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Erinnerungskultur in der Metropole Ruhr

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Die Nachbarn - Herne: Das Shoah-Denkmal

Das Shoah-Denkmal in Herne ist Teil der grundsätzlichen Umgestaltung und Modernisierung des Platzes zwischen Kulturzentrum, Kino und Archäologie-Museum. Die Umbauarbeiten begannen im März 2009 und sollen bis Oktober diesen Jahres abgeschlossen werden. Das zentrale Shoah-Denkmal wird nun so umgesetzt: Eine zentrale Steinplatte, die einer Rampe gleicht, führt zu einer aufrecht stehenden Gedenktafel, auf der den Opfern aus Herne und Wanne gedacht wird. Auffälligstes Merkmal sind 400 Okulare aus Glas, die auf der Tafel eingelassen sind. Jede dieser Linsen zeigt den Namen eines Opfers.

Weg der Erinnerung

Der Historiker Ralf Piorr hatte zuvor den Hintergrund und die Motivation erklärt und anschließend die Modelle erläutert. Die Kommune erinnert auf diese Weise an den systematischen Völkermord speziell der Herner und Wanne-Eickeler Juden während des so genannten "Dritten Reiches". Das zentrale Memorial soll die zehn von Schülern im ganzen Stadtgebiet aufgestellten Gedenktafeln bündeln. Oberbürgermeister Horst Schiereck, der zu den Initiatoren gehört: „Das ist ein Abschluss eines Weges der Erinnerung, mit dem wir neue Akzente setzen.“ Aus Piorrs Ausführungen ging auch hervor, dass Künstler und Jury zuvor das Urteil von verschiedenen jüdischen Stellen eingeholt haben. Das Vorhaben eines Shoah-Denkmals fand generell bei allen im Rat vertretenen Parteien breite Zustimmung – mit Ausnahme der Republikaner.

→ Herne weiht Shoah-Mahnmal ein

→ Ralf Piorr: Betrachtungen zum Shoah-Denkmal

→ Die Opfer der Shoa aus Herne und Wanne-Eickel

→ Gedenken in Herne

Familie Goldschmidt aus Herne

Esther Goldschmidt wurde 1951 in Herne geboren und lebt heute in Norddeutschland. Einen großen Teil ihrer jüdischen Familie hat sie nie kennengelernt, da ihre Verwandschaft, Onkel, Tanten und auch ihr damals Siebenjähriger Bruder Heinz, geboren in Herne, von den Nazis deportiert und ermordet wurden.

Ihre Eltern überlebten, waren aber nie wirklich in der Lage, ihrer Tochter von diesen Dingen zu erzählen. Erst nach dem Tod der Eltern begann sie nachzuforschen. Sie besuchte ihre letzte noch lebende Tante in den USA und erhielt von ihr einen Koffer voll mit alten Briefen der Familie. Aus diesen teilweise sehr berührenden Briefwechseln läßt sich erahnen, wie die Lebenssituation der Familie damals kurz vor der Deportation war. Einige Verwandte waren bereits in Lager gebracht worden, andere bemühten sich verzweifelt um die Ausreise, zumeist vergeblich. Sie wurden in Gelsenkirchen gesammelt und deportiert.

Acht Jahre lang recherchierte Esther Goldschmidt, bis sie schließlich das Buch "Vergangene Gegenwart" vorlegte. Bei der Recherche dazu wurde sie von vielen Personen unterstützt, so auch von GELSENZENTRUM e.V.. Esther nahm die Einladung von GELSENZENTRUM gerne an, nach Gelsenkirchen zu kommen, wo sie am 6. Februar 2009 vor Schülern der Gerhard-Hauptmann-Realschule aus ihrem Buch las.

Von der Lesung in der GHR liegt nun auch ein Mitschnitt auf CD vor, der in Kooperation von GELSENZENTRUM und dem Internetforum Gelsenkirchener Geschichten entstanden ist, ein besonderer Dank an Jesse Krauß, der diese CD erstellt hat. LehrerInnen und Multiplikatoren können diese CD zur Verwendung z. B. im Unterricht bei GELSENZENTRUM e.V. per Email kostenlos anfordern.

→ Email an GELSENZENTRUM e.V.

Aus dem Audiomitschnitt der Lesung von Esther Goldschmidt am 6. Februar 2009

→ Familie Goldschmidt - das Schicksal einer jüdischen Familie

→ Stolpersteine für Angehörige der Familie Goldschmidt in Gelsenkirchen

Leo Schnur

Im Jahr 2005 weilte Leo Schnur auf Einladung der Stadt Herne in seiner Geburtsstadt. Das Gespräch mit Leo Schnur führte der Historiker Ralf Piorr.

Leo SchnurBild: Leo Schnur zu Gast in Herne

Leo Schnur wurde 1925 in Herne geboren. Seine Eltern Isac und Basia Schnur unterhielten ein Bekleidungsgeschäft in der Von-der-Heydt-Straße, bis der Antisemitismus der Familie die ökonomische Grundlage entzog. Leo Schnur erinnert sich an ein Erlebnis in der Bahnhofstraße:„Einmal Sonntags wollten wir in ein Kaffeehaus gehen. Da stand an der Tür ein Schild: ‚Eintritt für Juden, Hunde, Zigeuner und Neger verboten‘. Da hörte ich meine Mutter zu meinem Vater sagen: ‚Isac, wir müssen weg von hier, sonst wird es zu spät sein‘.“ Die Familie Schnur emigrierte im Juni 1936 nach Uruguay.

Leo Schnur, Sie sind zu Gast in Herne gewesen. Wie sind ihre Eindrücke?

Gerade gestern habe ich in einer Zeitung hier im Hotel ein altes Bild noch aus der Zeit der Hitler-Diktatur von Herne gesehen. Der Rathausplatz war voll mit Hakenkreuz-Fahnen. Ich musste wieder an unsere Flucht aus dieser Stadt denken, an die Angst, die wir damals durchlitten. Ich erinnere mich daran, wie die Hitler-Jugend in ihren Uniformen aufmarschierte. Es war so eine dunkle Zeit. Es gab damals Schuldige und Unschuldige. Die Schuldigen waren die, die die NSDAP unterstützt und gewählt haben. Dadurch kam der Krieg. Auch Deutschland hat viele Menschen verloren, aber für das Judentum in ganz Europa kam die Katastrophe der Shoah. Und als ich dieses alte Foto sah, hat mich das alles in dem Moment berührt. Das ist nun viele Jahre her und mein Leben ist mit fast achtzig Jahren schon ‚Ende des Winters’, wie man bei uns in Uruguay sagt, aber diese Erfahrungen sind mir immer noch nah.

Heute aber kam ich in eine Stadt, die ganz anders ist. Ich traf Menschen, die ganz anders sind, junge Menschen, die damals noch gar nicht geboren waren. Diese Begegnungen bedeuten mir viel. Es ist mein Wunsch, dass sich dieses Land weiter demokratisch entwickeln kann und bei meiner heutigen Abreise aus Herne nehme ich den Glauben und das Vertrauen mit, dass es keine dunkle Zeit mehr in Deutschland geben wird. Familienidylle vor dem Nationalsozialismus: – Heinz, Isac, Basia und Leo Schnur.

In Deutschland gibt es seit Jahren eine Diskussion darüber, ob man nicht endlich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen sollte.

Wir müssen nicht jeden Tag leben mit diesen Sachen, denn wir sollten vor allem in die Zukunft schauen. Aber wir tragen die Verantwortung, daran zu erinnern, was geschehen ist. Überhaupt der jungen Generation das mitzuteilen, damit es nicht verloren geht. In 100 Jahren würde es sonst keiner mehr wissen und das wäre so, als ob es nie geschehen wäre. Meine Angst ist: Wenn man vergisst, könnte es wieder passieren. Deswegen heißt die Lehre der Erinnerung für mich, etwas für die Gegenwart zu begreifen.

Diese Gedenktafeln, die jetzt in der Bahnhofstraße stehen, halte ich für eine wichtige Sache. Sie werden von Schülern gemacht, die schon bei der Erarbeitung etwas von der Geschichte der Verfolgung und Deportation lernen können. Und in der Straße bleiben die Menschen doch davor stehen und wer will, kann lesen, was geschrieben steht. Außerdem ist es „für uns“ wichtig, dass unsere Geschichte nicht vergessen ist. Oder für meinen Sohn, der aus Israel kommt und sieht, dass man sich hier in dieser Stadt der Geschichte stellt.

Für ihre Angehörigen war der Besuch in Herne keine Rückkehr, sondern etwas Neues.

Ich selbst habe mit meinen Kindern nicht viel über meine Kindheit in Deutschland, über die Nazis und die Emigration gesprochen. Wenn dann nur mit meinem älteren Bruder Heinz, der auch noch in Uruguay lebt, und der alles mit mir zusammen erlebt hat. Wir leben viel in den Erinnerungen. Ich weiß noch, wie wir 1936 wenige Tage nach der Ankunft in Montevideo frühmorgens wieder zum Hafen schlichen, um auf irgendeinem Schiff anzuheuern, das uns nur wieder nach Deutschland bringen sollte. Zum Glück hat es nicht geklappt, und Uruguay ist dann zu unserer Heimat geworden.

Für mich war es sehr wichtig, dass meine Familie mich hier begleiten konnte, und ich glaube, sie haben jetzt noch viel mehr von meiner Geschichte begriffen. Es ist ein Unterschied, ob man Sachen erzählt bekommt, die einer erlebt hat, oder ob man die Dinge, die Angst, selbst gefühlt hat. Es hat damals lange gedauert, bis man in Uruguay die Angst von uns genommen hatte. Diese Erfahrung selbst in der eigenen Familie weiterzugeben, ist sehr schwer. Aber hier bei diesem Besuch ist mir das etwas besser gelungen. Und sie haben natürlich auch verstanden, wie sich diese Stadt verändert hat, denn zu Beginn der Reise waren sie schon etwas skeptisch über den Besuch in Herne.

"Wir tragen die Verantwortung, daran zu erinnern, was geschehen ist."

Mein Sohn und meine Schwiegertochter – beide leben in Israel – haben gesehen, dass hier verantwortlich mit der Geschichte umgegangen wird. Meine Frau hat vor der Reise sehr gezweifelt, aber gestern Abend hat sie zu mir gesagt: „Weißt du, ich hatte nicht viel Lust nach Herne zu kommen. Aber jetzt fahre ich weg mit einem sehr angenehmen Gefühl. Was wir hier erlebt haben, die Menschen, mit denen wir in Kontakt waren, dass war sehr wichtig.“ Man sieht und hört, dass ist ein anderes Deutschland.

Gleichzeitig existieren auch die traurigen Momente. Als wir durch die Stadt gegangen sind, haben Sie sich viel an die alten Geschäfte und Wohnhäuser jüdischer Familien erinnert, also an Menschen, von denen viele ermordet wurden.

Die „deutschen Juden“ von einst gibt es hier nicht mehr. Und die Kinder oder Enkelkinder von denen auch nicht. Von den über 600 Juden, die es in Herne gab, als wir wegfuhren, ist keiner mehr da. Auch keine Kinder von ihnen. Ich wollte hier in Herne mit meiner Familie in die Synagoge gehen, aber es gibt hier keine mehr. Als ich jung war, gab es hier eine Synagoge und eine lebendige jüdische Gemeinde mit vielen Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten. Das alles ist unwiderruflich verloren. Das deutsche Judentum ist mit der Shoah untergegangen. Die wenigen, die überlebten, kamen nicht mehr zurück.

Auch mir kam es nach dem Krieg nie in den Sinn, wieder in Deutschland leben zu wollen. In Montevideo gibt es noch heute eine große Gruppe von deutschen Juden. Selbst deren Kinder sprechen deutsch und führen die deutschen Rituale in den Synagogen fort. Aber sie gingen nicht zurück nach Deutschland. Der Bruch war zu stark. Um jetzt zu Sabbat in die Synagoge gehen zu können, sind wir nach Bochum gefahren. Dort leben viele russische Juden, die aus einem Land kommen, wo es Verfolgung gibt und die hier auf ein besseres Leben hoffen. Das ist jetzt eine andere Geschichte. Der Gemeindevorstand will für Herne und Bochum eine neue Synagoge bauen, und auch die Stadtverwaltungen haben sich bereit erklärt, ihnen zu helfen. Es gibt also auch viele Deutsche, die wollen, dass das jüdische Leben in Deutschland weiter geht. So liegt unsere Hoffnung in der Zukunft.

Vgl. Internetpräsenz der Stadt Herne: → www.herne.de

Gedächtnis und Auseinandersetzung...

Leo SchnurBild: Ein Buch zur Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel

Nahtstellen. Jüdisches Leben im Zentrum von Herne und Wanne-Eickel. Selbstbewusste Gemeinden im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Verfolgung und Vertreibung während des Nationalsozialismus. Überlebende und Rückkehrer. Ein neuer Anfang nach 1945. Die ungewisse Gegenwart.
Fühlbar. Die Leere im Zentrum der Stadt. Trauer und Verlust in den Erinnerungen der Überlebenden. Unbehagen und Befangenheit der Betrachtenden. Wie wird das begreifbar, was nicht mehr ist?
Hier. Ein Platz im Zentrum der Stadt: 1942 der Ausgangsort der Deportationen. Umgeben von Tätern, Profiteuren und Zuschauern. Versuche der Rekonstruktion: Historische Analysen, Erinnerungen und Gespräche. Ein Buch über die Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel - als Beispiel.

„Nahtstellen, fühlbar, hier“ - ein Zitat aus einem Gedicht Paul Celans - scheint ein befremdlicher Titel für ein Buch zur Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel zu sein. Aber allein der Titel verweist auf Kontinuitäten und Brüche des deutsch-jüdischen Lebens, die bis heute vorhanden sind und zu kritischer Auseinandersetzung Anlass geben.

Das Buch beginnt mit der Darstellung der Entwicklung der lokalen jüdischen Gemeinden vom Kaiserreich bis heute. Jüdische Menschen waren dabei Handelnde, Subjekte der Geschichte und führten selbst unter der Bedrängnis des NS-Systems ein eigenes Leben, das allerdings zunehmend von den antisemitischen Repressionen zerstört wurde. Dabei wird die Rolle der Täter und Profiteure nicht ausgeklammert, und der Frage, wie Ausgrenzung und „Arisierung“ vor Ort funktionierten, nachgegangen. Auch nach 1945 gab es jüdisches Leben in Herne und Wanne-Eickel, das allerdings unter anderen Vorzeichen stand: Wie gelang es den Überlebenden mit den traumatischen Erfahrungen der Shoah im „Land der Täter“ umzugehen?

Der abschließende Teil ist mit autobiographischen Erzählungen, Interviews und Porträts den Erinnerungen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen verpflichtet, in denen die Intensität der persönlichen Erfahrungen spürbar bleibt. Dabei präsentiert das Gedächtnisbuch keine Geschichte, die es erlauben würde, einen bequemen Sicherheitsabstand zu den Geschehnissen einzunehmen.

Ralf Piorr (Hrsg.): "Nahtstellen, fühlbar, hier... – Zur Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel", Klartext, Essen 2002

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Andreas Jordan, Juli 2009

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