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1909-2009: 100 Jahre Deganyah (Degania) Aleph

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Notizen aus dem Gedächtnis - Dr. Eugen Yitzchak Neter

Nachbar des Joseph P. Krause in der Kvutzath Deganyah Aleph, Emeq ha'yarden

Mit dem Chawer Eugen Yitzchak Neter verstand ich mich während meiner Zeit in Deganyah Aleph auf Anhieb ausgezeichnet, obgleich er zu Beginn unserer Nachbarschaft leicht irritiert sagte: "Ich weiß nicht genau, wie ich dich einordnen kann." Dr. Neter wurde seit Jahren von allen im Kibbutz "Saba Neter" genannt: "Großvater Neter". Er war bei jung und alt beliebt und verströmte stets den Optimismus und die Weisheit des abgeklärten Lebens. Er war vor dem Weltkrieg II ein berühmter Kinderarzt (mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur Pädiatrie) und Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde in Mannheim. Freiwillig ging er mit seiner Gemeinde in die Gefangenschaft (Konzentrationslager Gurs, Frankreich), obgleich er wegen seiner Ehe mit einer Christin von der Deportation befreit war. Ihn verschlug es später nach Deganyah Aleph, wo ich 1965/66 die hebräische Schule besuchte. Ich war damals 33 Jahre alt, Eugen ging auf die 90 zu.

Altersgemäß war er bedächtig und langsam, aber vital und bei klarem Verstand. Er wieselte ständig im Kibbutz umher und wuselte in Bergen von Papieren, die er in seinem Zimmer auf allen möglichen Ablagen einschließlich Fensterbrett thematisch säuberlich geordnet hatte. Er zeigte mir stolz seine Korrespondenz mit Peter Bamm und anderen Schriftstellern und Künstlern. Beeindruckend war seine Dokumentation zu den deutschen Frontsoldaten jüdischen Glaubens des I. Weltkrieges, von der er mir mehrere Dossiers überließ ebenso wie Aufzeichnungen aus dem KZ Gurs. Eines der sanitären Probleme im Lager waren - wie er kopfschüttelnd monierte - die Abtritte, bestehend aus einem Loch im Boden, wie ich dies aus meiner eigenen Internierung im serbischen Schweigelager Pancevo kannte. Für die alten und geschwächten Menschen war der Gang zur "Toilette" stets eine Tortur.

In den 1960er Jahren hatte er bei der Stadt Mannheim angeregt, eine soziale Institution nach der letzten Oberin des Jüdischen Altersheims und Krankenhauses in Mannheim, Pauline Maier, zu benennen, was daraufhin auch geschah. Pauline Maier hätte gleichfalls in Mannheim zurückbleiben können. Sie und Dr. Neter gingen freiwillig mit der Israelitischen Kultusgemeinde (ca. 2.500 Personen) in die Gefangenschaft. Pauline Maier wurde 1942 mit ihren Schützlingen von Gurs in das Ghetto Theresienstadt deportiert, um - wie es zu einer Ausstellung von Walter Pahl und Marie-Luise Zürchern heißt - "ihre Leidensgefährten auch auf dem Weg zur Vernichtung zu begleiten."

In Deganyah Aleph wie zuvor in Kfar ha'choresh bei Nazareth in Galiläa benutzte ich übrigens eine uralte Schreibmaschine, die Theresienstadt überlebt hatte, für meine Korrespondenz und das Typoskript zu "J'accuse", erschienen 1965 in Nazareth, 110 Seiten.

Mittlerweile hat die Stadt Mannheim eine Schule für behinderte Kinder nach "Dr. Eugen Neter" benannt.

Saba Neter war aus Frankreich (im KZ Gurs und später in einem Altersheim, in dem er sich verstecken konnte) nach dem Krieg durch seinen Sohn Sha'ul nach Deganyah Aleph gelangt. Dieser war bereits vor dem Weltkrieg II nach Palästina emigriert. Während des Krieges diente er in der Britischen Armee. In "The Gurs Haggadah" wird beschrieben, daß Sha'ul Neter als Angehöriger der Jewish Brigade der Britischen Armee (scherzhaft "Sr. Majestät Jüdische Streitkräfte" genannt) in Brüssel mit Dr. Pinchas Rothschild zusammentraf, der dringend Ausstattungsgegenstände für ein Waisenhaus mit jüdischen Kindern, Überlebenden der Shoah, benötigte. Als der jüdische Brigadier, als groß und gut aussehend beschrieben, in Rothschilds Büro trat, fragte dieser nach seinem Namen. Shau'ul antwortete: "Neter". Daraufhin Pinchas Rothschild: "Ich kenne einen Dr. Neter". Sha'ul: "Lebt er noch?" Fassungslos und erleichtert sorgte er dafür, daß sein Vater nach Deganyah Aleph übersiedeln konnte.

Dr. Rothschild erfuhr später, daß dem Sha'ul Neter in Deganyah Aleph ein Sohn geboren worden war: Ben Zion, genannt "Benny". Auf sein Glückwunsch-Schreiben erhielt Rothschild von Dr. Eugen Neter die erschütternde Nachricht, daß Sha'ul drei Monate nach der Geburt seines Sohnes Ben Zion im "Milchkemeth ha'atzma'uth" (= Unabhängigkeitskrieg) beim Kampf um Deganyah Aleph den Heldentod erlitt, als syrische Panzer bis an die Zäune von Deganyah Aleph vorstießen, am 9. Ijar 5708, das ist der 18. Mai 1948, drei Tage, nachdem David Ben Gurion die Unabhängigkeits-Erklärung zur Ausrufung des Staates Israel verlesen hatte.

Wie man mir erzählte - er selbst sprach darüber nicht mit mir, und ich wagte es nicht, ihn darauf anzusprechen - wurde sein Sohn Sha'ul Neter während des Unabhängigkeitskrieges ("Milchemeth ha'atzma'uth"), den der in Deganyah Aleph geborene Moshe Dayan in seinem heimatlichen Jordantal führte, mit seinem Flugzeug ausgerechnet über seinem Heimat-Kibbutz Deganyah Aleph abgeschossen, nach anderen Berichten verteidigte er Deganyah Aleph im Bodenkampf. Die Chawerim hatten alle Mühe, den Arzt Doktor Neter, der sich um die Verwundeten kümmerte, von der Leiche seines Sohnes fernzuhalten.

Die Witwe des toten Sohnes lebte zu meiner Zeit noch im Kibbutz. Sie stammte aus Hindenburg (polnisch: Zabrze). Sie berichtete, sie sei mit dem "allerletzten Zug, der noch in die Freiheit fuhr", aus Oberschlesien herausgekommen. Die nächsten Züge rollten bereits nach Auschwitz. Auch zu ihr hatte ich ein betont herzliches Verhältnis. Sie war eine wunderschöne Frau mit einer unglaublichen Ausstrahlung und von natürlicher Herzlichkeit, und so war ihr 18jähriger Sohn Ben Zion ("Benny") ein Junge von ungewöhnlicher Schönheit. Er war der Teenie-Schwarm im Kibbutz. Benny vermittelte mir mitunter frappierende Sprachkenntnisse. Als wir einmal im Kibbutz-Minimarkt, großspurig "Supermarkt" genannt, standen und ich Zahnpasta (hebräisch: Mishchath-shenaym) haben wollte, erklärte er mir, daß das Wort "mishchka" nicht nur "Paste" oder "Creme" bedeutet, sondern auch "Salbe", so daß "mishchkah" das Wurzelwort für "Mashiachk" = "Messias" sei. Der Messias also und Zahn-Pasta, eine urige Sprachverbindung. Bei einer anderen Gelegenheit, als wir über Miryam Singer und deren Jugendfreund Franz Kafka sprachen, sagte Benny lachend: "Hej, der Kafka hat sein Buch "ha'mishpath" ("Der Prozeß") über dich geschrieben. "Der Prozeß" richtete sich gegen einen Mann namens "Josef K." O-Ton Benny: "Ha'mishpath neged Josef Kuf." ("Kuf" ist die Buchstabenbezeichnung für einen der Buchstaben "K" im hebräischen Aleph Beth)

Ich stand mit Benny's Mutter noch von Eylath aus, wo ich in der Großbäckerei "Yam Suf" arbeitete, in Verbindung. Sie teilte mir nach dort mit, daß "Saba Neter", ihr Schwiegervater und Benny's Großvater, am 24. Tishri 5727, das ist der 8. Oktober 1966, kurz vor seinem 90. Geburtstag, verstorben sei.

Ihre Tochter, Benny's Schwester, war als Chaluza nach Yotvata im Negev gegangen. Dort besuchte ich sie während meiner Zeit in Eylath. Der Kibbutz Yotvata, den wir gleichfalls von unserer Großbäckerei, wo ich arbeitete, belieferten, hatte auf Initiative des früheren Oberkommandierenden der israelischen Armee für den Zafon (Galiläa), General Awraham Joffe, der von einem Groß-Israel schwärmte, und mit dem ich in Galiläa bekannt war, dessen Frau wie die noch zu erwähnenden Klevanskys aus Königsberg stammte, einen "Biblischen Wildpark", keinen Zoo, eingerichtet. Darin wurden - soweit bekannt und verfügbar - alle Tiere, die im T'nachk erwähnt wurden, integriert.

Zurück zu "Saba Neter": Er ging häufig mit mir durch den Kibbutz, während er erklärte und Erinnerungen wiedergab. Er schrieb immer noch Texte, die auch gelegentlich gedruckt wurden. So ereiferte er sich über einen Vorfall, den er zu einer Kurzgeschichte verarbeitet hatte. Es ging um einen Kibbutznik, der eine Banane, die am Boden lag, mit dem Bemerken entsorgen wollte, sie sei doch halb verfault. Darauf entgegnete Saba Neter: "Aber die andere Hälfte ist noch gut." Sicherlich ist die Begründung der "Rettung" der halben Banane nach ernährungswissenschaftlichem Kenntnisstand absurd. Lag die angebliche Moral von der Geschichte am biblischen Alter des "Saba Neter", oder wollte er lediglich eine Parabel schaffen?

Er widmete mir sein Kinderbuch mit dem Titel: "Er gab dem Hahn Verstand", nach seiner Aussage ein Zitat aus dem T'nachk, das ich nicht kannte. Nach meiner Erinnerung wurde in der Bibel gefragt. "Wer gab dem Hahn Verstand?"

Saba Neter, im Witwerstand, harmonierte mit meiner unmittelbaren Wohnungsnachbarin, der Rosa Klevansky aus Königsberg, die von ihrem Sohn Nechemia ("Heinz") nach Deganyyah geholt worden war. Auch mit ihr verstand ich mich prächtig. Ihr Sohn Nechemia (Heinz) Klevansky betreute die Poststelle der "Mobilen Post Unteres Galiläa" ("Doar na Galil ha'tachthon") im Kibbutz und war somit der Herr auch über die wissenschaftliche Korrespondenz des Saba Neter. Er besaß einen Hund (Boxer). Wenn Nechemia nicht im Büro anwesend war, setzte sich der Hund auf dessen Stuhl hinter dem Schreibtisch. Ging man vorbei und warf einen flüchtigen Blick durch die Glastüre in das Büro, war nicht zu unterscheiden, ob Nechemia oder der Hund hinter dem Schreibtisch saß. Beide hatten die gleichen Gesichtszüge, die gleiche, verdrießliche Mimik, und wir hatten immer den Eindruck, daß der Hund die Vorübergehenden grüßte, indem er mit dem Kopf nickte.

Ein herzzerreißender Akt der großen Familientragödie Neter in Deganyah Aleph spielte sich 1968 ab, weniger als 1 Jahr nach dem fulminanten Sechstage-Krieg. Der Sunny-Boy Ben Zion Neter, Sohn des Sha'ul Neter, Enkel des Eugen Yitzchak Neter, unser Benny, der in den Diensten des Engineering Corps der IDF (Israels Verteidigungskräfte) stand, fiel im Alter von nur 20 Jahren in der Schlacht bei Karame, wo Yassir Arafat das Hauptquartier der El Fatach aufgeschlagen hatte, am 21. Adar 5778, das ist der 21. März 1968.

Auf dem Friedhof von Deganyyah Aleph ruhen nun 3 Generationen Neter, Dr. Eugen Yitzchak Neter, sein Sohn Sha'ul Neter und dessen Sohn Ben Zion Neter in Gemeinschaft mit Otto Warburg, Leopold Greenberg, A.D. Gordon, Joseph Bussel, Chajuttah Bussel, das Mordopfer des Yassir Arafat, Joseph Baratz, Miryam Baratz, Ya'qov Berkovitch, Chaim Berkovitch, Miryam Singer und vielen anderen.

Ihre Namen sind im Kapitel Deganyah Aleph des Goldenen Buches der Geschichte Israels mit ehernen Lettern eingeschrieben. Ich durfte an diesem gewaltigen Epos als Zeitzeuge mitarbeiten, mitleiden und mitschreiben. Bleibt alles Wirklichkeit oder - um mit Rachel Bluwstein in ihrem Gedicht vom See Genesareth zu fragen - "träumte ich nur einen Traum?" "o chalamti chalom?"

Autor: Joseph P. Krause

Für diese Dokumentation hat uns der Zeitzeuge Joseph P. Krause, geboren in Gelsenkirchen-Schalke, aus der Generation der Söhne und Enkel der Siedler am Jordan und der Staatsgründer, freundlicherweise Notizen und Dokumente zur Verfügung gestellt.


Andreas Jordan, Mai 2010

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