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Der "Vergasungsexperte" Lorenz Hackenholt aus Gelsenkirchen war einer der meistgesuchten NS-Verbrecher - Schuldig des 70.000fachen Mordes und der Beihilfe zum Mord in 1,5 Millionen Fällen. Er wurde einige Zeit nach dem Krieg auf Antrag seiner Frau zum 31. Dezember 1945 für tot erklärt. Es gab jedoch nach 1945 Hinweise, dass Hackenholt noch lebte. Von 1959-1963 gab es polizeiliche Ermittlungen, die Untersuchung wurde jedoch ohne Ergebnisse eingestellt. Interview-Anfragen von uns im Februar 2008 an Hackenholts Schwester Antonie Hackenholt, Gelsenkirchen, Görrestrasse 8 und an weitere Angehörige von Lorenz Hackenholt wurden abgelehnt.

"Während bei der ersten Versuchsreihe und bei den ersten Transporten der zweiten Versuchsreihe noch mit Flaschengas vergast wurde, wurden die Juden der letzten Transporte der zweiten Versuchsreihe bereits mit dem Abgas aus einem Panzermotor oder Lkw-Motor, den Hackenholt bediente, getötet."

Aussage des Josef Oberhauser, Adjutant des Lagerkommandanten Belzec. zit. n. P. Longerich, Ermordung, S. 358


Das Verschwinden des SS-Hauptscharführers Lorenz Maria Hackenholt

Ein Bericht über die von 1959 bis 1963 von der westdeutschen Polizei durchgeführten Suche nach Lorenz Hackenholt, der "Gaskammer-Experte" der Vernichtungslager (Aktion Reinhard)

Am 1. Dezember 1958, wurde in Ludwigsburg eine besondere Behörde geschaffen: Die "Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" abgekürzt "Z-Stelle". Eine der Hauptaufgaben dieser speziellen Behörde war es, im Detail die Organisation, den Betrieb, die Mitarbeiter und die Opfer der Nazi-Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau, Majdanek, Chelmno, Belzec, Sobibor und Treblinka zu prüfen. Weiterhin gehörte das Sichten von Originaldokumenten und Fotografien sowie die Lokalisierung von Augenzeugen, die in anhängigen Strafverfahren wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor westdeutschen Gerichten als Zeugen gesucht wurden, zu den Aufgaben der Behörde. Darüber hinaus oblag der "Z-Stelle" die Koordination zwischen den verschiedenen strafrechtlichen Ermittlungen, den lokalen Staatsanwälten, der Kriminalpolizei und anderen Spezialeinheiten.

Die erste größere Untersuchung, die von der Zentralstelle geleitet wurde, begann im Herbst 1959 und dauerte bis Mitte der 1960er Jahre. Es waren die Ermittlungen zur "Aktion Reinhard", hier die Fälle der Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka im östlichen Polen, in der rund 1,5 Millionen polnische und ausländische Juden in den Gaskammern ermordet worden sind. Ihre Leichen wurden auf Scheiterhaufen verbrannt.

Ganz oben auf der Liste der Kriegsverbrecher der Zentralstelle Ludwigsburg stand Lorenz Hackenholt aus Gelsenkirchen. Als 28-jähriger SS-Scharführer hatte er 1942 eine führende Rolle bei der Konstruktion von Gaskammern in allen drei Vernichtungslagern der "Aktion Reinhard". Seit der Spätphase des Krieges hat man nichts mehr von ihm gehört. Zuletzt war Hackenholt bei einer SS-Einheit in Norditalien stationiert.

NSDAP-Karteikarte von Lorenz Hackenholt.

NSDAP-Karteikarte von Hackenholt,
Wohnanschrift: Gelsenkirchen, Görrestrasse 8.
Bild:Yad Vashem

Hackenholt wurde am 25. Juni 1914 als der Sohn von Theodor und Elizabeth Hackenholt, geborene Wobriezek in Gelsenkirchen geboren. Nach dem Besuch der örtlichen Schule bis zum Alter von 14 Jahren begann Hackenholt eine Lehre als Maurer. Nach bestandener Prüfung arbeitete er auf verschiedenen Baustellen, bis er sich 1933 im Alter von 19 Jahren freiwillig zur SS meldete. Am 1. April 1933 trat er der NSDAP als Mitglied Nr.: 1727962 bei, 1934 wurde Hackenholt Mitglied der SS. In einem Lebenslauf schreibt Hackenholt: "Nach dem Eintritt in die SS kam ich am 1. Januar 1934 an die Führerschule von SS-Abschnitt XVII [Anm. d. Verf.: SS-Führerschule Gelsenkirchen-Rotthausen] und blieb dort bis zu meiner Entlassung bei der Auflösung der Schule. Ich wurde u. a. zum Kraftfahrer ausgebildet. Im November 1939 wurde ich dann nach Berlin für den "besonderen Einsatz" abkommandiert."

Gruppenfoto SS-Führerschule Gelsenkirchen-Rotthausen

Abb.: SS-Führerschule Gelsenkirchen, SS-Abschnitt XVII: Lehrgangsteilnehmer auf der Bühne des Volkshauses, hier erhielt auch Lorenz Hackenholt (Markierung) seine "Ausbildung" zum SS-Unterführer. (Foto: Heimatbund Gelsenkirchen e.V.

SS-Führerschule Gelsenkirchen

Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung berichtet von der SS-Führerschule

Abb.: Die Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung bericht über die SS-Führerschule.Zum Vergrößern anklicken

In Gelsenkirchen kam es 1931 zur Aufstellung der 19. SS-Standarte. Der weitere Aufschwung der SS führte in dem Gau, zu dem Gelsenkirchen gehörte, in schneller Folge zur Aufstellung der 72. und 82. Standarte. Dazu kamen mehrere technische Sondereinheiten sowie zwei Reiterstandarten. Auf Gelsenkirchener Gebiet gab es nach der Machtübergabe 40.000 SA- und 2.000 SS-Angehörige.

Im August 1933 richtete die SS im Rotthauser Volkshaus eine sogenannte "SS-Führerschule" ein. Diese Einrichtung sollte die zentrale Führerschule für die gesamte SS der Bezirke Westfalen, Rheinland und Hessen sein. Am 13. August 1933 wurde die SS-Führerschule eröffnet, die Lokalpresse berichtete entsprechend, hervorgehoben wurde dabei auch die gedeihliche Zusammenarbeit zwischen SS und der Gelsenkirchener Stadtverwaltung. In der Gelsenkirchener SS-Führerschule wurden auch die SS-Führer ausgebildet, die in den frühen KZ Kemna (Wuppertal) und Papenburg eingesetzt wurden. In Rotthausen erhielten die SS-Männer auch das ideologische Rüstzeug, die für die Rechtfertigung der nationalsozialistischen Gewaltpraxis und Verbrechen zentral war. Die in Gelsenkirchen geschulten SS-Männer wurden in der Folgezeit in fast allen KZ als Unterführer eingesetzt. 1935 stellte die SS-Führerschule in Gelsenkirchen ihren Betrieb ein und wurde geschlossen.

Nachkriegsermittlungen

In einer Vernehmung durch die Schwelmer Kriminalpolizei, Abteilung 15 im Zuge der Nachkriegsermittlungen wurde Werner Dubois verhört. Dubios war mit Hackenholt vor dem Krieg in der gleichen SS-Einheit: Beide gehörten der Totenkopf-Division Brandenburg an, stationiert in Oranienburg, nördlich von Berlin. Im März 1938 wurden beide in das nahe gelegene KZ Sachsenhausen versetzt. Sie sollten im dortigen SS-Fuhrpark als Mechaniker und Fahrer eingesetzt werden, wurden aber auch mit Wachdienst und den "allgemeinen Aufgaben" des Wachpersonals betraut.

Von Seiten der KZ-Kommandantur wurde dann die Versetzung nach Berlin eingeleitet. Mit Hackenholt wurden Josef Oberhauser und Siegfried Graetschus und eben Werner Dubois in die Reichskanzlei in der Voss-Straße 4 in Berlin kommandiert. Sechs weitere SS-Unterführer wurden aus anderen KZ ebenfalls in die Reichskanzlei befohlen. SS-Standartenführer Viktor Brack ließ dort von seinem Stellvertreter, SA-Oberführer Werner Blankenburg, die SS-Männer umfassend über eine noch geheime "Operation Euthanasie" informieren. Dubois erinnert sich in seiner Vernehmung: "Uns wurden Bilder von extremsten Fällen psychischer Erkrankungen vorgelegt, man sagte uns, das die Institutionen, aus denen die psychisch Kranken "abtransportiert" werden sollten, als Lazarette benötigt werden. Es wurde uns gesagt, dass weitere Gaskammern errichtet werden, in denen die Opfer vergast werden. Wir sollten mit den Tötungen nichts zu tun haben, wir sollten lediglich die anfallenden Leichen kremieren. In unserer Verwendung als Kraftfahrer sollten wir die Flotte der Busse lenken, mit denen die psychisch Kranken zur Tötung abgeholt werden sollten." Alle zehn SS-Männer wurden auf "ewige Verschwiegenheit" vereidigt. Sie waren nun offizielle Mitarbeiter der "Stiftung Gemeinnützige Anstaltspflege", später nur noch "die Stiftung" genannt. Diese Schein-Organisation wurde ausschließlich für die Organisation und Durchführung der Tötung von mehr als 70.000 deutschen psychisch kranken Patienten gegründet. Sie sollte die direkte Beteiligung der Reichskanzlei an den geplanten Tötungen verdecken. In sechs speziellen Einrichtungen des "Reiches" sollten die Tötungen unter dem Code-Namen "Aktion T4", benannt nach der Adresse der "Zentrale" in einer abgelegenen Villa in der Tiergartenstraße 4 in Berlin-Charlottenburg, durchgeführt werden.

 Lorenz Maria Hackenholt

Abb.: Lorenz Maria Hackenholt.

Dieses Foto ist während seiner T4-Karriere zwischen 1940 und 1942 aufgenommen worden. Die SS-Unterführer wurden darüber informiert, dass sie ihre Aufgaben in Zivilkleidung zu verrichten haben, lediglich SS-Soldbuch und Dienstpistole durften getragen werden.

Zivilkleidung wurde auf Kosten der Reichskanzlei gekauft, die folgende Nacht verbrachten die Männer in einem Gästehaus am Hallesch’sen Ufer.Sie wurden schließlich in einem Bus, dessen Fahrer Scharführer Hackenholt war, nach Grafeneck, südlich von Stuttgart, gebracht. Auf dem Gelände des alten herzoglichen Schlosses - einst im Besitz der Herzöge von Württemberg, befand sich seit 1929 eine Pflegeeinrichtung für psychisch Kranke, die von der Inneren Mission der Evangelischen Kirche in Stuttgart geleitet wurde.

Die erste Gaskammer

Die erste Gaskammer der Nationalsozialisten wurde dort in Grafeneck von Hackenholt und anderen in einem alten Bus-Schuppen installiert. Man kaufte von der Berliner Firma Heinrich Kori zwei tragbare Öfen (Krematorien) und installierte sie in eine hölzerne Baracke in unmittelbarer Nähe. Mehr als 10.000 psychisch kranke Patienten wurden so durch die erste "Tötungsmaschine" der Nationalsozialisten getötet. Getötet von Kohlenmonoxid-Gas, welches aus Stahlzylindern in den hermetisch verschlossenen Schuppen geleitet wurde. Von Anfang 1940 bis zum Sommer 1941 war Lorenz Hackenholt in allen sechs Tötungsanstalten "aktiv", sowohl als Fahrer und auch als Verantwortlicher für die einwandfreie Funktion der Tötungsapparaturen, kurz, als Mörder.

Hackenholt war für die Verbrennung der Leichen und Entaschung der Öfen zuständig. Auch war Hackenholt für einige Zeit Fahrer des SS - Untersturmführers Dr. August Becker, der "Chemiker" der "Stiftung Hackenholt". Becker war für die Beschaffung und Lieferung der Gasflaschen mit CO-Gas für die Tötungen verantwortlich.

Im Januar 1941 wurde eine Anzeige wegen tätlicher Beleidigung gegen Becker und Hackenholt erstattet. Anzeigeerstatter war ein gewisser Albin Wunderlich, der Inhaber einer Bar in Plauen. Die beiden SS-Männer hatten die Bar um 5 Uhr in der Früh, erheblich betrunken und in der Gesellschaft von zwei Prostituierten, verlassen. Auf der Straße beleidigte der Kläger Hackenholt wiederholt und griff ihn körperlich an. - Ein waghalsiges Unterfangen, denn Hackenholt war ein gut gebauter, über zwei Meter groß, der sich verteidigte und dabei dem Kläger Wunderlich zwei Zähne ausschlug, worauf dieser die Polizei rief. Alle drei Männer wurden von der Polizei festgesetzt, Becker und Hackenholt weigerten sich, ihren Auftrag und den Grund ihres Aufenthaltes in Plauen preiszugeben. Die SS leitete ein die Disziplinarverfahren gegen Hackenholt und Becker ein. Das führte zu einer Verzögerung bei der Beförderung von Becker. Nach bürokratischen Gerangel wurde das SS-Disziplinarverfahren gegen Becker und Hackenholt eingestellt.

"Stiftung Hackenholt"

Nachdem die Vergasungen der Aktion T4 eingestellt worden waren, wurde Hackenholt zusammen mit einer kleinen Gruppe von SS-Unterführern der "Stiftung Hackenholt" im Herbst 1941 unter Befehl des SS - Brigadeführers Odilo Globocnik ( SS und Polizeiführer von Lublin im Südosten Polens) gestellt. Kurz nach der Ankunft in Lublin ging Hackenholt in Heimaturlaub, um in Berlin-Schmargendorf die 29 Jahre alte Ilse Zillmer zu heiraten. Nach der Hochzeit und kurzen Flitterwochen wurde Hackenholt wieder in nach Lublin beordert.

Lorenz Hackenholt im Vernichtungslager Belzec

Abb.:Lorenz Hackenholt (3. v. r.) mit anderen Angehörigen des Lagerpersonals vor dem Kommandantenhaus des Vernichtungslagers Belzec, 1942 (Foto: © Instytut Pamieci Narodowej, Warschau)

Von dort wurde er nach Belzec, einem abgelegenen und isolierten Dorf im äußersten südöstlichen Winkel Polens, an der Bahnlinie zwischen Lublin und Lemberg (Lwow) geschickt. Auf einem Sandhügel, etwa vierhundert Meter südöstlich vom Bahnhof befand sich ein experimentelles Vernichtungslager für die Massenvergasung der Juden in Bau. Die ersten drei mit Zinkblechen ausgeschlagenen Gaskammern befanden sich in einem Holzschuppen. Der Schuppen hatte doppelte Wände, der zwischenliegende Raum war mit Sand gefüllt, um den Schuppen luft- und schalldicht zu machen. Ein paar Wochen später, SS - Scharführer Lorenz Hackenholt stand am Beginn seiner Karriere als "Aktion-Reinhard Vergasungsexperte", hatte man innerhalb der kurzen Zeit von nur einem Monat - Mitte März bis Mitte April 1942, in Belzec mehr als 50.000 Juden getötet. Die Menschen wurden in diesem "Vergasungsschuppen" durch die eingeleiteten Abgase eines sowjetischen Panzermotors getötet. Betrieben wurde dieser Panzermotor von Lorenz Hackenholt. Im weiteren Verlauf des Jahres 1942 konstruierte und überwachte Hackenholt den Bau der neuen und größeren Gaskammern in Belzec sowie in den Vernichtungslagern Treblinka und Sobibor.

Vor ihrer Eheschließung waren Lorenz Hackenholt und Ilse Zillmer in getrennten Apartments von der Berliner Polizei unter der Anschrift Kurfürstendamm 112 in Berlin registriert worden. Da diese Anschrift in Berlin die letzte bekannte Adresse von Lorenz Hackenholt war, schien es nur logisch für die Ermittler der Ludwigsburger Zentralstelle, dort mit der Suche nach dem Kriegsverbrecher Lorenz Hackenholt zu beginnen. Am 5. November 1959 wurde eine offizielle Ermittlungsanfrage vom Untersuchungrichter in Ludwigsburg, verantwortlich für den Belzec-Prozess, zum Büro des Polizei-Präsidenten von Westberlin, Tempelhofer Damm 1-7, geschickt. Darin forderte der Richter Informationen an, ob entweder Hackenholt oder seine Frau seit 1945 nach Berlin zurückgekommen sind und ob sie momentan bei der Berliner Polizei als Bewohner der Stadt registriert sind. Es sollen, wenn möglich, einige Kopien der Fotografie im Führerschein des Hackemholt zur Verfügung gestellt werden. Der Richter betonte gegenüber der Berliner Polizei, dass die Untersuchung mit größter Vertraulichkeit durchgeführt werden soll, so dass "die gesuchte Person" in keinster Weise von der Anfrage erfährt.

Die Antwort aus dem West-Berliner Polizeipräsidium kam 11 Tage später. In der Nachkriegszeit habe es keine polizeiliche Registrierung für einen Lorenz Hackenholt gegeben. Es gab allerdings eine Registrierung für eine Person, die wahrscheinlich seine Frau war. Eine Masseurin namens Ilse Barbara Hackenholt, geb. Zillmer, geboren am 19. November 1912 in Berlin Charlottenberg. Bis zum 22. Dezember 1951 war Frau Hackenholt registriert, ihre Adresse war Munsterdamm 32 in Berlin-Steglitz bei Schimmelpfennig, aber zu diesem Zeitpunkt war sie bereits in die Gemeinde Tiefenbach bei Oberstdorf im Allgäu, in der Nähe der österreichischen Grenze, verzogen. Sie hatte sich dort bei der lokalen Grenzpolizei am 3. Januar 1952 gemeldet. Im Bericht der Berliner Polizei wird auch festgestellt, dass Frau Hackenholt am 22. August 1953 beantragt hatte, dass ein Richter am Gericht Berlin-Schöneberg ihren Ehemann Lorenz Hackenholt offiziell für tot erklärt, da sie möglicherweise Anspruch auf eine Kriegerwitwenrente habe. Auf Anfrage der Zentralstelle Ludwigsburg an das Gericht in Berlin - Schöneberg teilte das Gericht mit: Entscheidung des Gerichts von 1953: "Die Erklärung des Todes von Lorenz Hackenholt wird von der Frau Ilse Hackenholt, geb. Zillmer, wohnhaft in Allee 68 Heilbronn / Neckar betrieben. Als Zeitpunkt des Todes wird der 31.12.1945 festgestellt." Nach Gründen gefragt, gab Frau Hackenholt an sie habe seit November oder Dezember 1944 nichts mehr von ihrem Ehemann gehört. Er sei in dieser Zeit SS-Oberscharführer an der Ostfront gewesen. Eine Feldpostnummer seiner Einheit sei ihr nicht bekannt. In der Akte gibt es auch eine Notiz über Hackenholts Mutter, die Witwe von Theodor Hackenholt, Goerrerstrasse 8 in Gelsenkirchen III, datiert auf den 28.September 1953. Diese besagt, dass sie auch nicht in der Lage war, die Feldpostnummer ihres Sohnes anzugeben. Angeblich war sie war nicht mehr im Besitz aller Briefe von ihrem Sohn. Auch habe sie keine Nachrichten von ihrem Sohn nach 1944 erhalten.

In der Akte wird als Datum der Eheschließung der 4.11.1941 in Berlin-Schmargendorf angegeben. Die letzte Adresse für das Ehepaar Hackenholt ist Martin Luther Strasse 11 in Berlin-Schöneberg bei Gloth. Dem Antrag auf die Erklärung des Todes von Hackenholt wurde im Auftrag der Berliner Richter am 1.4.1954, mit Wirkung vom 31.12.1945, stattgegeben.

Wie bereits in dem oben genannten Bericht erwähnt, war Ilse Hackenholt in der Zwischenzeit aus Tiefenbach im Allgäu nach Heilbronn im Württemberg gezogen, wo sie für eine Weile blieb, bevor sie wieder nach Tiefenbach zurück ging. Die Zentrale Ermittlungstelle beantragte daher, dass die Kriminalpolizei Heilbronn ermitteln sollte, ob Frau Hackenholt hatte wieder geheiratet hat. Wenn ja, sollten die persönlichen Daten von ihrem Ehemann festgestellt werden. Wenn negativ, sollte geprüft werden, ob sie vielleicht mit einem Mann zusammen lebt, auf den die Angaben zu Hackenholts Person passen könnten.

Zwei Fotos von Hackenholt lagen der Akte bei, ebenso der der neuere Ermittlungsauftrag an die Heilbronner Kriminalpolizei und der Vermerk, daß die Gründe der Ermittlungen Hackenholt und seiner Ehefreu nicht bekannt gemacht werden dürfen. Am 1. Dezember 1959 berichtet die Heilbronner Kriminalpolizei, dass Ilse Hackenholt aus Stuttgart am 7. Januar 1953 in die Stadt gekommen war. Sie hatte ihren Wohnsitz auf der Allee 68. Ilse Hackenholt arbeitete als Maseusse in der Badschuch-Strack Klinik. Am 22. Mai 1955, so heißt es im Bericht, sei sie nach Tiefenbach zurückgefahren, zwischen Mai 1954 und Februar 1955 sei sie auf Betreiben ihres Arbeitgebers einige Wochen in ihren Job als Maseusse beschäftigt gewesen. Der Bericht weiter: Während ihrer Beschäftigung in Heilbronn führte frau Hackenholt ein sehr zurückgezogenes Leben. Nach ihren eigenen Angaben, weil ihr Ehemann "fehle". Zu einem Zeitpunkt, der nicht mehr genau ermittelt werden konnte, erhielt Frau Hackenholt Besuch von einem Ehepaar aus Berlin. Es soll sich um einen Besuch von Verwandten gehandelt haben. In der Zeit soll sie auch eine "Aufwandsentschädigung" von mehr als 10.000 DM erhalten haben. Möglicherweise bestand ein Zusammenhang zwischen der Todeserklärung ihres Ehemanns und der Zahlung dieser Summe, dass konnten die Ermittlungen nicht bestätigen.

Im Allgäu

Im Bericht wird auch festgestellt, dass Frau Ilse Hackenholtin Tiefenbach in einem kleinen, aber solide gebauten hölzernen Haus namens 'Sonnenhütte' zusammen mit einem Fraulein Margarete B. lebte. Die beiden Frauen teilten sich die Kosten und arbeiteten gemeinsam in einer Sauna in Isny/Allgäu. Die Hütte soll einer mittellosen ungarischen Frau gehören. Auf Antrag der Ludwigsburger Zentralstelle an die lokalen Grenzpolizei in Tiefenbach wurde die "Sonnenhüttte" und Ilse Hackenholt überwacht. Die Beamten wurden beauftragt, insbesondere auf alle männlichen Besucher in den Räumlichkeiten zu achten. Der Überwachungsbericht wurde von der Kriminalpolizei in Kempten/Allgäu der Ludwigsburger Zentralstelle am 29. November 1960, fast genau ein Jahr später, vorgelegt.

Frau Hackenholt wurde nicht nach einem hohen Offizier des Bundesverteidigungsministeriums befragt, der sie in Tiefenbach besucht hat. Oberst H. ist Inspekteur, für Ausbildung und Div. Angelegenheiten zuständig, unter anderem auch für die Ordensburg in Sonthofen. (Senior Officers' Training College) In den Dokumenten im Archiv der Zentrale in Ludwigsburg gibt es keine weitere Erwähnung dieser seit langem bestehenden Beziehung zwischen Frau Ilse Hackenholt und leitenden Beamten des Ministerium für Verteidigung in Bonn. Noch gab es keine Anzeichen dafür, dass dieser Oberst etwas über Lorenz Hackenholt wußte.

Der Grenzpolizei-Bericht ergab auch, dass Ilse Hackenholt mit zwei Frauen zusamen lebte, von denen eine, Fraulein von Z. die eigentliche Eigentümer war, sie bezahlte die lokalen Steuern und Abgaben für Haus und Grundstück. Frau Hackenholt hatte auch noch einen zweiten Wohnsitz in der Wilhelmstraße 10 im Jsny, Bezirk Wangen im Allgäu. Ihre beiden weiblichen Begleiterinnen wurden beschrieben als Susanne von Z., eine Sekretärin, die sich seit 1952 ständig in Tiefenbach aufhielt und eine Ilona S. aus Budapest in Ungarn, die seit 1956, nach dem ungarischen Aufstand, in dem Dorf lebte. Ihr Mann war General. Der Bericht fährt fort:

Bis Oktober 1960 war Frau Hackenholt privat im Wilhelmsbad in Jsny im Allgäu. Frau Hackenholt war mit Fraulein von Z. nach dem Krieg nach Tiefenbach gekommen. Man kannte sich gegenseitig aus der ehemaligen Wehrmacht. Die Frauen fuhren einen alten Volkswagen. Die beiden Frauen verhielten sich unauffällig, hatten keine Kontakte zu den Einwohnern, so dass eine Befragung der Einwohner hinfällig war. Es konnte nicht festgestellt werden, ob Ilse Hackenholt eine Kriegerwitwenrente erhält.

Das wichtigste Ziel, die Überwachung der männlichen Besucher in der "Sonnenhütte", erwies sich als enttäuschend. kam Abgesehen von Oberst H. aus dem Ministerium für Verteidigung, nur Frau Hackenholt's Bruder, Heinz Erich R., ein Ingenieur aus Berlin-Zehlendorf. Dieser kam jedes Jahr mit seiner Familie, um die Sommerferien in Tiefenbach zu verbringen, sie wohnten dann im "Edelweiss-Gästehaus". Nur die Ehefrau von einem lokalen Grenzpolizeioffizier besuchte gelegentlich die "Sonnenhütte" zum ernsehen, es wurde aber nie über die Themen, die für die Ermittler von Interesse waren, gesprochen. Der Bericht kommt zu dem Schluss:

Wie bereits erwähnt, arbeitete Frau Hackenholt oft auswärts und war für lange Zeiträume abwesend von Tiefenbach. Eine Reise nach Italien erregte die Aufmerksamkeit der Fahnder. Wie konnten diese Frauen sich das alles Leisten? Ilse Hackenholt gab an, dass sie als Masseuse entsprechend entlohnt werde. Die im Bericht erwähnten Informationen lieferte in erster Linie der Bürgermeister des Ortes und ein Angehöriger der Grenzpolizei, der in einem kommunalen Gebäude lebte und von dort aus einen "guten Blick" auf das von Ilse Hackenholt bewohnte Haus hatte. Beide Beamten erklärten, dass sie mit Gewissheit niemals Besuche von Fremden beobachtet haben und dass Frau Hackenholt ein "angenehmes Mitglied" der Dorfgemeinschaft war.

Der Zeuge Erich Bauer

Es wurden bis zum folgenden Frühjahr keine weiteren Ermittlungen auf der Suche nach ehemaligen SS-Führer Lorenz Hackenholt durchgeführt. Am 1. März 1961 machten sich zwei Offiziere der Münchner Kriminalpolizei, Sonderkommission III/(SK III/a) auf den Weg nach Berlin. Im Berliner Gefängnis Tegel wollten sie den dort einsitzenden Erich Bauer befragen, der zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden war. Bauer war durch ein Berliner Gericht im Jahre 1950 für die Verbrechen, er im Vernichtungslager Sobibor begangenen hatt, verurteilt worden. SS-Oberscharführer Bauer war praktisch Hackenholt's Gegenstück, er ist verantwortlich für den Tod von über 250.000 Juden, die im Jahr 1942/43 in den Gaskammern von Sobibor ermordet worden sind.

Bauer hatte unter Eid geschworen, dass er wisse, dass Lorenz Hackenholt definitiv den Krieg überlebt hat. Er, Bauer, habe Hackenholt in Zuchering bei Ingolstadt in Bayern im Jahre 1946 getroffen und auch mit ihm gesprochen. Zu dieser Zeit, so Bauer, lebte Hackenholt unter dem Namen Jansen, Jensen, Johannsen, oder ähnlich. Diese Identität habe Hackenholt angeblich von einem toten Soldaten gegen Ende des Krieges übernommen. Bauer hatte den Eindruck, dass Hackenholt unter seinem Aliasnamen Arbeit als Lieferwagenfahrer gefunden hatte. Gefragt nach weiteren Einzelheiten sagte Bauer, er glaube, das Fahrzeug, welches Hackenholt seinerzeit fuhr, ein Wagen der Marke "Faun" gewesen sei. Bauer erwähnte auch, dass Hackenholt und seine Männer während der letzten Tage des Krieges in Trieste in Norditalien Begegnungen mit Frauen hatten. Bauer wusste nur einen Namen, "Monika". Diese "Monika" könne Hackenholt eventuell beherbergen.

Die Ermittler entdeckten jetzt, dass Bauer nicht allein war mit der Behauptung, dass er Hackenholt nach dem Krieg gesehen habe. Bei der Befragung einer anderen ehemaligen SS-Wache aus dem Lager Sobibor, Fritz Rehwald, konnten sie erfahren, dass der gesuchte Kriegsverbrecher Hackenholt ihn irgendwann nach dem Krieg um Hilfe gebeten hat. Rehwald konnte sich nicht genau erinnern, wo und wann das Treffen stattgefunden hatte, nur dass Hackenholt im Begriff war, Motorzubehör einzukaufen - bei Neuburg an der Donau. Dieses war von besonderer Bedeutung für die Ermittler, schließlich ist Neuburg nur 15 km von Ingolstadt entfernt.

Man kann man sich nur fragen, warum die Ermittler dann mehr als vier Monate warteten, bevor Sie die privaten Räumlichkeiten von Ilse Hackenholt in Tiefenbach, ihre Geschäftsräume in Leutkirch und die Wohnung der Familie Hackenholt in Gelsenkirchen durchsuchten, obwohl es schlüssige Beweise für das Überleben von Lorenz Hackenholt nach dem Krieg gab.

Durchsuchung Görrestrasse 8, Gelsenkirchen

Am Morgen des 8. Juli 1961, um 07:00 standen dann zwei Beamte der Münchener Sonderkommission, begleitet von zwei Beamten aus dem Bundeskriminalamt in Wiesbaden vor dem Haus Görrestrasse 8 in Gelsenkirchen-Ückendorf. Einen Tag zuvor hatte ein Richter in Gelsenkirchen den Durchsuchungsbeschluß mit der Begründung ausgestellt, dass "das ein Verdacht besteht, dass Hackenholt noch Kontakt zu seiner Mutter hat, und es sollte nach Beweisen für den derzeitigen Aufenthaltsort von Lorenz Hackenholt gesucht werden, Korrespondenz oder andere Beweise sind zu beschlagnahmen". Ein großer Teil der Korrespondenz wurde in der Tat gefunden, es befand sich aber keine Nachrichten oder ähnliches von dem gesuchten Lorenz Hackenholt dabei.

Bei der sichergestellten Korrespondenz handelte es sich in erster Linie um Anfragen und Antworten der Russischen Halbmond-Organisation, die russische Äquivalent des Roten Kreuzes, zu Hackenholts möglichen Schicksal. Alle Anfragen waren von seiner Schwester Anna, die diese langwierige Korrespondenz führte - offensichtlich unternahm sie diese Anstrengungen, um zu erfahren, was mit ihrem Bruder geschehen war. Danach gefragt, antwortete sie, dass sie nur von seinem Tod überzeugt sein will.

Alle anderen Frauen, sechs weibliche Mitglieder der Familie Hackenholt - seine Mutter und fünf Schwestern und eine Mieterin, eine Kriegerwitwe - schlossen sich dieser Antwort an. Sie alle hatten keine Antwort auf die Frage, warum weder die Mutter noch die Ehefrau sich jemals um das Verschwinden des fehlenden männlichen Mitglieds der Familie Hackenholt bemüht haben. Auf die Frage, aus welchen Gründen sie sich so sicher waren, dass es keine Korrespondenz gab, die von Lorenz seit einem bestimmten Zeitpunkt vor dem Ende des Krieges geschrieben worden war, gaben die Frauen keine Antwort. Sie versuchten stattdessen, die Polizisten davon zu überzeugen, dass trotz des offensichtlichen Fehlens einer entsprechenden Korrespondenz das Verhältnis zwischen Hackenholt und seiner Frau und dem Rest der Familie sehr gut war.

Vgl. hierzu: "The Disappearance of SS-Hauptscharführer Lorenz Hackenholt". A Report on the 1959-63 West German Police Search for Lorenz Hackenholt, the Gas Chamber Expert of the Aktion Reinhard Extermination Camps. Michael Tregenza, Mazal Libary.

Ende des ersten Teils. Dieser Beitrag wird fortgesetzt.



Vergasungen im Vernichtungslager Sobibor

Der polnische Jude Tomasz Blatt berichtet:

"Ich bin sicher, als sie in der Gaskammer waren, glaubten sie es nicht. Als das Gas eingeleitet wurde, verstanden sie nicht, was ihnen geschah. Als ich mit dem Abschneiden der Haare fertig war, sollten wir rausgehen, und uh, auf dem Weg zurück zu den Barracken hörte ich immer den Motor, der "Gas-Motor", der mit höchster Drehzahl lief... wissen sie, der "Gas-Motor", es war wie ein Schrei. Sie begannen...sie begannen mit einem lauten "Ahhh....," sehr laut, viel lauter als der Motor. Die hatten einen großen Motor dort. Später, etwa 15 Minuten - Motor aus. Und es war still. Das war Sobibor."

(vgl.: United States Holocaust Memorial Museum - Collections) Deutsche Übersetzung Andreas Jordan, März 2008

Interview mit dem SS-Mann Franz Suchomel 

Suchomel wirkte in Treblinka bei der Abfertigung von Transporten mit. Franz Suchomel, SS-Unterscharführer, berichtet – heimlich gefilmt - ausführlich über die Geschehnisse in Treblinka. Seine Aufgabe bestand darin, die konfiszierten Wertsachen, d.h. insbesondere Geld, Gold und Schmuck zu erfassen. Auch Lorenz Hackenholt wird von Suchomel im Interview mehrmals erwähnt. Suchomel stand, was sadistisches Verhalten gegenüber Häftlingen und insbesondere gegenüber Frauen betraf, seinen SS-Kollegen in nichts nach. Allerdings bemühte sich Suchomel in zwei Fällen, Juden vor der Gaskammer zu bewahren, was ihm in einem Fall auch gelang. Im zweiten Treblinka-Prozeß wurde Franz Suchomel zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt.

Das Video-Interview mit Suchomel wird auf Deutsch geführt, mit englischen Untertiteln. (Auschnitte aus "SHOA" - Claude Lanzmann, FR 1985)

→ Video-Zitate aus "Shoa" von Claude Lanzmann, FR 1985

Man muß gesehen haben, wie SS-Mann Suchomel auf Lanzmanns Insistieren hin das Treblinkalied singt, das die Häftlinge am Tag der Ankunft lernen mußten: "Wir kennen nur das Wort des Kommandanten/ und nur Gehorsamkeit und Pflicht/ Wir wollen weiter, weiter leisten/ bis daß das kleine Glück uns einmal winkt. Hurrah!", um sich anschließend zu sagen: "Das kann heute kein Jude mehr."

Interview with SS-Guard Franz Suchomel


Hackenholt und das Vernichtungslager Sobibor

In den Gaskammern des Vernichtungslagers Sobibor wurden zwischen Mai 1942 bis Oktober 1943 etwa 250.000 Menschen ermordet. Ende Juli 1942 wurden die Transporte in das KZ Sobibor wegen Bauarbeiten an der Eisenbahnstrecke zwischen Lublin und Chelm unterbrochen. Während der nächsten zwei Monate kamen nur kleinere Transporte aus der Umgebung an. In dieser Phase wurden die alten Gaskammern durch ein neues Gebäude ersetzt, weil ihre Kapazität (600 Leichen pro Vergasung) nicht mehr ausreichte. SS Unterscharführer Erwin Lambert beaufsichtigte die Bauarbeiten, unterstützt von SS-Scharführer Lorenz Hackenholt. Beide waren letztlich in hohem Maße am Bau sämtlicher Gaskammern der NS-Euthanasie (Aktion T4) und der Aktion Reinhard beteiligt. Das neue Gaskammer-Gebäude hatte sechs Kammern, jeweils drei an beiden Seiten eines Mittelganges. Nun konnten 1.300 Menschen gleichzeitig umgebracht werden.

Hackenholt und das Vernichtungslager Belzec

Der Kronzeuge Kurt Gerstein berichtet:

(...) Die Kammern füllen sich. Gut vollpacken - so hat es der Hauptmann Christian Wirth befohlen. Die Menschen stehen einander auf den Füßen. 700 - 800 auf 25 Quadratmetern, in 45 Kubikmetern!

Die SS zwängt sie physisch zusammen, soweit es überhaupt geht. - Die Türen schließen sich. Währenddessen warten die anderen draußen im Freien, nackt. Man sagt mir: Auch im Winter genau so! Ja, aber sie können sich ja den Tod holen, sage ich. - Ja, grad for das sinn se ja doh! sagt mir ein SS-Mann darauf in seinem Platt. - Jetzt endlich verstehe ich auch, warum die ganze Einrichtung Hackenholt-Stiftung heißt. Hackenholt ist der Chauffeur des Dieselmotors, ein kleiner Techniker, gleichzeitig der Erbauer der Anlage.

Mit den Dieselauspuffgasen sollen die Menschen zu Tode gebracht werden. Aber der Diesel funktioniert nicht! Der Hauptmann Wirth kommt. Man sieht, es ist ihm peinlich, dass das gerade heute passieren muss, wo ich hier bin. Jawohl, Ich sehe alles! Und ich warte. Meine Stoppuhr hat alles brav registriert. 50 Minuten, 70 Minuten [?] - der Diesel springt nicht an! Die Menschen warten in ihren Gaskammern. Vergeblich! Man hört sie weinen, schluchzen ... Der Hauptmann Wirth schlägt mit seiner Reitpeitsche den Ukrainer, der dem Unterscharführer Hackenholt beim Diesel helfen soll, 12, 13 mal ins Gesicht.

Nach zwei Stunden 49 Minuten - die Stoppuhr hat alles wohl registriert - springt der Diesel an. Bis zu diesem Augenblick leben die Menschen in diesen 4 Kammern, viermal 750 Menschen in 4 mal 45 Kubikmetern! Von neuem verstreichen 25 Minuten. Richtig, viele sind jetzt tot. Man sieht das durch das kleine Fensterchen, in dem das elektrische Licht die Kammern einen Augenblick beleuchtet. Nach 28 Minuten leben nur noch wenige. Endlich, nach 32 Minuten, ist alles tot! Alle meine Angaben sind wörtlich wahr. Ich bin mir der ausserordentlichen Tragödie dieser meiner Aufzeichnungen vor Gott und der gesamten Menschheit voll bewusst und nehme es auf meinen Eid, dass nichts von allem, was ich registriert habe, erdichtet oder erfunden ist, sondern alles sich genau so verhält.

Quelle: Bericht des Zeugen Gerstein

Gaskammer im vernichtungslager Belzec

Abb.: "STIFTUNG HACKENHOLT" - W. Rutherfords Zeichnung der Gaskammern von Belzec. Das Gebäude wurde von der SS "Stiftung Hackenholt" genannt. Diese zynische Bezeichnung befand sich auch auf der Wand des Eingangs. (Foto: http://www.deathcamps.org)

Yitzhak Arad, Überlebender der Shoa berichtet:

"After leaving the undressing barracks, I had to show the Jews the way to the gas chambers. I believe that when I showed the Jews the way they were convinced that they were really going to the baths. After the Jews entered the gas chambers, the doors were closed by Hackenholt himself or by the Ukrainians subordinated to him. Then Hackenholt switched on the engine which supplied the gas."

Quelle: Arad, Yitzhak. Belzec, Sobibor, Treblinka - the Operation Reinhard death camps. Bloomington, Indiana University Press 1987

Beförderungsliste für Angehörige der SS-Sonderkommandos "Einsatz Reinhard"

Beförderungsliste


Die "Tätigkeit" von Lorenz Hackenholt und weiteren SS-Mördern 

→ Der Gerstein-Report

Hintergrundbild: Angehörige der Wachmannschaft im KZ Belzec, Lorenz Hackenholt (3. v. rechts) vor der Kommandantur.

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Andreas Jordan, März 2008

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