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Erinnerungen von Herman D. Neudorf

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Die lebensgeschichtlichen Erinnerungen von Herman Neudorf: Das war Riga ...

Bis 1938 lebte Herman D. Neudorf in Gelsenkirchen-Horst. Dann verschleppten ihn die Nazis direkt aus der Unterrichtsstunde, sieben Jahre seines jungen Lebens mußte Herman D. Neudorf in den Ghettos und KZ der Nazis ausharren, ist durch die von Menschen erdachte Hölle gegangen.

In einer Email an GELSENZENTRUM schreibt Herman Neudorf im August 2007: "Oft wundert man sich selbst, daß man diese schrecklichen Jahre überhaupt überleben konnte." Herman D. Neudorf hat nach seiner Befreiung aus dem KZ Buchenwald eine Collage gefertigt und die Staionen der Verfolgung in einer Chronologie niedergeschrieben.

Inhaltsübersicht

Ausweisung der polnischen Juden

Kriegsbeginn

Deportation nach Riga

KZ Riga-Kaiserwald

Befreiung

Die Collage von Herman Neudorf

Chronologie der Verfolgung

Chronologie der Verfolgung

Stationen der Verfolgung. Aus dem Privatbesitz von Herman D. Neudorf.

Ausweisung der polnischen Juden 

Herman Neudorf kurz nach der Befreiung aus dem KZ Buchenwald

Am 28. Oktober 1938, grade 13 Jahre alt, wurde ich von der Gestapo während der Schulstunde aus dem Unterricht herausgeholt und in das Gefängnis Gelsenkirchen gesteckt. Dort traf ich meine Mutter. Von dort wurden wir nach Polen geschickt. Wir hatten überhaupt nichts bei uns, meine Mutter war auf dem Weg zum Markt festgenommen worden. Außer ihrer Handtasche hatte sie nichts bei sich. Meinem Vater war berichtet worden, daß sie nur die Männer festnehmen würden - er hatte einen Telefonanruf aus Essen bekommen. Ihm war gesagt worden, daß sie nur polnisch-jüdische Männer festnehmen würden, aber die Frauen zurückließen. Deswegen war er zum Polnischen Konsulat nach Düsseldorf gefahren, um Papiere zu besorgen. Weil er verschwunden war, wurden wir festgenommen. Als er zurück kam, waren wir schon an die deutsch-polnische Grenze geschafft worden. Die Deutschen hatten uns herausgeworfen, und die Polen wollten uns nicht hereinlassen. Es war Ende Oktober, es war kalt, und wir hatten nichts - keine Decken keine Mäntel - gar nichts. Wir kampierten in Schulen, lagen auf Stroh, es gab dort überhaupt nichts, aber ein Telefon. So konnten wir unsere Verwandten in Polen anrufen - Großvater, Großmutter und Tanten. Wir konnten ihnen erzählen, wo wir waren. Sie schickten uns Geld für eine Bahnfahrt, um zu ihnen zu kommen. Unsere Verwandten nahmen uns zunächst einmal auf. Wir hatten Kontakt mit dem Vater aufgenommen und gegen Ende des Jahres kam er uns in Polen besuchen. Seine Mutter war aus natürlichen Gründen verstorben. Wir gingen zu der Beerdigung und wir waren alle wieder zusammen.

Dann bekam mein Vater aber die Genehmigung, zusammen mit meiner Mutter nach Deutschland zurückzugehen, um das Geschäft abzugeben, weil ja in der Zwischenzeit die Kristallnacht stattgefunden hatte. Ich denke, es war Februar 1939. Allerdings war da nicht mehr viel übrig, alles war zerstört. So ging er zurück, um das Geschäft endgültig zu liquidieren, und wir dachten, daß wir danach auswandern könnten. Die Schwierigkeit zu emigrieren und insbesondere in die USA zu emigrieren bestand darin, daß wir unter die polnische Quote fielen, und diese polnische Quote gab uns keine Chance, vor 1943 oder 1944 in die USA einzuwandern. Wir wären auch überall sonst hingegangen, aber es ging nicht. So hatten wir keine Möglichkeit, irgendwohin zu entkommen.

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Kriegsbeginn 

Am 1. September brach der Krieg aus. Ich war in Lodz, mein Vater und meine Mutter waren in Deutschland. Am 2. oder 3. September wurde mein Vater als feindlicher Ausländer verhaftet. Man brachte ihn in das Konzentrationslager Sachsenhausen, nahe Berlin. So war meine Mutter alleine in Deutschland und ich war in Lodz. Wie ich mich erinnere, marschierten die Deutschen am 8. September in Lodz ein. Von da an veränderte sich alles dramatisch. Nun waren die Juden Freiwild. Sie wurden aufgegriffen, auf Lastwagen geladen und von einer Stunde auf die andere wussten die Menschen nicht, was aus ihren Ehemännern, Vätern und Söhnen wurde ... Juden wurden geschlagen oder vertrieben. Manche Polen freuten sich, Stellungen von Juden zu übernehmen. Juden konnten behandelt werden wie man wollte. Das war aber erst der Anfang.

Bild: Blick auf Konski

1940, ich denke, es war im Januar, begannen die Deutschen damit, das erste Ghetto aufzubauen. Das war in Lodz. In dieser Zeit änderte sich der Name von Lodz in Litzmannstadt. Ich schaffte es, aus dem Ghetto herauszukommen, genau in der Woche, als sie das Ghetto endgültig absperrten. Meine Tante und ihr Mann nahmen mich auf.

Mit Pferd und Wagen und mit einigen anderen zusammen fuhren wir in einen Ort namens Konskie. Das war auf dem Land, dort war es nicht so hektisch wie in der Stadt. Dort gab es noch kein Ghetto. Ich blieb dort bis Juni 1940.

Außerhalb des Konski-Ghettos

Außerhalb des Konski-Ghettos, Herman Neudorf und Jadzia

Bilder oben: Diese Aufnahmen sind im Juli 1940 entstanden. Herman Neudorf außerhalb des Konskie-Ghettos zusammen mit guten Freundinnen. Das Mädchen auf dem linken Bild hieß Jadzia. Auf dem rechten Bild sitzt Jadzia auf der Bank rechts außen. Ein paar Wochen später wurden die beiden Mädchen im Vernichtungslager Treblinka vergast.

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Herman ist nun knapp 15 Jahre alt

In der Zwischenzeit hatte meine Mutter sich bemüht, bei der Gestapo eine Genehmigung dafür zu kriegen, daß ihr einziger Sohn zurückkommen könnte. Ich weiß nicht warum, und ich kenne auch keinen anderen Fall, aber sie gaben die Erlaubnis, daß ich von Polen zurück nach Deutschland kommen und mit ihr wieder zusammen gebracht werden konnte.

Mit anderen Worten: In Lodz hatten wir schon den Gelben Stern auf der Kleidung vorne und hinten. In Polen hatten wir ein weißes Band um den Arm mit einem blauen Stern darauf, und nun erlauben Sie mir, mit einem deutschen Zug zu fahren. Bis heute hört sich das unglaublich an: Ein jüdischer Junge durfte mit den deutschen Truppen aus Polen nach Deutschland zurück fahren.

Und ich kam im Juni 1940 zurück nach Deutschland. Nach der "Kristallnacht" war meine Mutter aus unserer Wohnung in ein Judenhaus gebracht worden. Dort lebte ich nun mit meiner Mutter in einem Raum. Wir mussten aber noch keinen Stern tragen, konnten uns frei bewegen und zur Arbeit gehen. Ich ging zur Arbeit nach Essen. Wir bekamen Post von meinem Vater - einmal im Monat konnte er eine Karte aus dem Konzentrationslager schreiben. Wir wußten, daß dort die Hölle war. Als Kind wußte ich aber nicht wirklich, wie schlimm es war. Aber mein Vater schrieb immer, daß es ihm gut gehe. Ich schrieb ihm. Und ich schrieb auch Verwandten, daß er rauskommen würde wenn wir ein Visa von irgendeinem Land bekommen würden.

Deportation nach Riga 

Am 20. Dezember 1941 erhielten wir von der Gestapo, Staatspolizeistelle Gelsenkirchen, die erste Aufforderung: "Sie haben sich auf einen Transport zum Arbeitseinsatz nach dem Osten vorzubereiten. An Gepäck darf 10 RM mitgenommen werden. Die Fahrtkosten sind selbst zu entrichten." Also alles das, was wir nach den Judenpogromen des 9. November 1938 wieder mühsam angeschafft hatten, sollte zurückgelassen und den raubgierigen Nazis preisgegeben werden!

Meine Mutter lag krank danieder. Die Nerven der so schwergeprüften Frau versagten. Es war zuviel, seit dem furchtbaren 9. November... Täglich neue Qualen. über Nacht arm, Hab und Gut zerstört oder geraubt. Bei Ausbruch des Krieges dem Ehemann gewaltsam entrissen. Er war ja Pole und vor allem Jude. Er war ja ein Staatsfeind. Nach wochenlangem Warten auf ein Lebenszeichen kommt ein Gruß. Aus dem KZ Sachsenhausen. Ich war in Polen und erlebte den Überfall der Deutschen. Also, die Frau stand allein. Mann und Kind in weiter Ferne, in den Händen der Mörder.

Nach monatelangem Kampf gelang es, mich, ihr einziges Kind, wiederzubekommen. Die Wiedersehensfreude ließ das Leid ein wenig vergessen. Ende Februar starb Oma, ihre Mutter. Kurz nach der Trauerwoche kam ein Brief von meinem Vater. "Es geht mir gut. Ich bin gesund. Seit stark! Kopf hoch! Auf ein baldiges Wiedersehen." Die Freude war groß, und ich sah meine Mutter nach langer Zeit wieder lachen.

Zwei Tage später, der unvergeßliche 14. März. Kurz nach acht Uhr abends klingelte der Briefträger. Ein Telegramm. Ich nehme es an der Haustür in Empfang. Schnell geöffnet, ich lese, meine Augen weiten sich vor Entsetzen. Ich denke an Mutter. Ich eilte hinauf, trete, kreidebleich in das Zimmer. "Wer war dort?" Ich konnte nicht reden. "Was ist los? Was hast du?" Ich brachte nur ein "Mutter, sei stark" über die Lippen und reichte ihr das Blatt. Da stand, wie im Traum buchstabierte ich: "Ihr Mann ist heute an Lungentuberkulose verstorben. Asche folgt." Und nach diesen furchtbaren Monaten noch Deportierung. Wo soll das enden?

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Vorbereitungen wurden getroffen. Medikamente, Frostschutzmittel, Winterkleidung, warme Decken und so weiter beschafft. Am 20. Januar 1942 kommt wieder ein Schreiben: "Sie haben sich zum Transport nach dem Osten in den nächsten drei Tagen bereitzuhalten." Nun ist es soweit. Am 22. Januar um 10 Uhr morgens wurden wir von der Gestapo abgeholt und in einen Autobus verfrachtet, mit je einem Koffer. Im nu sammelte sich um das Auto eine Anzahl Schulkinder. Auf ihre neugierige Frage, wohin wir fahren, antwortete der Gestapo-Chauffeur: "Zur Erholung in ein Sanatorium."

Am Sammelplatz (Ausstellungshalle Wildenbruchstrasse) schliefen wir eine Nacht am Boden und am nächsten Tag wurden wir verladen. Es war der 27. Januar 1942. Aber diese Mörder wußten zu gut, wohin unsere Fahrt führt. Hoher Schnee mit ca. 25 Grad Kälte. Der Zug stand bereit. Ungeheizt. Am Ende des Zuges wurden drei Wagen mit unseren Koffern, Verpflegung und Küchengeräten angehängt. Dann fuhren wir ab. Türen natürlich abgeschlossen. Vor Hannover erfuhren wir, daß die letzten Wagen "heißgelaufen" waren und abgehängt werden mußten. Nun besaßen wir nur noch das, was wir am Leibe trugen. Sechs Tage Fahrt durch Ostpreußen, Litauen, Lettland. Aborte verstopft, die Abteilwände mit einer Eisschicht überzogen. Am 1. Februar erreichten wir unsere neue Heimat.

Der Transport hielt am Bahnhof Riga-Skirotava. Auf uns warteten schon SS-Leute in dicken Pelzmänteln. Sie trieben uns mit Schlägen und Gebrüll aus dem Zug. Die Glieder waren noch starr vor Kälte. Zum Teil mit Autos oder zu Fuß ging es ab. Ungefähr drei Stunden Marsch. Lettische Wachen hüteten uns sorgfältig und rissen einigen gute Kleidungsstücke vom Leibe herunter. Ein mit Stacheldraht umgebener Stadtteil tauchte auf. Personen mit gelben Judensternen konnte ich erkennen. Das war also das Rigaer Ghetto, das uns allen ewig in Erinnerung bleiben sollte. Im Ghetto angekommen, traf ich gleich Bekannte. Juden aus allen Teilen Deutschlands waren schon vor uns angekommen. Transporte aus Köln, Düsseldorf, Bielefel, Kassel, Hamburg, Frankfurt, Berlin, Wien und Prag.

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Zufällig sind meine Verwandten aus Herford und Kassel auch nach Riga gekommen, so daß es ein überherzliches (ich) Wiedersehen gab, getrübt nur durch den Stacheldraht. Dann wurde Quartier gesucht. Zehn Menschen in einem Zimmer. Wohnungen voll mit Ungeziefer. Eine Wanze oder Laus kannte ich nur von der Biologiestunde in der Schule. Gleich am am nächsten Morgen Arbeitseinteilung. 500 Mann zum Hafen. Ich meldete mich sofort freiwillig, in dem Glauben, bei der Arbeit etwas zu Essen zu bekommen. Um sechs Uhr früh stockfinster, 30 Grad Kälte, umgeben von ca. 40 SS-Banditen, so marschierten wir zur Arbeit. Am Hafen warteten zwei Schiffe, beladen mit Strohballen auf uns. Ausladen, gehetzt von SS und Wehrmacht. Feierabend gab es nicht. Um Mitternacht schleppten wir uns gebrochen zurück ins Ghetto, durchfroren und hungrig. Nun wußte ich auch, was hungern war.

Dank der hervorragenden Organisation der jüdischen Ghettoleitung wurde allmählich die Arbeitseinteilung geregelter. Mutter wurde Fürsorgerin der Wiener Gruppe. Sie hatte eine schwere, aber schöne Aufgabe und wurde somit Betreuerin der Wiener Kinder, Kranken und alten Menschen. Meine Tante Else arbeitete von früh bis spät in einem Sägewerk, um so das nötige Brennmaterial beschaffen zu können. Onkel Robert, als tüchtiger Autoschlosser bei der SS bekannt, wurde gleich in den ersten Tagen von seiner Frau und seinen Schwestern getrennt und zu Schlosserarbeiten in SS-Werkstätten herausgeholt und mußte auch dort wohnen. Von meinen Kasseler Verwandten will ich erwähnen, daß Hermann eine gute Stellung als Elektriker hatte und Tante Hedwig für ihren Jungen sorgen konnte.

Ich selbst arbeitete als Tischler, Elektriker und Glaser bei der Wehrmacht und hatte somit Gelegenheit, für das leibliche Wohl zu sorgen. Dazu muß ich nun erläutern. Einige Tage vor unserer Ankunft wurden im Ghetto 20.000 lettische Juden erschossen, um Platz für uns Neue zu schaffen. Eine alte SS-Methode. Wir kamen nun in ihre Wohnungen, wo wir noch Haushaltsgegenstände und Kleidung vorfanden. Um uns nun vor dem Hungertod zu retten, wurde alles, was nicht dringend notwendig war, an die Letten für Nahrungsittel vertauscht, das heißt, wer Gelegenheit dazu hatte. Auf meiner Arbeitsstelle waren eine Menge russischer Arbeiter und ich wurde ein großer "Handelsmann".

Ich erlernte russisch, ein wenig lettisch und mit allen Kräften stürzte ich mich auf das Geschäft, weil ich wußte, am Abend daheim werden die Lieben sich freuen. Nun kam der Gegenschlag."Auf Tauschhandel steht die Todesstrafe" liest man an jedem Haus. Kameraden wurden erhängt wegen eines halben Pfundes Butter. Strengste Kontrollen beim Tor abends. Es hilft nichts. Zehn werden erhängt und Tausende kämpfen weiter, das Leben ihrer Familien zu erhalten. So ging es nun ein Jahr gut. Dann hörten wir von der herrlichen Niederlage bei Stalingrad und der Massenmord begann.

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KZ Kaiserwald, Dezember 1943  

Am 2. September gehen die ersten 3.000 in den Tod, persönlich ausgesucht vom Kommandanten, SS-Obersturmführer Krause und seinem Adjudanten Roschmann aus Graz, sowie dem Unterscharführer Schröder aus Ginnich. Alle Kinder, Kranke und Alte wurden uns genommen. Ein LKW hielt vor dem Spital und die ahnungslosen Kranken wurden wie "Frachtgut" aufgeladen. Nun waren wir noch Wenige. Wir wußten, das Ghetto würde aufgelöst und ein KZ entsteht. So war es. Im schönsten Teil von Riga entstand das furchtbare KZ Kaiserwald. Ich blieb zum Glück mit Mutter zusammen. Tante Else kam in eine Fabrik, mußte dort wohnen mit 3.000 Juden-Menschen. Onkel Robert war noch bei der SS in der Stadt, hatte es einigermaßen. Die Kasselaner wurden zu Reichsbahnarbeiten gebracht, nachdem ihr einziges Kind, der liebe Hans Manfred, der Diphterie erlag. Die unglückliche Tante Hedwig verübte Selbstmord, konnte aber wieder gerettet werden. Tante Rosi erlag der Ruhr. Nun der II. Akt.

Lange, graue Baracken, von hohem zweifachen Stacheldraht umgeben, das war nun meine neue Heimat. Gleich bei der Ankunft wurde ich von Mutter getrennt. Sie kam ins Frauenlager und so konnte ich sie nur noch durch den Zaun sehen. Alle Kleider die wir am Leib trugen, wurden uns abgenommen, wir bekamen Lumpen mit großen weißen Kreuzen auf dem Rücken und der Brust.

Ich sah zum ersten Mal SS-Aufseherinnen. Bestien in Uniform, Stiefel, Pistole und Peitsche, so drangsalierten sie unsere Frauen, schlugen und traten sie. Oh, die herrliche deutsche Frau, die berühmte deutsche Kultur!! Ich kann sagen, die SS-Frauen haben die SS-Männer an Brutalität bei weitem übertroffen.

Mutter wurde sehr krank. Rippenfellentzündung. Ich durfte nicht zu ihr. Auf meinem neuen Arbeitsplatz, einer Wehrmachtautowerkstatt, stahl ich Autobestandteile und verkaufte sie an Zivilisten gegen Essen. Mutter mußte leben. Und Gott half ihr. So leicht sollten es diese Hunde nicht haben. Die liebe Mutter wurde wieder gesund. Oh, wie glücklich war ich, als sie zum ersten Mal wieder durch den Draht sprechen konnte! Und so kam der Sommer und Rußlands Rote Armee marschierte vorwärts, wir hofften und warteten. Kiew, Minsk, Wilna wurden gestürmt. Der Name Lettland wird schon in den deutschen Nachrichten erwähnt. Was wird aus uns? Läßt man uns leben?

Der 27. Juli 1944 brachte die Antwort: Nach dem üblichen Abendapell kommt pötzlich der "Lagerarzt", SS-Sturmbannführer Krebsbach mit einem Stab hoher SS-Offiziere und inspiziert jeden eingehend. Die älteren und schlecht Aussehenden rechts in eine von Wachen gehütete Baracke, die übrigen links auf die Seite. Jeder wußte, rechts der Tod, links vorläufig das Leben. Die Baracke füllte sich. Wir mußten zusehen. Nachdem die Männer durch waren, ging er zu den Frauen. Das gleiche Bild. Die für rechts Bestimmten wurden in einer Kolonne aufgestellt und unter schärfster Bewachung auch in die Baracke geführt. Der unglückliche Zug kam an mir vorbei, es war dunkel, und ich sah, ich traute meinen Augen nicht, meine liebe Mutter war unter ihnen. Ich ging wie im Fieber. Ich glaube, ich habe die ganze Nacht geschrien. Ich weiß es nicht mehr. Im Morgengrauen versuchte ich, an diese Todesbaracke heranzukommen, aber die SS-Posten, die das Gebäude umstellt hatten, trieben mich mit Schlägen zurück.

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Vom weiten blieb ich stehen starrte auf die Fenster. Und wirklich, Mutter hatte mich gesehen. Sie fragte mich: "Wohin fahren wir ?" Ich antwortete nur: "Wir sehen uns bald wieder." Worauf sie fragend antwortete: "Im Himmel?" In dem Moment traf mich ein Kolbenschlag eines Wachpostens und ich stürzte davon. Ich habe sie niemals wiedergesehen. Später, als ich dann zum Kommandanten, SS-Sturmbannführer Sauer ging und ihn in meiner Not anflehte, mir meine Mutter zu lassen, antwortete er zynisch, ich könnte ja mitfahren, wenn ich Lust hätte. Gibt es nun in der Welt eine Strafe, die groß genug wäre, um diesen furchtbaren Grausamkeiten gerecht zu werden?

Vom Tag an war ich allein. Im Lager Strassenhof, wo sich Tante Else befand, wurden alle Personen über 30 auf die gleiche Weise fortgeschafft. Bei der Reichsbahn das gleiche. Von all diesen Unglücklichen hat man bis zum heutigen Tage nichts mehr gehört. Nur haben sich einige dieser SS-Mörder dann später beim Saufgelage über ihre Heldentaten im Rigaer Hochwald gerühmt. Nun wurde auch für uns die Lage kritisch. Erleiden wir das gleiche Schicksal, Mann und Frau??

Am 6. August 1944, nach dem Morgenapell, inzwischen schon kahlgeschoren und in gestreifter Kleidung, wurde das halbe Lager geräumt. Ich war auch unter diesen. Der Weg führte zum Hafen, wo wir auf ein großes Schiff unter Deck eingepfercht wurden. Erst rechneten wir wieder mit einem Schurkenstreich, als dann aber auch SS- und Wehrmachtsoffiziere mitfuhren, fühlten wir uns sicher. Ich will die furchtbaren drei Tage auf diesem Höllenschiff nicht beschreiben. Wenn ich nur erwähne, daß einige vor Durst ohnmächtig geworden sind. Unser Landeplatz war Danzig, und von dort ging es zum KZ Stutthoff. Auch dort waren die Zustände fürchterlich. Aber Gott sei Dank blieben wir dort nur einige Tage und wurden dann zum Arbeitseinsatz nach Deutschland geschickt. Als der Zug hielt, waren wir in Buchenwald, wo ich dann am 13. April 1945 befreit worden bin.

Befreiung des Häftlings Nr. 82609 

Sieben Jahre hat Herman Neudorf in der Hölle verbracht. Vater, Mutter, Verwandte, Bekannte und Freunde verloren. Nun ist er frei. Die Erinnerungen an diese schrecklichen Zeiten wird Herman D. Neudorf jedoch Zeit seines Lebens gefangen halten.

Veröffentlichung auf der Internetpräsenz von GELSENZENTRUM mit freundlicher Gehnehmigung von Herman Neudorf.

1997: Herman Neudorf in GelsenkirchenBild: Herman Neudorf besucht 1997 den jüdischen Friedhof in Gelsenkirchen-Ückendorf. Die Stele erinnert an die ersten jüdischen NS-Opfer aus Gelsenkirchen, darunter auch Hermans Vater Simon Neudorf.

"Das war Riga", hat Herman D. Neudorf kurz nach der Befreiung aus dem KZ Buchenwald niedergeschrieben. 1997 übergab Herr Neudorf seine niedergeschriebenen Erinnerungen dem ISG. Der Bericht wurde durch auszugsweise Übersetzungen aus der Zeit vor der Deportation, aufgezeichnet 1995 von der "Survivors of the Shoa Visual History Foundation", ergänzt. Erstveröffentlichung im Januar 2004 in dem Buch von Stefan Goch, "Jüdisches Leben - Verfolgung-Mord-Überleben" veröffentlicht.


Andreas Jordan, August 2007

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