Irma Miryam Singer, 'Licht im Lager'

Einleitung

Sie wollen nicht als Kunstwerke um die Welt gehen - diese Gedichte. Sie sind die Stimme aus einem Leben, das durch seinen Reichtum mich zum Sprechen zwang ... Manchmal sind sie der Ausdruck beschwingter Stunden, aber manchmal sind sie wie Harz wunder Bäume...
Denn unser Leben ist schwer ... doch schön. Eine neue Welt hat sich uns im alten Lande eröffnet, Stimmen wurden wach, die im Blute schliefen... Aber auch eine Welt des Leidens hat uns umfangen ...
Die Mutter, die jenseits des Meeres blieb ... Losgerissen sein von allem Gewohnten ... Das Ringen um die Sprache der Väter ... Einsamkeit des erwachenden Menschen ... Und die Qual des Blutes.
Doch über allem ist der Segen, den die Erde, die Arbeit und die neue Heimat bringen ...das wollen sie sagen, diese Gedichte.

Degania, im März 1930

Irma Singer

Miryam Irma Singer → Den Nächten im August 1929

Nachdem ich die mühselige Arbeit nach strapaziösen Wochen beendet hatte, lief Miryam - wie so oft - zu ihrer Höchstform auf: Sie blaffte mich an, weil ich mich erdreistet hatte, in eine ihrer schwachen Episoden hinein zu interpolieren, daß es die Mütter seien, die alles Leid der Welt zu tragen hätten.

Das war zuviel meiner Bearbeitung als Lektor. Da brach ihre psychogene Befindlichkeit in actu durch: Sie wollte lediglich Geliebte sein, nicht Mutter, allenfalls Gouvernante, und so herrschte auch ein unverträgliches Gegeneinander zwischen Miryam und ihrem Sohn Eliezer, der im Kibbutz von ihr zurückgezogen separat lebte. Hier fokussierte sich ihr Unmut. Deutschland war für sie vor allem das Land der Mörder, und "deutsche Horden" fielen in ihren Texten vandalierend über die Welt her. Als Christa, eine deutsche Studentin (glücklich verliebt in Miryams Sohn Eliezer), ihr Büchlein "Licht im Lager" verbummelte, tobte unsere Miryam.

Es waren wiederum "die Deutschen", die ihr Böses antaten, ja das gesamte deutsche Volk, das sie mißachtete. Als ich später von Deutschland aus ihre bescheidenen Erinnerungen an Franz Kafka anforderte, um diese in den "horen" unterzubringen, lamentierte sie, daß ein deutscher Verlag (in ihrer Vorstellung stinkend reich) einer jüdischen Autorin kein Honorar zahlen wollte. Ich überwies ihr dann Geld aus meiner eigenen Tasche. Bei den "horen" hatte ich meine literarischen Gehversuche in den 1950er Jahren gewagt. Nach ihrem Herausgeber Kurt Morawietz vom "Jungen Literaturkreis" Hannover, dessen Mitglied ich war, wurde inzwischen ein Literaturpreis benannt.

Im Zusammenhang mit der bereits oben erwähnten Dissertation zu Miryam Singer muß ich mir eine Zwischenbemerkung gestatten, um konkludierend auf das curriculum vitae der Miryam zu reflektieren:

Vor einigen Jahren kontaktierten mich zwei Doktoranden. Der eine hatte Relikte meiner Korrespondenz mit Inge Aicher-Scholl, Schwester der Geschwister Sophie und Hans Scholl, im Institut für Zeitgeschichte München ausgegraben. Daraus ergaben sich Hinweise auf meine Dokumentationen zu dem Freund meiner Familie, dem Redemptoristenpater Hermann Joseph Vell, der am 6. April 1945 vom "Volksgerichtshof" Potsdam wegen Weitergabe eines Flugblattes der "Weißen Rose" zum Tode verurteilt worden war. Die dem Studiosus von mir überlassenen Unterlagen zur Causa Vell wurden vom Doktoranden so fehlinterpretiert, daß ich ihm die Verwertung meiner Belege und meines Namens in seiner insoweit miserablen Doktorarbeit untersagte. Vielleicht findet sich ein Interessent, der zu diesem Thema eine realiter wissenschaftlich fundierte Miszelle oder Monographie zu verfassen gewillt ist.

Der andere Student, Hans-Christian Petersen, hatte Archivalien von mir aus den 1950/60er Jahren in verschiedenen Archiven ausgegraben. Diese bezogen sich auf den Universitäts-Professor Dr. Peter-Heinz Seraphim, einen NS-Ideologen zur Endlösung der Judenfrage, der die NS-Hetzschrift "Der Weltkampf" herausgab, die dickleibige Schwarte "Das Judentum im osteuropäischen Raum", National-Verlag Essen 1938, publizierte und mit Alfred Rosenberg ("Mythus des 20. Jahrhunderts" die "Hohe Schule der NSDAP, Institut zur Erforschung der Judenfrage", begründete. Seraphim war in den 1950er Jahren mein Professor für Nationalökonomie an der VWA in Bochum. Dem hochintelligenten Studenten Hans-Christian Petersen, dem ich mit meinen bescheidenen Geistesgaben nicht das Wasser reichen kann, übergab ich meine noch vorhandenen Materialien zu Seraphim, und Hans-Christian Petersen hat wissenschaftlich exzellente, scharf und kritisch durchdachte und mit ungeheurem Fleiß recherchierte Fakten zu Seraphim in qualifizierten Texten veröffentlicht.

vgl. Dr. Petersen, Hans-Christian. Bevölkerungsökonomie - Ostforschung - Politik, Eine biographische Studie zu Peter-Heinz Seraphim (1902-1979). fibre Verlag, Osnabrück 2007, 405 Seiten, ISBN 978-3-938400-18-0

zu Seraphim vgl. "J'accuse", Verfasser: Joseph P. Krause, Nazareth in Galiläa 1965, Zeithistorische Dokumentation, 110 S., Seiten 11, 56, 57, 78, 79

Nachdem ich ergo zeitnah bei der Beschaffung von Materialien für die vorgenannten Dissertationen als Zeitzeuge für Info-Defizite sensibilisiert und auch motiviert war, erfuhr ich in 2006, daß an der Universität Wien die bereits erwähnte Dissertation über Miryam Singer in Arbeit war, worin sie als Begründerin der zionistischen Kinderliteratur zelebriert werden sollte.

→ Rahel Rosa Neubauer: Dissertationsprojekt - Die jüdische Kinderbuchautorin Irma (Miriam ) Singer

Ich bot ihrem Doktorvater, Univ.-Doz. Mag. Dr. Ernst Seibert (Universität Wien), meine Skripte und Texte von und über Miryam an, erhielt aber keine Rückäußerung. So wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als meinen Tod hinauszuschieben, um Miryam Singer-Berkovitch s.A. adaequat würdigen zu können.

Foto:

Handschriftliche Notiz der Irma Miryam Singer

Autor: Joseph P. Krause


Andreas Jordan, Mai 2010

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