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Schließlich erfolgte im Mai 1947 durch den Haupt- und Finanzausschuß noch eine Umbenennung:
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Neue Straßennamen - Umbenennung von Straßen, die die Namen bekannter Militaristen tragen:
... Zum Schluß beriet der Ausschuß über die Umbenennung der Straßen im Stadtgebiet. Oberbürgermeister Geritzmann trug dazu vor, daß nach dem Erlaß des Innenministers vom 6. November 1946 alle Straßen und Plätze umbenannt werden sollen, die Namen bekannter Militaristen tragen. Ein ergänzender Erlaß vom 8. Februar 1947 habe die Begriffe „militärisch" und „Militarist" so ausgelegt, daß sie sich auf alle kriegerischen Ereignisse nach dem 1. August 1914 beziehen sollen, sowie auf Personen, die mit solchen Ereignissen direkt in Verbindung stehen. Wenn daher auch eine Umbenennung von Straßen, die den Namen von Moltke, Bismarck, Blücher, Sedan oder Metz tragen, nicht notwendig sei, so erscheine es nach Ansicht der Verwaltung doch grundsätzlich zweckmäßig, Namen, deren Bedeutung auf politischem Gebiet liege, zugunsten solcher Bezeichnungen zurückzustellen, die örtlich bedingte Flurnamen, geographische Merkmale der Heimat, Städte, die in besonderer Beziehung zu Gelsenkirchen stehen und ortsbedingte Produkte und Berufe ausdrücken. Nach Erörterung der einzelnen Vorschläge beschloß der Ausschuß die Umbenennung folgender Straßen:
Hindenburgstraße in Husemannstraße, Von-Richthofen-Straße in Feldmarkstraße, da sie den Stadtteil Feldmark in seiner ganzen Länge durchschneidet, Möldersstraße in Elisenstraße, den früheren Namen dieser Straße, Gneisenaustraße in Sellmannsbachstraße, da sie in der Nähe des Sellmannsba-ches liegt, Moltkeplatz in Neustadtplatz, Roonstraße in Ruhrstraße, Seydlitzstraße in Braunschweiger Straße, Scharnhorststraße in Heidelberger Straße, Yorkstraße in Göttinger Straße, Zietenstraße in Herner Straße, Bülowstraße in Regensburger Straße; diese fünf letzteren Straßen liegen alle im Stadtteil Ueckendorf dicht beieinander und tragen daher zur leichteren Orientierung einheitlich die Namen deutscher Großstädte.
Im Ortsteil Buer wurde die Blücherstraße in Lessingstraße umbenannt, da in ihrer Nähe bereits andere Straßen mit den Namen deutscher Dichter liegen; die Moltkestraße heißt künftig Schreinerstraße, die Wrangelstraße Drechslerstraße, da beide Straßen die Steinmetzstraße, die ebenfalls nach einem Handwerk benannt ist, umrahmen. Im Ortsteil Horst wurde die Kluckstraße in Boystraße umbenannt.
(Bekanntmachungen der Stadt Gelsenkirchen, Nr. 21/24. 5. 47, S. 1.)
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Der Wert des politischen Gedankens
Die Entnazifizierung stand insgesamt vor großen Problemen, von denen eines der wichtigsten darin bestand, daß den Betroffenen oft das Schuldbewußtsein gänzlich fehlte. In einer Rede Ende 1945 brachte der Militärgouverneur des Regierungsbezirkes Münster, Oberst Spottiswoode, dies so zum Ausdruck:
Es gibt einen Mann, den die meisten Offiziere der Militärregierung in Deutschland gern treffen möchten. Und das ist ein Nazi - ein Mann, der sagen wird: „Ja, ich trat der Partei bei, weil ich davon überzeugt war, sie hätte die richtige Politik, an deren Verwirklichung ich helfen wollte, natürlich jetzt.. ."Aber was er jetzt denkt, hat nichts mit diesem Thema zu tun.
Wir haben viele frühere Parteimitglieder angetroffen, aber alle haben der Partei nur angehört, weil sie ihre Stellung behalten und ihre Familien ernähren mußten. Scheinbar hat niemand an ihre Politik geglaubt oder sie gar gebilligt; trotzdem aber haben alle für sie gearbeitet. Wir haben auch viele Leute angetroffen, die zwar Mitglied der Partei gewesen sind, aber keine Schritte unternommen haben, sich ihr zu widersetzen, obgleich sie nun ihren Abscheu offen aussprechen. „O ja, aber die Gestapo! Sie wissen nicht, was die Gestapo war." Natürlich wissen wir es nicht. Die Gestapo war ein Instrument, von Deutschen geschaffen, von Deutschen ausgerichtet und von einem Deutschen gehandhabt. Oder war es ein Oesterreicher?
Wir sehen es keinesweg als Ergebnis eines glücklichen Zufalles an, daß wir keine britische Gestapo kennen gelernt haben. Wir empfinden es als eine natürliche Folge unserer Entschlossenheit, niemals ein derartiges Instrument zu besitzen, unserer inneren Anteilnahme an der Gestaltung, der Art und der Politik unserer eigenen Regierung und als Folge unserer Fähigkeit, solch ein Instrument sofort im Keime zu ersticken, selbst wenn genug Männer von dieser Art und von dieser Ruchlosigkeit gefunden werden könnten, die an ihr Anteil nehmen würden. Wir fühlen uns alle für unsere Regierung und ihre Politik verantwortlich, selbst wenn wir persönlich unsere Stimme nicht dafür abgegeben haben. Wir beobachten sie und ziehen sie zur Rechenschaft, wenn sie aufhört, unsere Meinung zu vertreten. Und jede neue Regierung weiß, daß auch sie zur Rechenschaft gezogen wird.
Ich möchte einen weiteren Ausspruch von Hans Schmidt anführen: „Zu Anfang taten die Nazis nur Gutes für Deutschland. Sie beseitigten die Arbeitslosigkeit, sie gaben uns unsere Selbstachtung zurück, sie führten die abgetrennten Gebiete Deutschlands dem Reich wieder zu. Wir machten uns keine Gedanken darüber, wohin dies alles führen würde, bis es zu spät war." Weshalb tatet Ihr das nicht? Wann wurde Euch „Mein Kampf" zu lesen gegeben? Ihr habt ja jede Gelegenheit dazu gehabt. Fandet Ihr dort nicht die Politik, die Hitler so unbeirrbar verfolgte? Die ruchlose Unterdrückung allen inneren Widerstandes, die unglaubliche und unmenschliche Ausrottung der Juden, die fast unbegrenzte Eroberungssucht? Wann habt Ihr aufgehört, aus eigener Initiative „Heil Hitler" zu rufen? Nach all den Jahren des Kampfes gegen Deutschland hatten wir erwartet, es fest mit dem Nationalsozialismus verwachsen vorzufinden. Und was fanden wir vor? Ein deutsches Volk, das fast einstimmig irgendeine Verbindung oder eine Sympathie zum Nationalsozialismus von sich wies. Was sollen wir darüber denken? Eine fast allgemeine innere Unehrlichkeit oder Feigheit? Ein Volk, das wie eine Schafherde unfähig ist, sich ihrem Hirten und ihrem Wachhund zu widersetzen und sich keine Gedanken darüber macht, wohin sie geführt wird und sollte es selbst zum Schlachthaus sein. Oder ist es ein Volk, das ganz bewußt auf irgendeine Gelegenheit wartet, um zu seinem eigenen eingebildeten Vorteil in eine friedliche Welt einzubrechen?
Keine Meinung ist hundertprozentig richtig und keine ist hundertprozentig falsch, aber beide sind für die Zukunft verhängnisvoll. Es gibt wahrscheinlich noch sehr viele Deutsche, die nicht einsehen, daß es ihre Pflicht ist, ihre zukünftige Regierung selbst zu gestalten, und die glauben, daß das Schicksal entscheiden wird, und daß sie sich alle seinen Befehlen unterzuordnen haben. Das sind jene Leute, die aus ihren persönlichen und alltäglichen Problemen losgelöst werden müssen, damit sie sich ihrer Pflicht der Zukunft Deutschlands gegenüber bewußt werden. Das sind jene Leute, die überzeugt werden müssen, ihr Wollen und ihr Denken demokratischen Zielen zuzuwenden. Nie wieder dürfen sie sich dieser großen Verantwortung für das unbeschreibliche Elend, die Not und die Verbrechen durch ihre passive Haltung entziehen. Diejenigen, die über eine tiefe demokratische Ueberzeugung verfügen, haben die Verpflichtung, das Interesse der Gleichgültigen zu erwecken.
(Bekanntmachungen der Stadt Gelsenkirchen Nr. 26/10. 11.45, S. 1.)
Die Entnazifizierung scheiterte nach teilweise guten Zwischenergebnissen letztlich daran, daß sie als personelle mit den bekannten vielfältigen Schlupflöchern und nicht als strukturelle Entnazifizierung betrieben wurde. Es wurden lediglich einzelne schwerbelastete Personen zur Rechenschaft gezogen, in Zweifelsfällen wurden sie aber in ihren Positionen und Ämtern belassen. Das gilt auch für eine Vielzahl belasteter Personen, die angeblich in ihren Ämtern und Positionen unverzichtbar waren. Dadurch blieben in der Verwaltung, Richterschaft, Lehrerschaft, in der Industrie und in vielen anderen Bereichen die jeweiligen Führungseliten in ihren Positionen, die selbst auch als Struktur erhalten blieben, denn die Entnazifizierung war in diesen Bereichen nicht mit einer gesellschaftsverändernden Reform gegenüber der Nazizeit verbunden. Daß trotz der zweifellos vorhandenen Erfolge der Entnazifizierung vieles zur Farce wurde, wird an einem prominenten Beispiel in Gelsenkirchen deutlich. Der ehemalige Kreisleiter der NSDAP in Gelsenkirchen, Otto Plagemann, wurde von der II. Spruchkammer in Recklinghausen am 12. 2.1948 zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Berufungsinstanz verurteilte ihn am 16. 9.1948 zu 1 Jahr und 5 Monaten Gefängnis sowie DM 2.000 Geldstrafe. Da Plagemann IV2 Jahre Internierungshaft angerechnet wurden, verließ er den Gerichtssaal als freier Mann.
Der Gelsenkirchener Polizeibericht vom 25. Juni 1948 hält lakonisch fest:
"Eine Interessenlosigkeit der Bevölkerung an den Sitzungen der Entnazifizierungsausschüsse zeigt sich darin, dass die öffentlichen Verhandlungen fast garnicht besucht werden."
Daß die gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer die Entnazifizierung von Anfang nicht nur aktiv und kritisch mittrugen, sondern auch noch nach mehreren Jahren nicht bereit waren, falsche Entscheidungen in den von ihnen beeinflußbaren Bereichen, den Betrieben, hinzunehmen, zeigen die beiden folgenden Beispiele. Gegen die Einstellung des Direktors von Velsen als 2. Direktor wehrte sich die Belegschaft der Schachtanlage Nordstern l/ll am Samstag, dem 2. Oktober 1948, in Horst mit einem eintägigen Streik. Dem Streik der Morgenschicht (800 Mann) schlössen sich Mittagschicht (700 Mann) und Nachtschicht (400 Mann) an. - Mit einem Generalstreik reagierte am 22. Dezember 1949 die Belegschaft der Vestischen Straßenbahnen auf den Beschluß des Aufsichtsrates, den politisch belasteten Direktor Alois Greve trotz des Protestes des Betriebsrates und der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr wieder einzustellen. Greve war nach Kriegsende als ehemaliger Obersturmbannführer fristlos entlassen worden und im Entnazifizierungsverfahren in Gruppe III (Aktivisten) eingestuft worden, nach mehreren Revisionsverhandlungen aber in Stufe IV b ohne Beschränkung gekommen.
Nachdem eine Abordnung von 15 Bürgermeistern der an den Vestischen Straßenbahnen interessierten Städte in ultimativer Form an den Vorsitzenden des Aufsichtsrates herangetreten war, stimmte der Aufsichtsrat den Forderungen der Streikenden zu, so daß der Streik am 23. Dezember 1949 beendet werden konnte. Knapp zwei Monate zuvor war in Gelsenkirchen die Entnazifizierung durch die Einstellung der Arbeit des Entnazifierungsaus-schusses beendet worden. Er hatte vom 2. Mai 1946 bis zum 31. Oktober 1949 gearbeitet. In dieser Zeit erledigte er 16.300 Fälle. Davon wurden 560 in die Kategorie III, 2.140 in IV und 13.600 in V eingestuft. Die Kammern des Berufungsausschusses erledigten 1.270 Fälle. Die am 31.10.1949 noch unerledigten Fälle wurden an den bei der Regierung in Münster gebildeten Entnazifizierungs-Hauptausschuß bzw. -Berufungsausschuß weitergeleitet.
Ein Gesamtresümee der Entnazifizierung in der Bundesrepublik Deutschland zog der Historiker Christoph Kleßmann 1982 in seinem Buch "Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945-1955":
"Zweifellos bestehen Zusammenhänge zwischen den Auswirkungen der Entnazifizierung und den für die fünfziger Jahre bestimmenden Erscheinungen der Entpolitisierung in der Bundesrepublik. Man sollte sie jedoch nicht überschätzen. Sicherlich wurden schon vorhandene autoritäre Dispositionen verstärkt. Das im Entnazifizierungsverfahren erlebte Risiko politischen Engagements hat den Rückzug in Beruf und Privatleben gefördert und statt aktiver Umorientierung eher eine innere Abwehrhaltung forciert. Da zugleich die westlichen Besatzungsmächte eigenständige deutsche antifaschistische Ansätze mit dem Ziel gesellschaftlicher Strukturreformen abblockten, wobei der beginnende Kalte Krieg eine wichtige Determinante bildete, wurden im Ergebnis der Entnazifizierung wesentliche soziale Grundlagen für die vergleichsweise reibungslos verlaufende Westintegration gelegt."
Aus "Für uns begann harte Arbeit - Gelsenkirchener Nachkriegslesebuch". Jürgen Dzudzek/Hartmut Hering S. 246-252 ff. Herausgeber: Hartmut Hering, Hugo Ernst Käufer und Michael Klaus. Asso Oberhausen 1986. ISBN 3-921541-63-8
Widerspruchslos akzeptiert
Das Entnazifizierungsschlussgesetz, am 11. Mai 1951 verkündet und am 1. Juli in Kraft getreten, markierte einen Schlusspunkt. Am 10. April 1951 hatte der Deutsche Bundestag bei nur zwei Enthaltungen das "Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der unter Artikel 131 des Grundgesetzes fallenden Personen" (das so genannte 131er-Gesetz) verabschiedet. Dieses Gesetz sicherte nun mit Ausnahme der Gruppen I (Hauptschuldige) und II (Schuldige) die Rückkehr in den öffentlichen Dienst ab. Quasi zum moralischen Ausgleich hatte der Bundestag das "Gesetz zur Regelung der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts für Angehörige des öffentlichen Dienstes" nur wenige Tage vorher einstimmig verabschiedet und gleichzeitig mit diesem verkündet. Die Entnazifizierung fand damit auf Länder- und Bundesebene ihr endgültiges Aus und dies wurde von vielen in der Bevölkerung widerspruchslos akzeptiert...
Auf der Suche nach Zeugen
Die hier gezeigten Dokumente sind exemplarisches Beispiel für das Bemühen der Täter, sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Wer war dieser Hans Behrens, der um einen Leumundszeugen bemüht war? War er auch einer der Täter? Behrens bittet "vorsorglich" im Oktober 1946 um das Zeugnis des Rolf Risse, dessen Mutter als Jüdin nur wegen ihres Glaubens kurz vor Kriegsende von den Nazis ermordet wurde. Behrens ist nach eigenen Angaben vor 1937 in die NSDAP eingetreten, will aber nur "nominelles Mitglied" gewesen sein.

Persilschein
Rolf Risse, jüdischer Abstammung, schreibt einem potentiellen Täter einen so genannten "Persilschein" - Risse bestätigt dem Herrn Pg. Behrens, dass dieser unter der braunen Uniform stets eine "schneeweiße Weste" getragen hat.

Diese Dokumente stammen aus dem Nachlass Rolf Risse (im Archiv Gelsenzentrum). Der Nachlass konnte bisher nur gesichtet, nicht aber ausgewertet, katalogisiert und archiviert werden.
→ Vom Lebensschicksal der Julie Risse aus Dortmund
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