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Das Vernichtungslager Maly Trostinez




Alfred Seiler: Aus dem Paradies zurück in die Hölle...


Schmerzliche Erinnerungen an das Vernichtungslager Maly Trostinez


Es ist ein kaum bekanntes und wenig erforschtes Kapitel der österreichischen NS-Geschichte: Zwischen 1941 und 1943 wurden etwa 10.000 österreichische Juden von Wien in die weißrussische Hauptstadt Minsk und weiter in das nationalsozialistische Konzentrationslager Maly Trostinez deportiert. Gerade einmal 20 Menschen haben die Zeit in diesem NS-Vernichtungslager überlebt. Drei von ihnen sind heute noch am Leben. Einer von ihnen ist der gebürtige Wiener Alfred Seiler. Er ist mittlerweile 82 Jahre alt und wohnt schon seit langer Zeit in Florida.

Ein Leben lang gepeinigt von den Erinnerungen an die furchtbaren Erlebnisse im NS-Lager Maly Trostinez reiste Alfred Seiler im Herbst 2007 von Florida über Wien nach Minsk in der Hoffnung, ein Besuch der ehemaligen Stätte des Grauens könnte helfen, alte Bilder "zu bannen" und Abschied von den grausamen Erinnerungen zu nehmen. Der ORIENTIERUNG-Dokumentarfilm von Andreas Gruber zeigt unaufdringlich und behutsam Szenen dieser ungewöhnlichen Reise:


→ Video: Alfred Seiler - "Aus dem Paradies zurück in die Hölle ... "

Dokumentation: Andreas Gruber; Länge: 28 Minuten. Beitrag des ORF 2 aus "Orientierung" als Video-on-demand


Vernichtungslager Maly Trostinez

Das Vernichtungslager Maly Trostinez des Kommandeurs der Sicherheitspolizei und des SD (KdS; das bedeutet eine Funktion innerhalb der SS-Hierarchie) für Weißrussland befand sich etwa 12 km südöstlich von Minsk in einer abgelegenen, ländlichen Gegend. Hier wurden zwischen 1942 und 1944 40.000 bis 60.000 Menschen ermordet, weit überwiegend Juden.

Das Gut des Kommandeurs

Dem KdS Minsk unterstand beim Dörfchen Maly Trostinez seit April 1942 eine 200 Hektar große Kolchose, das so genannte Gut des Kommandeurs. Hier waren jüdische und nichtjüdische Häftlinge eingesetzt, um in der Vieh- und Landwirtschaft zu arbeiten. Es handelte sich zunächst überwiegend um Juden, die mit 15 Zügen aus Wien und Theresienstadt, auch Köln und Königsberg zwischen Mai und Oktober 1942 nach Minsk deportiert worden waren. Fast jeder dieser Deportationszüge umfasste 1.000 Personen. Davon wurden rund 20 bis 50 Personen ausgesondert und zum Gut gebracht. Später kamen weißrussische Juden hinzu.

Die Häftlinge arbeiteten neben der Landwirtschaft auch in verschiedenen Handwerksbetrieben des Guts. Wie in den anderen Vernichtungslagern gab es kleine Arbeitskommandos, die in der Kleidersortierung, Schneiderei und Schusterei an der Verwertung des Eigentums der deportierten Juden eingesetzt waren. Weiter gab es eine Wäscherei, Schmiede und Schlosserei, Tischlerei, Glaserei, Gerberei, eine Mühle und ein Sägewerk. Produziert wurde überwiegend für den Bedarf der KdS-Angehörigen und der Minsker Ordnungspolizei.

Die so genannten "Arbeitsjuden" waren in mehreren Baracken untergebracht. Es gab einen Galgen auf dem dreifach mit Stacheldraht umzäunten Gelände. Die Zahl der Häftlinge schwankte zwischen 500 und 1.000 Personen. Nach der Auflösung des Ghettos in Minsk im Oktober 1943 sank sie auf etwa 200. Verwalter des Gutes war der baltendeutsche SS-Unterscharführer Heinrich Eiche. Bewacht wurden die Häftlinge von Teilen eines ukrainischen Schutzmannschaftsbataillons, das auf dem Gut stationiert war und der Ordnungspolizei unterstand.

Stätte des Massenmordes an deportierten Juden

Die Planungen für ein großes Vernichtungslager in Mogilew, (Mahiljou) für das bereits im November 1941 mehrere Verbrennungsöfen bestellt worden waren, wurden aus unbekannten Gründen aufgegeben. Dafür wurden in Maly Trostinez ab Mai 1942 nach Minsk deportierte Juden aus Deutschland, Österreich, dem Protektorat Böhmen und Mähren und aus Polen teils durch Gaswagen, größtenteils aber durch Erschießungen ermordet. Im Laufe des Sommers wurden weißrussische Juden vor allem aus dem Ghetto von Minsk in die Vernichtungsaktionen einbezogen.

Im April 1942 kam Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des SD, persönlich nach Minsk und eröffnete dem dortigen KdS, SS-Obersturmbannführer Eduard Strauch und einigen seiner Polizeioffizieren, dass nunmehr auch die deutschen und andere europäische Juden vernichtet werden sollten. Gleichzeitig kündigte er die Wiederaufnahme der Ende November 1941 abgebrochenen Judentransporte aus dem Westen nach Minsk an. Heydrich ordnete an, diese nach ihrer Ankunft zu töten. Am 22. April begann der II. Zug (ein Unteroffizier und zehn Männer) der dem KdS unterstellten kleinen Waffen-SS-Einheit in Maly Trostinez mit acht Tage dauernden Erdarbeiten, um die ersten Leichengruben auszuheben. Am 30. April beteiligte sich der gesamte Zug an einer so genannten "Aktion zur Ausräumung des Gefängnisses in Minsk". Am 4. Mai wurden erneut Gruben ausgehoben für eintreffende Transporte. Zum 17. Mai 1942 vermerkte der Zugführer der Waffen-SS, der SS-Unterscharführer Arlt, in seinem "Tätigkeitsbericht":

"Am 11. Mai traf ein Transport mit Juden (1000 Stück) aus Wien in Minsk ein, und wurden gleich vom Bahnhof zur obengenannten Grube geschafft. Dazu war der Zug direkt an der Grube eingesetzt."

Es handelt sich hier um den ersten für Maly Trostinez zweifelsfrei durch zeitgenössische Quellen belegten Massenmord, bei dem fast alle Deportierte eines Fernzuges bei der Ankunft erschossen wurden. Zur Exekutionsstätte von Maly Trostinez, einem Kiefernwäldchen, wurden die Insassen der Sonderzüge mit Lastkraftwagen gebracht und dort von rund 80 Schutzpolizisten und Angehörigen der Waffen-SS erschossen. Etwa ab Juni 1942 wurden Opfer auch in Gaswagen getötet.

Transporte nach Minsk und Zahl der Opfer in Maly Trostinez

Oft wurden in der Literatur in diesem Zusammenhang 23 Transportzüge genannt, die Maly Trostinez 1942 erreichten. Demnach wurden insgesamt 22.130 Juden nach Minsk deportiert. Davon wurden, nach Feststellung des Landgerichts Koblenz, mindestens 90 % in Maly Trostinez ermordet, d. h. etwa 19.000 bis 20.000. Nach den neueren Forschungsergebnissen von Gottwald/Schulle sind jedoch nur 15 Transporte sicher nachzuweisen, so dass die Zahlen entsprechend geringer anzusetzen sind.

Weitere Opfer und Gesamtzahl

Die Zahl der in Maly Trostinez ermordeten weißrussischen Juden und nichtjüdischen Weißrussen kann nur überschlägig geschätzt werden. Die offizielle sowjetische Opferzahl von 206.500 hat sich in der Forschung als stark überhöht erwiesen, da der gesamte Raum um Minsk, wo sich zahlreiche weitere Hinrichtungsstätten und Sterbelager u. a. für über 100.000 sowjetische Kriegsgefangene befanden, Maly Trostinez zugerechnet wurden.

Um die 40.000 Opfer lassen sich relativ sicher nachweisen. Zu den etwa 14.000 aus dem Westen deportierten und ermordeten Juden wird man 20.000 hinzu addieren müssen: Bei der großen Ghettoräumung Ende Juli 1942 in Minsk wurden insgesamt belegt 10.000 Juden ermordet, davon vermutlich 5.000 in Maly Trostinez. Dieselbe Zahl an Opfer forderte die Auflösung des Ghettos im Oktober 1943. Im Februar 1943 wurden etwa 3.000 angeblich "unproduktive Bandenverdächtige" (Alte, Frauen und Kinder), darunter auch Juden, aus dem Gebiet Polozk in Trostinez ermordet. Als sowjetische Truppen im Juni 1944 vorrückten, wurden die letzten 80 bis 100 Gefangenen des nunmehrigen Zwangsarbeiterlagers Maly Trostinez erschossen. Beim deutschen Rückzug in den letzten Junitagen 1944 wurden etwa 6.500 Insassen der Minsker Lager und Gefängnisse nach Maly Trostinez transportiert und dort erschossen.

Die tatsächliche Opferzahl dürfte mehr als 40.000 betragen, da die Dunkelziffer erheblich ist. Christian Gerlach hält in seiner grundlegenden Untersuchung um die 60.000 Opfer für denkbar.

Quelle: Wikipedia

Andreas Jordan, April 2008