GELSENZENTRUM-Startseite

September 1944: Letzte Deportation aus Gelsenkirchen

← Dokumente der Judenverfolgung in Gelsenkirchen

Header Gelsenzentrum e.V. Gelsenkirchen

Deportation der in "Mischehe" lebenden Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürger

In "Mischehen" zwischen Juden und "Ariern" galt in der NS-Zeit für jüdische Ehepartner und Kinder längere Zeit ein spezieller "Schutz". Aufgrund ihrer Verbindung zur "Volksgemeinschaft" nahm das NS-Regime sie bis Herbst 1944 von zentralen Verfolgungsmaßnahmen, Deportation und Vernichtung aus. Im Sprachgebrauch der Nationalsozialisten galten sie daher als "privilegiert". Dennoch war die sogenannte Mischehe keine Garantie für ein Überleben. Vor allem lokale Behörden gingen immer radikaler gegen diese Verbindungen vor. Viele Betroffene - wie auch deren ebenfalls ausgegrenzte und kriminalisierte Kinder - verloren dadurch nicht nur ihre Existenzgrundlage, sondern auch ihre Freiheit. Da die Regelungen zu den "Mischehefamilien" jedoch als "Geheime Reichssache" eingestuft waren, konnten deren Mitglieder nie wissen, durch welche Faktoren ihr Leben tatsächlich geschützt wurde. Weil die meisten Menschen dieser Verfolgtengruppe ihrer Ermordung im Holocaust entkamen, wurden sie viele Jahrzehnte nicht als rassisch Verfolgte wahrgenommen. Sie haben überlebt, waren jedoch traumatisiert.

Gemeinsam mit 35 weiteren jüdischen oder wie die Nazis es nannten "jüdisch versippten" Menschen in Gelsenkirchen wurden die Menschen im Rahmen einer von Himmler angeordneten "Sonderaktion J" am 19. September 1944 in den frühen Morgenstunden von der Gestapo in ihren Wohnungen verhaftet, zunächst in das Gelsenkirchener Polizeigefängnis gebracht und dann von dort nach Kassel deportiert. Männer wurden zunächst im Sammellager Zeitz, bzw. im Zwangsarbeiterlager Oberloquitz interniert. Endgültiger Zielort der Frauen in diesem Transport war das Frauenlager Elben der "Organisation Todt" (OT) im Landkreis Wolfhagen bei Kassel, Deckname "Saphir". Es folgten für einige der zumeist männlichen Ehepartner am 2. Februar 1945 ab Leipzig ein Transport in das Ghetto Theresienstadt.


Von Gelsenkirchen am 19. September 1944 nach Zeitz, Oberloquitz bzw. Elben u. andere Orte deportiert (Einzelne Mischehepartner überlebten in Gelsenkirchen bzw. versteckt in anderen Orten):

Name, Vorname Geb. Datum Befreit/ÜberlebtOrte Stolperstein
Bondy, Karl24.05.1915jaZeitz, Bruckdorf, Halle-
Elvenich, Josef05.06.1905jaInhaftiert-
Heimbach, Bernhard04.10.1888jaSitzendorf, Theresienstadt-
Heinemann, Fritz04.01.1904jaOberloquitz-
Heinrichs, Eduard08.04.1916jaOberloquitz-
Heinrichs, Heinz19.11.1919ja--
Herstein, David22.04.1892jaOberloquitz, 21.10.1944 Flucht, in Gelsenkirchen versteckt überlebt-
Jessel, Robert Max03.04.1886jaOberloquitz, Flucht Anfang November 1944, in Gelsenkirchen versteckt überlebt-
Kuschner, Moses24.07.1897jaTheresienstadt-
Neuwald, Rudolf 13.09.1902Tot an Folgen 22.12.1942Opfer des Pogroms im November 1938, schwer gefoltert -
Ostermann, Walter 08.12.1890 jaSitzendorf, Theresienstadt-
Polak, Emanuel30.11.1920jaOberloquitz-
Polak, Levie Isaak01.11.1873jaOberloquitz-
Rosenbaum, Friedrich11.11.1888 Tot an HaftfolgenTheresienstadt         Stolpersteine Familie Rosenbaum
Salomon, Louis03.11.1884jaZeitz, Theresienstadt-
Schürmann, Rudolf 25.02.1930---
Tichauer, Harry Jakob14.07.1924jaZeitz, Theresienstadt-
Tichauer, Heinrich12.10.1885jaZeitz, Theresienstadt-
Carsch, Helene20.12.1905jaElben-
Dengel, Martha, geb. Levi 25.07.1897jaElben-
Dengel, Ursula05.12.1923jaElben-
Donner, Ernestine13.08.1892jaElben-
Dudek, Edith geb. von der Walde20.12.1904jaIn Gelsenkirchen überlebt-
Giese, Hedwig geb. Waller25.02.1890jaElben-
Hain, Grete, geb. Grawi 27.03.1891jaElben        Stolpersteine Ehepaar Ludwig u. Grete Hain
Henze, Grete, geb. Lilienthal03.01.1880jaElben        Stolpersteine Familie Henze
Kristall, Frieda geb. Neumann21.12.1887 ja--
Meyer, Margarete, geb. Schwarz 18.08.1900jaElben        Stolpersteine Ehepaar Heinrich u. Margarete Meyer
Netzel, Auguste geb. Ramer27.04.1900ja19.9.1944 verhaftet, bis Ende 3/45 in Haft/Elben-
Otto, Anna geb. Wolff07.09.1899 jaVerhaftet 01.02.1945, ab 20.02.1945 Theresienstadt-
Opfer, Dorothea geb. Pahl25.09.1906jaElben-
Prüfke, Elfriede geb. Breuer02.02.1901jaElben-
Prüfke, Margot18.07.1927jaElben-
Stolze, Ilse geb. Stern30.03.1905jaElben-
Uhlenbruch, Irma geb. Rettkowski09.11.1917jaElben-
Vogel, Margareta (Marga)19.08.1920jaElben-
Voltmann, Thea20.02.1921jaElben-
Wahlen, Margarete geb. Schallamach, verw. Alexander04.05.1895jaElben, ab 1.11.1945 jüdisches Krankenhaus Berlin, dort befreit.-
Witter, Lilly geb. Fäusel26.07.1906jaElben-
Wolfrum, Margarethe geb. Aronheim, gesch. Posner, verw. Wolfrum10.12.1890jaElben, ab 1.11.1945 jüdisches Krankenhaus Berlin, ab 7.12.1944 Theresienstadt, dort befreit.-

Header Gelsenzentrum e.V. Gelsenkirchen

Für einige der vorstehend genannten Menschen wurden in Gelsenkirchen bereits Stolpersteine verlegt.
Weitere Stolpersteine sind in Planung, Stolperstein-Paten gesucht. (Stand 4/2023)

Header Gelsenzentrum e.V. Gelsenkirchen

Quellen:
Die Listung der aus Gelsenkirchen nach Sammellager Zeitz, Zwangsarbeitslager Opberloqwitz bzw. Frauenlager Elben verschleppten Menschen basiert u.a. auf die Eintragungen im Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933-1945)
MAPPING THE LIVES. Ein zentraler Erinnerungsort für die Verfolgten in Europa 1933-1945. Ein Projekt von Tracing the Past e.V. (Abruf 3/2023)
Institut für Stadtgeschichte (ISG), Datenbank der in den Jahren 1933 bis 1945 in Gelsenkirchen verfolgten Jüdinnen und Juden (Abruf 3/2023)

Header Gelsenzentrum e.V. Gelsenkirchen

Andreas Jordan, März 2023.

↑ Seitenanfang