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1909-2009: 100 Jahre Deganyah (Degania) Aleph

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Joseph Baratz - Dagania

Das erste Gebäude, 1909

[...] Die erste Einwanderung nach Kinereth fand am 8. Siwan 1908 statt. Der Ort, den sich acht junge Leute aus Judäa zum Wohnsitz wählten, wird von Rabbi Benjamin in einem Aufsatz, betitelt „Von der ersten Stunde" (Hapoel Hazair, Siwan 1908) folgendermassen geschildert:

„Eine verfallene Hütte auf einem dem See gegenüberliegenden Berge fanden sie, die „Chan" genannt wurde. Allerlei Waren waren dort aufgestapelt, gleichzeitig diente sie auch den Reisenden als Unterkunft. Es fanden sich an dem Ort Spuren alter Ruinen und Reste von Festungen, so dass man schliessen kann, dass der Berg einmal befestigt gewesen ist.Der Boden von Kinereth liegt westlich vom Jordan, dort, wo er den See von Kinereth verlässt, diese keusche Braut, die gerade aus ihrem Schlaf erwacht zu sein scheint und noch vom Tau der Nacht duftet. Aus weiter Ferne blickt der Hermon herüber von stolzer erhabener Höhe, den weissen Firnenkranz auf seiner Stirn...Unsere Wohnung gleicht eher einer Höhle wilder Tiere als einem Königspalast." [...] (1)

Umgebungskarte Dagania Aleph und Bet, 1930. (Degania Bet wurde 1920 gegründet)

Umgebungskarte Dagania Aleph und Bet, um 1930. (Degania Bet wurde 1920 gegründet)

Die erste Holzbaracke der Siedler in Dagania, 1910

[...] Um-Djuni wurde zum Symbol. Hier wurde die Idee der Selbstarbeit und des Gemeinschaftslebens verwirklicht. Als wir ein Jahr in dem Araberdorf gewohnt hatten, gingen wir daran, uns feste Gebäude zu errichten. Die Wahl des Ortes erregte stürmische Debatten. Der Platz, auf dem heute die Gebäude Daganias stehen, hat verschiedene Vorzüge und Nachteile. Zu den Vorzügen gehört die Nähe Kinereths, des Jordan, der Strasse Tiberias-Zemach und der Eisenbahnstation. Zu den Nachteilen : die Nähe der Jordansümpfe und der Umstand, dass sich der Boden von der Siedlung weg als 3 km. langer Streifen ins Weite zieht. Die Entfernung der Felder von den Häusern verursacht den Arbeitern überflüssige Anstrengung, auch war in den ersten Jahren dadurch die Bewachung sehr schwierig und kostspielig. Die Vorteile überwogen aber doch die Nachteile und der Bauplatz wurde mithin an den Auslauf des Jordan aus dem Kinereth-See verlegt, an der Strasse Tiberias-Zemach, 9 km. von Tiberias und etwas über 1 km. von Zemach entfernt. Der Siedlungspunkt liegt 198 m. unter dem Meeresspiegel.

Der Plan zu den ersten Gebäuden war nicht für gemischte Wirtschaft berechnet, wie sie jetzt in Dagania betrieben wird, sondern nur für Getreidewirtschaft. Nach dem Muster der landwirtschaftlichen Siedlungen im Galil gab es einen grossen Pferdestall und Getreidespeicher. Weder Kuh- noch Geflügelstallungen waren vorgesehen. Auch die Anlage der Wohngebäude entsprach nicht den Anforderungen des Klimas und der Richtung der Windströmungen. Der Pferdestall war nahe bei der Küche, die Schlafzimmer neben dem Esszimmer und es gab noch mehr solche Fehler, die heute bei der Anlage neuer Siedlungen vermieden werden. Die Wasserversorgung war nur für die Bedürfnisse des Hauses ausreichend: Es gab eine kleine Pumpe, die von einem Maultier betrieben wurde und ein kleines Wasserbassin, das heute nicht einmal genügt, um das Haus mit Wasser zu versorgen.

Mitten in der Bautätigkeit schritten wir bereits an das Pflanzen von Bäumen, denn die Siedlungen im Galil, die jedes gärtnerischen Schmucks entbehrten, gefielen uns nicht. Wir wollten eine Siedlung nach dem Muster eines russischen Dorfes errichten, umgeben von Zier- und Obstbäumen aller Art; es sollte Apfel-, Birn-, Pflaumen- und andere Obstbäume geben, wie man sie eben in russischen Dörfern findet. Natürlich mussten wir die Bäume in einigen Jahren ausreissen, denn Boden und Klima waren für sie nicht geeignet und sie gingen vor unseren Augen ein. Dafür gediehen aber alle einheimischen Bäume wie Oliven- und Johannisbrotbäume sehr gut. Als der Bau beendet war, wuchsen schon rings um ihn verschiedene Gebüsche, Pfefferbäume und die Zypressenallee. Am 23. Ijar 1912 wurde der Grundstein zur dauernden Siedlung in Dagania gelegt und jetzt entstand die Frage : „Wie nennen wir unsere Siedlung ?" Verschiedene Vorschläge wurden gemacht: Kfar-Djun, der historische Name des Ortes (nach Sapir in seinem Buch „Das Land'), Jardenia, Jar-denon, Nachalajim u. a. Endlich wurde der Vorschlag Josef Bussels angenommen: Dagania, nach der im Getreide blühenden Kornblume. [...] (2)

Das neu erbaute Schulhaus, 1930

[...] Der Grundstein für ein zentrales Schulgebäude, das dazu bestimmt ist, die Kinder aus allen benachbarten Siedlungen des Jordantals aufzunehmen, wurde am 19. September 1930 gelegt. Der Zeremonie wohnten zahlreiche Besucher aus allen Kwuzoth, Kibuzim und Moschawoth der Umgebung bei. Unter dem Fundament des Gebäudes legten wir eine Pergamentrolle, die den folgenden Text enthält:

„Am Freitag, den 26. Elul 5690 (1930) haben wir den Grundstein für eine Schule gelegt, in der, wie wir hoffen, die Kinder des Jordantales lernend und schaffend heranwachsen sollen. Möge unseren Kindern in diesem Hause jenes Wissen und jene Erziehung vermittelt werden, die sie dazu befähigen, unser Werk fortzusetzen, das Werk jener Generation, die ein heisses, wüstes Land wieder zum Leben erweckt hat, sodass es üppige Ernten hervorbringt, welche bereits eine zahlreiche, gesunde, arbeitsame Bevölkerung ernähren; diese Bevölkerung wird dem Lande seine einstige Kraft und Bedeutung wiedergeben. Mögen stets Heimatliebe und brüderliche Hilfsbereitschaft die Herzen unserer Kinder erfüllen, die aus dem Exil in die Heimat zurückgefunden haben." [...] (3)

(1) Joseph Baratz, Dagania. Herausgeber: Hauptbüro des KKL, Jerusalem und Omanuth Verlag, Tel Aviv, 1931. S. 13 ff.
(2) ebda. S. 29-30
(3) ebda. S. 47-48


Andreas Jordan, Mai 2010.

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