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1909-2009: 100 Jahre Deganyah (Degania) Aleph

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Deganyah Aleph - Kurzbericht des Zeitzeugen Joseph P. Krause

Foto: Deganyah Aleph am See Genesareth

Bild: Sarah McGee. Eingangsschild Deganyah Aleph am See Genesareth. Deganyah Aleph war der erste Kibbutz der Welt, gegründet 1909 von Joseph Baratz, dem legendären "Vater der Kibbutzim".

Für diese Dokumentation hat uns der Zeitzeuge Joseph P. Krause, geboren in Gelsenkirchen-Schalke, aus der Generation der Söhne und Enkel der Siedler am Jordan und der Staatsgründer, freundlicherweise Notizen und Dokumente zur Verfügung gestellt.

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Lage von Deganyah Aleph am See Genesareth

Deganyah Aleph liegt im Jordantal an den Ufern des Sees Genesareth, hebräisch: Kinereth oder Kinnereth, abgeleitet von "Kinor", und zwar nach der aus der Vogelperspektive oder von den Bergen des Golan erkennbaren Form des altjüdischen Musikinstruments "Kinnor" oder "Kinor", einer tragbaren Leier mit 5 bis 7 Saiten und einem kastenförmigen Resonanzkörper.

Der alte Flurname war "Umm Dshunii" und leitete sich vom originären "Kfar Dshun" aus der Talmud-Zeitepoche ab. Nördlich von Deganyah Aleph liegt die bronzezeitliche Stätte "Beit Yerach" und in unmittelbarer Nachbarschaft der archäologische Ort Ohalo, Epi-paläolithische Fundstätte ca. 23.000 Jahre vor der Zeitenwende.

Deganyah ist das hebräische Wort für "Kornblume." Deganyah Aleph liegt nicht in Cisjordanien, sondern geographisch bereits in Transjordanien, 198 Meter unter dem Meeresspiegel.

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Luftbild von Deganyah Aleph (Oben links) und Beth am See Genesareth

Kurzbericht des Zeitzeugen Joseph P. Krause zu Deganyah Aleph

Joseph P. Krause, 1985

Joseph P. Krause, 1985

Nach meiner Übersiedlung nach Israel lebte ich zunächst in der Kvutzath Kfar ha'choresh bei Nazareth, aus welcher u.a. auch Ephraim Kishon hervorging, und ich bin heute noch sehr stolz auf die Tatsache, daß ich dort in den Hügeln der biblischen Landschaft von Galil ha'tachkthon, Unter-Galiläa, auf einem archäologischen Fundort aus der Zeit ca. 9000 Jahre vor der Zeitrechnung und im Ambiente des Jesus von Nazareth in Sichtweite zu Zippori, dem Geburtsort der Mutter Jesu, mit außergewöhnlichen Persönlichkeiten der Zeitgeschichte in Gemeinschaft leben durfte.

An hervorragender Stelle, ohne daß ich irgend jemanden abwerte, möchte ich den wegen seiner Menschlichkeit gerühmten Aharon Kidron, der Auschwitz überlebt hatte, erwähnen. "Ronchy" wurde später der Leiter der israelischen Kibbutz-Chöre, Direktor der "Musica Sacra" in Nazareth und Begründer des Jerusalemer Barock-Ensembles.

Uri Varda, zu meiner Zeit ein ungewöhnlich strebsamer Junge aus Kfar ha'choresh, brachte es zum Professor an internationalen Universitäten und zu einem der weltgrößten Cembalisten. Avraham Gordon, Kronzeuge im Jerusalemer Prozeß gegen Adolf, Sohn des Karl Adolf Eichmann, lebte mit seiner Familie in Kfar ha'choresh, ging dann aber - wie auch ich später - nach Eylath am Roten Meer, wo wir beide in den Kupferminen des Königs Salomon in Timna schufteten.

Sprachlergangs-Zertifikat für Josep P. Krause

Sprachlergangs-Zertifikat für Joseph P. Krause: MISRAD HA'CHINUCH VE HA'TARBUTH - Staatsministerium für Kultur und Erziehung, Department für Kulturelle Angelegenheiten, Abt. für das Erbe und die Pflege der Sprache. Herr Krause, Joseph P., hat sich turnusgemäß einem Sprach-Lehrgang in Deganyah-Aleph ab 11. Juli 1965 unterzogen. Gemäß dem Unterrichtsgesetz des Staatsministeriums für Kultur und Erziehung absolvierte er die Examina am 11.01.1966 (II. Graduierung) laut dem Plan der Erziehungs-Abteilung (des Ministeriums). Zum Zeugnis dessen wird ihm dieses Dokument ausgehändigt. gez.: Yona Gombo. Ausgefertigt am 19. Tag des Monats Tewet im Jahre 5726 (11. Januar 1966)

Die Sochnuth ha'yehudith, die Jüdische Einwanderungs-Agentur, vermittelte mich von Kfar ha'choresh aus zum Studium der hebräischen Sprache in die Kvutzath Deganyah A, den ersten Kibbutz in Palästina. Hier lebte ich mit den Geistesgiganten und Aktivisten der neueren, jüdischen Geschichte, Wissenschaft und Kultur zusammen. So war eine Jugendfreundin Franz Kafka's (Kindergärtnerin des in Deganyah A geborenen Moshe Dayan und wie Kafka von Max Brod gefördert), die zum "Prager Kreis" gehörende Irma Miryam Singer-Berkovitsch, meine Nachbarin.

Eugen Neter, sitzend

Eugen Neter, sitzend

Meine Chawerim in Deganyah-Aleph waren u.a. Ya'aqov Berkovitsch und Dr. Eugen Yitzchak Neter, früher Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Mannheim. Dr. Neter war in der Weimarer Zeit einer der berühmtesten Kinderärzte Deutschlands und führend im Verband der jüdischen Frontkämpfer des I. Weltkrieges. Er gelangte über das französische Konzentrationslager Gurs nach Palästina.

Eugen Neter

Eugen Neter

Nach Eugen Neter, Briefpartner u.a. von Peter Bamm, und seiner Mitstreiterin Pauline Maier sind in Mannheim zwei Institute benannt, so die "Eugen-Neter-Schule" für behinderte Kinder und das "Pauline-Maier-Seniorenheim", dessen Benennung nach dieser selbstlosen, jüdischen Märtyrerin Dr. Neter durchgesetzt hatte. Meine Unterlagen zu Dr. Neter sollen nach Systematisierung meines Archivs, die infolge meines Alters und schwerer Behinderungen nur schleppend erfolgt, an Mannheimer Institutionen abgegeben werden.

Golda Meir

Golda Meir, der erste weibliche Premierminister Israels.

Einer von meinen Nachbarn im Jordantal war Ministerpräsident Levi Eshkol. Golda Meir widmete mir ihr Foto mit Signatur. Mein unmittelbarer Haus-Nachbar war Joseph Baratz, der "Vater der Kibbutzim." Er gründete die Kibbutz-Bewegung und Deganyah-Aleph 1909. Die Eheleute Miryam und Joseph Baratz waren Weggefährten von David Ben Gurion. In die hebräische Ausgabe des Buches "Siedler am Jordan" von Joseph Baratz, "Al g'doth ha'yarden" (auch in Deutsch erschienen bei Vandenhoeck & Ruprecht), schrieb Miryam Baratz die hebräische Widmung: "Für Joseph Krause, den Guten, zum Andenken, als er in Degannyah Aleph im Ulpan gewesen ist, und während derselben Zeit war er ein angenehmer Nachbar von uns. In Freundschaft Miryam und Joseph Baratz".

Ich beteiligte mich am Aufbau des Staates Israel in den Organisationen der Staatsgründer, von denen ich mehrere persönlich kannte. In Israel spezialisierte ich mich auf die Kultivierung von Zitrus-Plantagen. Mit den Chawerim in Kfar ha'choresh arbeitete ich vornehmlich in den "Pardessim" (= Zitrus-Plantagen; "Pardess" ist das Wurzelwort für "Paradies") im Emeq Yezreel am Fuße des biblischen Berges Tabor. Dr. Arthur Ruppin, der auf dem Friedhof in Deganyah Aleph seine letzte Ruhestätte fand, berichtete in seinem Artikel "Buy the Emek" ("Kaufe das Tal") in "The New Palestine", N.Y., Mai 1929, daß es sehr schwierig war, das versumpfte Malaria-Tal von Yezreel zur Kultivierung zu kaufen, weil seinerzeit der türkische Statthalter in Nazareth fanatisch antizionistisch eingestellt war. Da der Keren Kayemeth le'Israel (Jüdischer Nationalfonds) das Land nicht kaufen konnte, erbot sich der Jude Efraim Krause, der die türkische Staatsangehörigkeit besaß, als Strohmann zu fungieren. Der türkische Wesir in Nazareth aber durchschaute das Spiel, und Efraim Krause kam gleichfalls nicht zum Zuge.

Ein Naturphänomen, das ich während meiner Schulzeit in Deganyah Aleph beobachtete, beschrieb ich am 24. Dezember 2008 (= 27. Kislev 5769) in meiner Geschichte "Ich habe einen Stern im Morgenland gesehen", die Andreas Jordan im Januar 2009 im "Gelsenzentrum" ins Internet einpflegte.

Meine Tagebuch-Notizen und Niederschriften aus meiner Zeit in Israel bestehen aus tausendfältigen Texten, die komplett auszuarbeiten ich bisher noch nie Gelegenheit hatte, obwohl ich seit Jahren von der Ausformulierung meines Entwurfs "Land, das von Blut und Tränen fließt", wachträume. Nachfolgend fasse ich zur stillen Centuriums-Feier in Deganyah Aleph meine Eindrücke zu einigen Persönlichkeiten in Deganyah Aleph zusammen, ohne daß ich den Anspruch erhebe, umfassend vorzutragen. Mir liegt nur daran, einige Bilder aus dem ersten Kibbutz der Welt als Zeitzeuge zu vermitteln - in quantum possum.

Natürlich konnte ich als Zeitzeuge und Chronist es nicht unternehmen, geschweige denn wagen, in ebenso traum- wie saumseliger Schalom-Romantik und zionistischem Idealismus und Pioniergeist lediglich Zimbeln und Schalmeien zu einem Konzert der Seligsprechung aller Chaluzim zu komponieren. Es gab auch Höhen und Tiefen, Differenzen, politischen und persönlichen Dissens.

Die 100-Jahr-Feier ist jedoch nicht der geeignete Zeitpunkt, die ideologischen Strömungen und damit verknüpfte Unfreundlichkeiten aufzulisten, dies einerseits, um den inzwischen Verstorbenen das ihnen geziemende, ehrende Gedenken zu bewahren, andererseits deshalb, um die stille Freude des hundertjährigen Festes nicht durch kleinkarierte Nörgeleien an einzelnen Persönlichkeiten und Ereignissen zu vermiesen.

So beschränke ich mich auf wenige Stichworte aus meinen kilogewichtigen Aufzeichnungen und Dokumentationen, deren vollständige Ausarbeitung mir infolge Alters und gesundheitlicher Probleme wohl nicht mehr gelingen wird, obwohl mir daran gelegen ist, durch milde Kritik an einschlägigen Punkten, denen ich in diesem Kurzbericht die ätzende Schärfe meiner originalen Niederschriften nehme, zu sorgfältigen Recherchen anzuregen, die bei Arbeiten Nachgeborener mitunter im Rausch der Selbstüberschätzung und in Euphorie vermeintlicher Entdeckung objektiver Bewertung nicht standhalten.

Übrigens erhielt die Kvutzath Deganyah Aleph im Jahre 1981 den Israel-Preis für besondere Verdienste um den Staat Israel und seine Gesellschaft. Ich schließe mit einem Satz, den mein Nachbar Joseph Baratz 1931 in seinem in Tel Aviv vom Keren Kayemeth le'Israel herausgegebenen Büchlein "Dagania" (deutschsprachige Ausgabe Seite 7) formulierte, und den ich meinen eigenen Erinnerungen gleichfalls zugrunde lege:

"Ich habe nur ein wenig von dem niedergeschrieben, was im Gedächtnis der Menschen eingegraben ist, die in Dagania seit seiner Gründung arbeiten."

Joseph P. Krause

Oberin Pauline Maier

Oberin Pauline Maier

Pauline Maier war bis zur Deportation der badischen und pfälzischen Juden Leiterin des mit 50 Betten einzigen jüdischen Altersheimes und Krankenhauses im badischen Raum. Juden wurden von anderen Krankenhäusern fast nicht mehr aufgenommen. Das arische Personal war auf Weisung der NSDAP schon lange entlassen worden.

Am 22. Oktober 1940 wurden aus Mannheim etwa 2500 Juden verhaftet und mit Handgepäck in "Sonderzügen" nach Gurs verschleppt. Zurück blieben nur etwa 100 nicht mehr transportfähige und ebenso viele in Mischehe lebende Juden. Aber auch Oberin Pauline Maier und der Kinderarzt Dr. Eugen Neter, Präsident der israelischen Gemeinde, sollten in Mannheim zurückbleiben. Beide wollten jedoch ihre Gemeinde nicht verlassen und baten, diese begleiten zu dürfen.

Im Winter 1940/41 befanden sich im Lager Gurs ungefähr 14 500 Menschen. Es gab viele Selbstmorde. Darmerkrankungen rafften über 600 Frauen und Männer unter den vielen alten, seelisch und körperlich geschwächten Gefangenen schon in den ersten drei Monaten dahin. Die mitgekommenen Schwestern des jüdischen Krankenhauses leisteten unvorstellbar schwere und vorbildliche Arbeit. Als im Winter 1942 Transporte nach Theresienstadt erfolgten, sollte Pauline Maier wiederum im Lager bleiben. Sie bestand darauf, wie die Heidelberger Ärztin Dr. Johanna Geissmar, ihre Leidensgefährten auch auf dem Weg zur Vernichtung zu begleiten...

Quelle: Ausstellung "Widerstand gegen den Nationalsozialismus", Mannheim


Andreas Jordan, Mai 2010

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