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Das Konzentrationslager Stutthof


Das Tor des Todes

Über 110.000 Menschen gingen während der beinahe sechs Jahre des Bestehens des Lagers durch das Haupttor, das von den Häftlingen das 'Tor des Todes' genannt wurde

Über 110.000 Menschen gingen während der beinahe sechs Jahre des Bestehens des Lagers durch das Haupttor, das von den Häftlingen das "Tor des Todes" genannt wurde.

Das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Stutthof liegt - idyllisch im Wald - östlich der Weichselmündung zwischen Ostsee und Haff. Besucher fahren auf der Straße nach Krynica Morska und biegen nach links ab. An der Straßenecke steht das Haus, in dem der zweite Lagerkommandant Werner Hoppe gewohnt hat. Es ist ein Haus im Stil der 30er Jahre mit Garten und Kinderschaukel. Der Eingang zur Gedenkstätte KZ-Stutthof liegt nur einige hundert Meter entfernt. In Stutthof starben von 1939 bis 1945 zwischen 65.000 und 85.000 Menschen: Polen, Sowjets, Norweger, Franzosen, Tschechen, Litauer, Letten, Dänen, Deutsche und Ungarn. Sie lebten in unvorstellbarer Enge und unter unvorstellbaren hygienischen Bedingungen. An ihr Leiden erinnert heute ein Denkmal, das das Grauen fassbar macht. Hinter Glas liegt die Asche von ermordeten Menschen. Ein besonders grausames Detail der Lagergeschichte ist die von Professor Rudolf Spanner organisierte Produktion von Seife aus dem Fett der ermordeten Juden.

Ungefähr 35 km östlich von Danzig geht die beschauliche flussdurchzogene Marschlandschaft des Danziger Werders allmählich in die bewaldete, sandige Frische Nehrung über, rechter Hand vom Haff, links von der Ostsee umspült. Ein Naturparadies, dieses behagliche Feriengebiet um Stutthof, das vor dem 1. September 1939 gerade noch zum Freistaat Danzig gehörte. Ob der geruhsamen Schönheit dieses Ortes hatte man an der Straße nach Kahlberg ein Altenheim errichtet, malerisch an einer Lichtung gelegen. Eine unglaublich friedliche, stille Gegend ist das, auch heute noch. Doch die Idylle trügt, denn es wurde ein Ort des Grauens, ein Platz unvorstellbarer Leiden. Bereits Mitte August 1939 rückte ein SS-Trupp mit einer Gruppe von etwa 500 Danziger Gefängnisinsassen an und begann die inzwischen geräumten Altenheimanlage in ein Lager zu verwandeln. Sie errichteten Baracken, zäunten das Gelände ein und trafen organisatorische Vorbereitungen.

Schwarze Listen mit Namen von Polen

Pläne für die Errichtung eines Konzentrationslagers gab es schon in den 30er Jahren. Seit 1936 legten die Nazis in Danzig Schwarze Listen mit Namen von "unerwünschten polnischen Elementen" an, die im Konfliktfall mit Polen interniert werden sollten. Auf dem Gelände, das zum Freistaat Danzig gehörte, befand sich vor Ausbruch des II. Weltkrieges ein Altenheim. Mitte August 1939 rückten SS-Mannschaften mit Gefängnisinsassen aus Danzig an und begannen, einen Zaun um das Gelände zu ziehen. Erster Lagerkommandant wurde - bis 1942 - Max Pauly. Sein Nachfolger hieß Werner Hoppe.

Am 2. September 1939 überführten die Nazis aus dem Gestapo-Sammellager in der Victoria-Schule in Danzig 150 Gefangene nach Stutthof, die am 3. September mit dem Bau der Gebäude auf dem KZ-Gelände beginnen mussten. Das Konzentrationslager diente zunächst als Zivilgefangenenlager vor allem für Polen. Die ersten Juden kamen ebenfalls im September 1939 nach Stutthof. Große Transporte mit Juden erreichten Stutthof aber erst 1944 im Zuge der Evakuierung der Konzentrationslager im Osten Polens. Ende 1944 deportierten die Nazis auch etwa 44.000 jüdische Frauen aus Ungarn nach Stutthof. Das KL Stutthof (KL war in der Amtsspreche der Nazis die Bezeichnung für Konzentrationslager.) wurde zu einem Massenvernichtungslager.

In der ersten Zeit gab es verhältnismäßig wenig jüdische Häftlinge, die Mehrzahl waren Polen, denn bis zum November 1941 galt Stutthof als Zivilgefangenenlager, wurde dann SS - Sonderlager und erst nach einem Besuch Himmlers im Januar.1942 offiziell zum staatlichen KZ erklärt. Der Status des Lagers war für den Häftling dabei vollkommen egal, in Stutthof wurde zu allen Zeiten gestorben, vom ersten bis zum letzten Tag. Von den mehreren Hundert Danziger Juden, die Mitte September 1939 eingeliefert wurden, starben die meisten binnen weniger Wochen und das Passahfest 1940 wurde für die jüdischen Lagerinsassen zu einer unvorstellbaren Passion. Das Lager Stutthof platzte bald aus allen Nähten und wurde bis 1945 ständig weiter ausgebaut. Anfang 1943 wurde direkt neben dem alten Lager ein neues mit einem Elektrozaun gesichertes Lager errichtet, das 25000 Häftlinge fassen sollte und nie ganz fertig wurde. Die SS stellte Lagerpersonal und Wachmannschaften, ( 3000 SS-Leute waren im Laufe der Jahre in Stutthof stationiert) dazu kam noch ukrainische Hilfspolizei. Der Kern der Wachmannschaften war aus dem Danziger SS-Trupp hervorgegangen, der im Sommer 1939 das Lager errichtet hatte, der damalige Anführer Hauptsturmführer Max Pauly wurde bis 1942 erster Lagerkommandant.

Zum Lager gehörten eine Reihe von Satellitenlagern, die über ganz Ost- und Westpreußen verteilt waren. Die größten Außenlager waren in Thorn und Elbing mit je ungefähr 5000 jüdischen Frauen als Gefangene, in Stutthof selbst waren Anfang 1942 durchschnittlich 3000 Häftlinge, 1944 schon 8000 und am Ende über 20 000. Zusammen mit den über 100 Außenkommandos belief sich die Häftlingszahl damals auf über 52 000, davon waren über 33000 Frauen (26000 der 29000 Juden waren Frauen).

In diesen Waggons wurden die Menschen vergast.

Im Frühjahr 1944 wurde eine Gaskammer gebaut, die einerseits der Entlausung von Bekleidung dienten und ab dem Sommer auch zum Vergasen von Menschen genutzt wurde. Die Stutthofer Gaskammer war allerdings klein, ihre Kapazität reichte nicht aus, so wurden immer wieder Häftlinge in besonders abgedichteten Eisenbahnwaggons der ins Lager führenden Kleinbahn vergast.



Gegen Ende 1944 nahmen die Häftlingszahlen sprunghaft zu, ganze Transporte ungarischer Jüdinnen (20-30000) kamen an, immer mehr wurden über See aus Lagern evakuiert, die vom Vormarsch der Sowjetunion bedroht waren, vor allem aus dem Baltikum und da besonders aus Riga, Kaunas und Schaulen, auch aus Auschwitz kamen immer wieder Transporte an. Entsprechend veränderte sich die Häftlingszusammensetzung dramatisch, Ende 1944 waren mindestens 70% der Häftlinge Juden. Die Überfüllung des Lagers war gigantisch. Stutthof war in erster Linie Arbeitslager. Die meisten Häftlinge arbeiteten als Sklaven in SS- eigenen Betreiben wie den Deutschen Ausrüstungswerken (DAW) direkt neben dem Lager, in Lagerwerkstätten, in anderen Betrieben und Werken, in den Ziegeleien der Umgebung, sowie in der Landwirtschaft.

Die militärische Situation verschlechterte sich seit Sommer 1944 ständig, mit dem russischen Großangriff im Januar 1945 setzte Chaos und Desorganisation ein, da Ostpreußen nicht rechtzeitig evakuiert worden war. Auf eine Telefonat des Danziger Gauleiters Forster mit Goebbels vom 22. Februar gab dieser den Räumungsbefehl an den Kommandanten, wegen der Gefahr eines Aufstandes der Häftlinge. Am 25. Januar, als die Russen nur noch wenige km entfernt waren, befahl Kommandant Paul - Werner Hoppe die Evakuierung des Lagers ins Reich. Nur Kranke und solche Häftlinge, die für die Lagerauflösung gebraucht wurden, sollten bleiben. Wahrscheinlich waren noch etwa 47 000 Häftlinge (davon 35000 Juden) im Lager. Es wurden Marschkolonnen von je 1000-1500 Häftlingen gebildet, die durch die kaschubische Schweiz Richtung Lauenburg marschierten.

Zwischen den Kolonnen lagen jeweils 7 km, beaufsichtigt wurde jede der Kolonnen von 40 Wachmännern. Halb verhungert, völlig unzureichend bekleidet, viele ohne Schuhe, kaum Verpflegung (für zwei Tage) bei bitterer Kälte und Schnee. Auf sieben Tage war der Marsch angesetzt, dauerte aber 10 Tage, wer nicht mehr weiter konnte, marschunfähig war, wurde erbarmungsloserschlagen oder erschossen ( mindestens 700). Die letzten Kolonnen stolperten über die Leichen aus den vorangehenden. Niemand weiß, wie viele es waren auf diesen Todesmärschen, niemand weiß, wie viele starben. Man kann nur annehmen, dass es ungefähr 10 000 waren, von denen mehr als die Hälfte starb.

Töten mit Benzin- und Giftspritzen

Zum KZ Stutthof gehörten 39 Außenstellen. Die größten befanden sich in Thorn und Elbing. Insgesamt waren 110.000 Häftlinge in Stutthof inhaftiert. Für weitere 50.000 Häftlinge war das Konzentratioslager Durchgangsstation. Die meisten der Inhaftierten kamen ums Leben. Sie starben an den Folgen von Unterernährung oder erkrankten aufgrund der katastrophalen hygienischen Bedingungen. Daneben mordeten die Nazis systematisch. Sie töteten die Häftlinge mit einer eigens entwickelten Genickschussanlage, vergasten sie in der 1944 gebauten Gaskammer oder gaben den Kranken - wie im KZ Auschwitz - Phenolspritzen. Zum Repertoire des Mordens gehörten außerdem Foltern und Erhängen. Kurz vor Ende des Krieges, im Januar 1945, schickte die SS rund 11.000 Häftlinge auf Todesmärsche in Richtung Westen oder brachte sie auf Schiffen nach Schleswig-Holstein. Die Hälfte von ihnen starb.

Befreiung durch die Rote Armee

Der erste Kommandant des KL Stutthof, Hauptsturmführer Max Pauly, wurde 1946 in Hameln hingerichtet, nach dem er im Hamburger Curio-Haus - Prozeß vom 18.3. bis 5.5. 1945 zum Tode verurteilt worden war. Der zweite Kommandant Sturmbannführer Paul Werner Hoppe wurde 1957 in Bochum zu neun Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord verurteilt. Von den 110-120 000 Häftlingen, die das Lager durchlaufen hatten, starben mindestens 65 000, vielleicht sogar 80 000. Von den über
50.000 Juden, die nach Stutthof gebracht worden waren, starben fast alle.

Bild: Mahnmal im ehemaligen KL Stutthof, heute Sztutowo

Bild: Mahnmal im ehemaligen KL Stutthof, heute Sztutowo

Das KL Stutthof war das erste Konzentrationslager außerhalb des deutschen Reichsgebietes und das letzte Konzentrationslager, das befreit wurde. Am 9. Mai 1945 marschierten Soldaten der Roten Armee (48. Armee der III. Bellorussischen Front) in das Konzentrationslager Stutthof ein. Erst nach der Kapitulation ( am 9. Mai 1945 Mitternacht vom Kommandanten der 3. Wachkompanie Paul Ehle verkündet) marschierte eine Einheit der Roten Armee am 10.5. ein und befreite die kleine Zahl der 120 überlebenden Häftlinge (mit Nebenlagern einige Hundert).

Andreas Jordan, Januar 2008