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Autorenlesung in der Gerhart-Hauptmann-Realschule

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Esther Goldschmidt - Lesung in der Gerhart-Hauptmann-Realschule 2009

Esther Goldschmidt liest aus Vergangene Gegenwart vor den Schülern und Schülerinnen der Gerhart-Hauptmann-Realschule

Bild: Esther Goldschmidt liest aus Vergangene Gegenwart vor den Schülern und Schülerinnen der Gerhart-Hauptmann-Realschule in Gelsenkirchen

Esther Goldschmidt wurde 1951 in Herne geboren und lebt heute in Norddeutschland an der dänischen Grenze. Einen großen Teil ihrer jüdischen Familie hat sie nie kennengelernt, da ihre Verwandschaft, Onkel, Tanten und auch ihr damals Siebenjähriger Bruder Heinz, von den Nazis deportiert und ermordet wurden.

Ihre Eltern überlebten, waren aber nie wirklich in der Lage, ihrer Tochter von diesen Dingen zu erzählen. Erst nach dem Tod der Eltern begann sie nachzuforschen. Sie besuchte ihre letzte noch lebende Tante in den USA und erhielt von ihr einen Koffer voll mit alten Briefen der Familie. Aus diesen teilweise sehr berührenden Briefwechseln läßt sich erahnen, wie die Lebenssituation der Familie damals kurz vor der Deportation war. Einige Verwandte waren bereits in Lager gebracht worden, andere bemühten sich verzweifelt um die Ausreise, zumeist vergeblich. Sie wurden in Gelsenkirchen gesammelt und deportiert.


Bild: Esther Goldschmidt liest aus ihrem Buch

Bild: Esther Goldschmidt liest aus ihrem Buch "Vergangene Gegenwart". Tief beindruckt vom Schicksal der von den Nazis verfolgten und ermordeten Menschen hören die Jugendlichen zu.

Frau Goldschmidt fand bei den Schülern Interesse und Anteilnahme, was sich auch an den vielen Nachfragen zeigte. Gefragt wurde nach den Gefühlen, die sie hatte, als sie die Briefe las, ob und wie sie ihren eigenen Kindern vom Holocaust erzählt und welche Reaktionen sie in der heutigen Zeit erlebt, wenn sie sagt, dass sie Jüdin ist.

Acht Jahre lang recherchierte Esther Goldschmidt, bis sie schließlich das Buch "Vergangene Gegenwart" herausbrachte. Bei der Recherche zum Buch wurde sie von vielen Personen unterstützt, auch von GELSENZENTRUM e.V., es war Esther Goldschmidts Wunsch, an einer Gelsenkirchener Schule aus ihrem Buch zu lesen. GELSENZENTRUM vermittelte dann den Kontakt zur Gerhart-Hauptmann-Ralschule, wo sie heute morgen ihrem Buch "Vergangene Gegenwart" las. Im Anschluss an die Lesung beantwortete Esther Goldschmidt Fragen der Schülerinnen und Schüler.

Zitat aus dem Audiomitschnitt: "Der kleine Heinz"

Die Lesung (Vollversion 70:33 min)

Von der Lesung am 6. Februar 2009 in der GHR liegt nun auch ein multimdial aufbereiteter Audio-Mitschnitt auf CD vor, der in Kooperation von GELSENZENTRUM und dem Internetforum Gelsenkirchener Geschichten entstanden ist, ein besonderer Dank an Jesse Krauß, der den Tonmitschnitt erstellt hat. LehrerInnen und Multiplikatoren können diese CD zur Verwendung z. B. im Unterricht unentgeltlich bei GELSENZENTRUM e.V. anfordern.

Kommentar zur Lesung im Forum Gelsenkirchener Geschichten

"Der bei uns wohnhafte Pubertierende kam heute mittag massiv beeindruckt von der Schule nach Hause, und das erste, was er erzählte, war: Wir hatten heute zwei Stunden Besuch von einer in Gelsenkirchen lebenden Jüdin, die uns aus Briefen vorgelesen hat. Die Klasse (9er) hätte die ganze Zeit still zugehört und interessiert Fragen gestellt. Dann erzählte er einige Details aus den Briefen, die selbst bei der zweiten Nacherzählung mir noch kalte Schauer über den Rücken jagten.

Daher erstmal ein großes Lob an die Organisatoren dieser Vorlesung. Mehr Realitätsbezug im Unterricht geht nicht! Und es zeigt (Gott sei Dank), dass auch zur heutigen Zeit Jugendliche - und insbesondere jene, denen man nachsagt, für nichts mehr Interesse zu haben - noch nicht völlig abgestumpft und immun sind gegen das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte.

Jetzt steht er wieder massiv beeindruckt neben mir und wundert sich, warum das denn jetzt schon in den GG´s (Gelsenkirchener Geschichten) zu lesen ist. Ist wohl doch nicht nur so'n Rentner-Verein hier!"

Geschrieben von blockka04, verfasst am: 06.02.2009, 16:26


Schicksals-Briefe

Im Rahmen des Zeus-Projektes “Zeitung und Schule” erschien heute, am 6. Mai 2009, ein Interview mit Esther Goldschmidt in der WAZ Gelsenkirchen. Das Interview wurde von Jessica Nowak, 8a der Gerhart-Hauptmann-Realschule geführt. Erika Esther Goldschmidt wuchs in Gelsenkirchen auf und lebt jetzt in Flensburg. Über 30 Ihrer Familienmitglieder wurden in der NS-Zeit wegen Ihrer jüdischen Herkunft ermordet. Ein Interview.

Damit sie nicht vergessen werden

Denken Sie, dass irgendwann etwas Ähnliches wieder passieren könnte? Was wären dann Ihre Sorgen?

Esther Goldschmidt: Nun, ich denke schon. Dies muss nicht unbedingt hier in Deutschland geschehen. Für Antisemitismus oder Ausgrenzung und Vernichtung anders denkender Menschen findet sich leider immer wieder ein Nährboden. Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass, wenn es der Bevölkerung nicht gut geht, Sündenböcke herangezogen werden.

Wenn man einen Blick auf den Nahen Osten wirft, dann hat die Verfolgung oder der Gedanke an die Vernichtung der Juden dort schon lange begonnen. Der Staat Israel ist nun einmal ein Staat, in dem der überwiegende Teil der Bevölkerung jüdischen Glaubens ist, und es ist von hier aus auch nicht leicht, Religion und Staat zu trennen. Die Nachbarn Israels haben sich gegen Israel entschieden und drohen immer wieder, das jüdische Volk zu vernichten. Der Hass wird geschürt und ergreift häufig auch den Rest der Welt. Das bereitet mir Sorgen. Das lässt mich manchmal verzweifeln.

Was haben Sie gefühlt als Sie die Briefe, die sich ihre Verwandten geschrieben haben, gelesen haben?

Zunächst einmal war ich sehr aufgeregt, Briefe in den Händen zu halten, die Mitglieder meiner Familie berührt haben, den Stift geführt, das Papier gefaltet, überlegt haben, was sie denn nun schreiben sollen, dass ihr Atem über das Papier gestreift ist, dass ihre Hand manchmal beim Schreiben gezittert hat. Der Inhalt hat mich in tiefster Seele erschüttert, vor meinen Augen manifestierten sich Angst und Sorge. Gespürt habe ich zwischen den Zeilen auch die Gewissheit des Todes, vermischt mit der Hoffnung, am Leben zu bleiben. Gleichzeitig fühlte ich Trauer, dass ich diese Menschen nie habe kennen lernen dürfen, dass sie so früh sterben mussten, ermordet wurden. Dann kam die Wut! Die war so mächtig, dass ich manchmal mit beiden Fäusten gegen die Wand geschlagen habe. So lange, bis die Fäuste schmerzten, dann habe ich endlich wieder mich selbst gespürt und wurde nicht aufgefressen von dem Schicksal anderer.

Aus welchen Gründen versuchen Sie immer noch, etwas über Ihre verstorbene Verwandtschaft herauszufinden?

Dieses Kapitel ist nie abgeschlossen. Je mehr ich darüber weiß, umso mehr erwachen die Erinnerungen, umso mehr Einblicke erhalte ich in das Leben der damaligen Zeit. Es ist sozusagen private Geschichte.

Falls es zu einer erneuten Verfolgung kommen würde, könnten Sie sich vorstellen dagegen anzukämpfen?

Gegen Verfolgung anzukämpfen. Hm. Dazu gehört Mut. Natürlich könnte ich jetzt einfach sagen: „Ja, diesen Mut habe ich”. Doch wenn es wirklich soweit wäre, dann weiß ich nicht ob ich den Mut haben würde.

Gibt es etwas, das Sie ihren verstorbenen Verwandten sagen wollten, wenn Sie die Chance dazu hätten?

Mit den Ermordeten zu sprechen? Da hätte ich Angst vor. Sie würden mir bestimmt noch mehr von dem Grauen erzählen.Wenn ich etwas sagen sollte, dann würde ich wahrscheinlich jedem etwas anderes sagen. Allen aber würde ich sagen, dass sie nicht vergessen sind.

Haben Sie schlechte Erfahrungen mit Deutschen wegen Ihrer jüdischen Herkunft gemacht?

Ja, das habe ich. Oft genug. Mal verdeckt, mal offen. Teils aus Unwissenheit, teils aus purem, undifferenziertem Hass.

Vergangene Gegenwart

Esther Goldschmidt ist vom Schicksal Ihrer ermordeten Familienmitglieder tief berührt und veröffentlichte Briefe, die sich die Verwandten schrieben, in einem Buch. Mit Ihrem Buch "Vergangene Gegenwart" möchte Esther Goldschmidt den Lesern nahelegen, die Vergangenheit niemals zu vergessen, aus ihr zu lernen und die eigene und andere Meinungen zu hinterfragen. Doch vor allem sollten wir den Mut aufbringen unsere eigene Meinung zu vertreten!

Jessica Nowak, 8a der Gerhart-Hauptmann-Realschule

Erstveröffentlichung dieses Artikels am 6. Mai 2009 in der WAZ Gelsenkirchen: → Damit sie nicht vergessen werden


Andreas Jordan, Mai 2009

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