KINOR - Jüdischer Kulturverein Gelsenkirchen

KINOR - Jüdischer Kulturverein Gelsenkirchen

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Das umfangreiche Material, welches uns für diese Dokumentation über den jüdischen Kulturverein KINOR von Elena Gubenko zur Verfügung gestellt wurde, wird zur Zeit muldimedial aufbereitet und in Kürze veröffentlicht.



1. Sarah-Hagar-Tag im Ruhrgebiet 18. März 2007: Mütter - Töchter - Religionen

Statement von Elena Gubenko (Fragmente)

(...) Die Kette "Mutter-Tochter" kann ich in meiner Familie von meiner Großmutter her, geb. 1892, nachvollziehen. Sie wuchs in einer traditionellen religiösen jüdischen Familie auf und lebte in der jüdischen Umgebung einer kleinen westukrainischen Stadt, auf jiddisch: Stettl. Untereinander wurde Jiddisch gesprochen, aber russische und ukrainische Sprache und Kultur waren ein fester und wichtiger Bestandteil des Lebens, besonders für junge Menschen.

Die Jugend meiner Oma fällt auf den Anfang des 20. Jahrhunderts, das war eine blühende Zeit für das jüdische Leben und für die jüdische Kultur. Meine Oma war eine kreative junge Frau, sie hat Gitarre gespielt und gesungen. Und zusammen mit ihrem genauso kreativen Mann, einem Künstler / Maler, spielte sie in einem jiddischen Amateur-Theater.

Meine Mutter wurde 1924 als zweites Kind geboren. Sie wuchs schon in der sowjetischen Zeit auf, unter Stalin. Die Religion wurde als "Opium für das Volk" betrachtet und verboten wie auch jüdische Kultur überhaupt verboten war. Das war der Anfang des langjährigen schrecklichen Staatsantisemitismus in der UdSSR, der sich mehr und mehr ausbreitete. Meine Familie war wie alle anderen gezwungen, ihre jüdische Zugehörigkeit zu verstecken. Aber vor der Staatdiskriminierung konnte man sich nicht verstecken, da in unseren Pässen ein Zeile zu Nationalität vorgesehen war, da stand: "Jude". Und das war wie ein Brandmal. Um an der Uni studieren und später als Lehrerin arbeiten zu können, musste meine Mutter sogar ihren Namen ändern. Das Privatleben wurde immer beobachtet, etwas zu verstecken war unmöglich. Das hat den Alltag und das ganze Leben geprägt. Jüdische Identität wurde in vielen Familien bewusst aus dem Leben raus genommen.

Meine Kindheit damals

Bei uns Zuhause klang, dank meiner Mutter, Opernmusik, meistens russische Oper. Mein Opa sang in einem Amateur-Seniorenchor, dessen Repertoire vor allem aus russischen und ukrainischen Volksliedern bestand. Meine Oma sang mir russische Romanzen vor, die ich nie vergesse. Als Kind habe ich so einiges aus der Musikwelt kennen gelernt, aber Lieder unseres Volkes, jüdische Musik und andere jüdische Kultur gab es nicht für mich. Meine Großeltern sprachen zuhause Jiddisch mit einander, aber nur hinter der geschlossenen Tür. Ich wusste damals nicht, dass Oma und Opa so viele jüdische bzw. jiddische Lieder kennen, dass sie in ihrer Jugend in einem jiddischen Theater gespielt haben.

Als Kind wusste ich, dass wir Juden sind und dass es nicht gut ist, mit jemanden darüber zu sprechen. Mein Weg zur Schule führte an dem alten kleinen Gebäudes entlang, die ehemalige Stadtsynagoge, die mittlerweile zerstört war. Meine Mitschüler lachten immer, wenn wir vorbei gingen, und warfen Steine in die Fenster. Ich war wütend, aber ich musste schweigen - meine Mutter hatte mir verboten, mich zu äußeren. Die Position unserer Familie in der Gesellschaft war grundsätzlich immer in großer Gefahr, aber ganz besonders auch, weil meine Mutter als Geschichtslehrerin arbeitete, einem "ideologischen" Beruf und genau beobachtet wurde. Und trotz allem ist durch meine Oma ein Echo der jüdischen Mentalität in unserer Familie geblieben, das spiegelte sich in der Denkweise, im Benehmen, in Alltagsfragen z.B. beim Essen.

In den 80-er Jahren begannen Änderungen in der sowjetischer Gesellschaft und damit auch die Wiederbelebung des jüdischen Lebens. Die kleine Synagoge in unserer Stadt Dnepropetrowsk in der Ukraine wurde wieder benutzt für Gottesdienste und als Treffpunkt für Juden überhaupt, auch ich war mit Mann und Kindern dabei. Anfang der 90-er Jahre gab es schon eine jüdische Sonntagsschule, nichts Großartiges, aber immerhin. Meine Tochter besuchte mit großen Vergnügen diese Schule einige Zeit vor unserer Abreise 1993 nach Deutschland. Sie konnte so anders als ich bereits als Kind einiges über das Judentum lernen.

Heute hat die Synagoge meiner Heimatstadt eine gut entwickelte Infrastruktur und wird von der Stadtverwaltung und allgemein von der Regierung stark unterstützt. Aber andererseits hat sich der Antisemitismus in der ukrainischen Gesellschaft wesentlich verstärkt.

1993 kam ich mit meiner Familie nach Deutschland, nach Gelsenkirchen. Was ist hier mit meiner jüdischen Identität und der meiner beiden Töchtern passiert?

Meine älteste Tochter hat bis zum Abitur den jüdischen Religionsunterricht besucht, dafür fuhr sie bis nach Düsseldorf. Sie war aktiv in der Jugendarbeit. Trotzdem ist sie heute weit weg vom Judentum. Der Grund: Sie fand das menschliche Klima in unserer Gemeinde unerträglich. Wie kommt das? Ich möchte natürlich nicht in Einzelheiten gehen, aber die Situation in den deutschen jüdischen Gemeinden ist sehr kompliziert (...) Es gibt viele Gründe, warum der Aufbau, das Wachsen der jüdischen Gemeinden in Deutschland ein komplizierter und schmerzhafter Prozess ist, auch andere. Das muss auch in der Gesellschaft gesehen werden da brauchen wir Unterstützung.

Meine jüngere Tochter hat ebenfalls den jüdischen Religionsunterricht bis zum Abitur besucht, sie ist dafür nach Dortmund gefahren. Sie war im Jugendzentrum noch aktiver als ihre Schwester und interessiert sich nach wie vor für jüdische Themen. Sie ist nach dem Abitur als Freiwillige nach Israel gegangen und hat dort für Grundschulkinder Kunst unterrichtet. Dabei wohnte sie mit jungen Juden aus der ganzen Welt zusammen, das war für sie eine wichtige Erfahrung. Und obgleich sie sich sehr für Israel und jüdische Themen interessiert und engagiert, glaubt sie selber nicht an Gott. Ich selbst bin sehr interessiert, mehr über das Judentum zu lernen, den reichhaltigen religiösen und kulturellen Schatz, den wir haben. Und ich gebe das weiter, was ich und viele meiner Landsleute dazu anzubieten haben, das Wissen und die Erfahrungen, die wir in der Ukraine und den Ländern der UdSSR erworben haben.(...)

(...) Und noch etwas schmerzhaftes zum Thema: Mein Vater war ein jüdischer Soldat! Wegen seiner Verwundungen ist er viel zu früh gestorben!

Wir, russische Juden, sind heute deutsche Bürger. Wir sind hierher gekommen mit allem, was wir haben, auch mit unserer Vergangenheit. Unsere Geschichte soll heute ein Teil der deutschen Geschichte sein. So verstehen wir das, viele von uns. Besonders die Jahre 1941-1945 das ist unmittelbar unsere gemeinsame, deutsch-jüdische Geschichte. Über die Schicksale russischer Juden wurde aber nie im Kontext des Holocausts geredet, auch am 9. November nicht.

Warum wird in Deutschland, in Gelsenkirchen nur über Auschwitz und Theresienstadt gesprochen und über viele anderen Orte der jüdischen Tragödie in Europa, von Orten auf dem Territorium der ehemaligen UdSSR jedoch kaum?

Warum sieht man in Deutschland Juden nur als Opfer und spricht kaum über den Widerstand der Juden? Warum haben bei so großem "Holocaust-Alarm" die Veranstaltungen von KINOR z. B. über das Minsker Ghetto und zwar mit Erzählung eines Überlebenden über die Widerstandsbewegung im Ghetto, mit den Vorlesungen in hohem Deutsch (unter anderen von Rolf Gildenast und Diana Heise vom Consol Theater) kein Interesse in Gelsenkirchen gefunden (von den Schulen z. B.)?

Jüdische Soldaten des 2. Weltkrieges gehören zu den Helden, die Europa vom Hitler- Faschismus befreiten und den Rest der europäischen Juden gerettet haben, meistens bezahlt mit dem eigenem Leben. Ein Jude, Kapitän Schapiro, war der erste, der als Befreier im Dienste der Sowjetischen Roten Armee die Tore von Auschwitz öffnete.

Heute leben auch in Deutschland, in Gelsenkirchen jüdische Kriegsveteranen aus der ehem. UdSSR und ihre Nachfolgen. Wie werden sie hier wahrgenommen, wie respektiert? Interessiert man sich über ihr Leben hier, über ihre Probleme? Haben sie von der deutschen Seite ein Dankeschön für ihre Heldentat bekommen?

Jüdische Migranten aus der ehem. UdSSR das alles sind die Menschen oder ihre Nachfolgenden, die selbst während der Okkupation oder der Evakuation gelitten haben. Das sind die Familien, die ihre Angehörige verloren oder vermisst haben. Letztendlich sind unter unseren Landsleuten hier auch die Holocaust-Opfer. So oder so ist jede Familie hier lebender Juden vom Krieg getroffen. Wir haben hier aber das Gefühl, dass unsere Vergangenheit hier kaum jemanden interessiert.

Quelle: Elena Gubenko, KINOR. November 2008.
(Die Texte und Bilder stellt KINOR bereit, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Elena Gubenko)

Andreas Jordan, November 2008