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Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma in Gelsenkirchen

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Deportation von Sinti und Roma: In Gelsenkirchen fehlt ein Zeichen der Erinnerung

22.3.2013. In der Gelsenkirchener Bleckkirche ist am Donnerstag mit einer Gedenkstunde an die Deportation der Gelsenkirchener Sinti und Roma vor 70 Jahren erinnert worden. Die von Gelsenzentrum e.V. in Kooperation mit der Bleckkirche initiierte Gedenkveranstaltung, an der zahlreiche Sinti aus Gelsenkirchen und umliegenden Städten teilnahmen, war auch ein Aufruf an an die lokale Politik und Gesellschaft, der fortbestehenden Diskriminierung von Sinti und Roma energisch entgegenzutreten.

Deutliche Worte fand auch Roman Franz, Erster Vorsitzender des Landesverbandes NRW und Vorstandsmitglied des Zentralrat- und Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in seiner Rede. So bedauerte er, dass in Gelsenkirchen bis heute kein dauerhaftes, öffentliches Zeichen des Gedenkens realisiert wurde: “Wir, die Sinti, müssen gewiss nicht besonders an unsere Toten und an die Folgen von Tyrannei und Rassismus erinnert werden. Aber das sollte ein ernsthaftes Anliegen der Bürgerinnen und Bürger und ihrer politischen Vertretungen sein, denn die Ermordeten waren Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt.”

Andreas Jordan vom Verein Gelsenzentrum dazu: “Wir werden uns weiterhin beharrlich für die Errichtung eines öffentlichen Zeichens der Erinnerung und des Gedenkens an die aus Gelsenkirchen verschleppten und ermordeten Sinti und Roma einsetzen und der Stadtverwaltung zeitnah eine neuerliche Anregung unterbreiten. Die Realisierung unseres Vorschlags noch in diesem Jahr wäre wünschenswert, zumal die Ausgrenzung, Diskriminierung und Ermordung der Gelsenkirchener Sinti und Roma im Nationalsozialismus keinen Eingang in die Veranstaltungsreihe der Stadt zu Ereignissen und Folgen der Nazi-Herrschaft im 80. Jahr nach der Machtübergabe gefunden hat - von einem im Oktober geplanten Vortrag mit dem Titel "Rassismus am Beispiel des Antiziganismus" einmal abgesehen. Der Völkermord an 500.000 Sinti und Roma hatte seine eigene schreckliche Dimension, seine eigene Bürokratie und Systematik. Das darf auch in Gelsenkirchen nicht vergessen werden.”

→ Grußwort von Roman Franz als PDF-Download

→ Der Vortrag von Hartmut Hering als PDF-Download

Gedenkort für die ermordeten Angehörigen des Volkes der Sinti und Roma in Gelsenkirchen 

Eine Projektgruppe des GELSENZENTRUM e.V. setzt sich seit Januar 2010 für die Errichtung eines würdigen, öffentlichen Gedenkortes für die von den Nazis verfolgten und ermordeten Sinti und Roma aus Gelsenkirchen ein.

→ Gedenkort in Gelsenkirchen

Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma: Gedenkorte für Sinti und Roma

In der Bundesrepublik Deutschland sind bis heute etwa hundert Gedenkorte für die von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Sinti und Roma entstanden. Hinzu kommen weitere Gedenkorte im benachbarten europäischen Ausland. Die neue Internetdatenbank hat sich zum Ziel gesetzt, einen ersten systematischen Überblick über die bislang realisierten Gedenkorte zu vermitteln.

→ Gedenkorte für Sinti und Roma

Spuren des Völkermordes an Sinti und Roma in Gelsenkirchen

Grabstein auf dem Friedhof der Propsteigemeinde St. Augustinus an der Kirchstraße in Gelsenkirchen

Der Grabstein auf dem Friedhof der Propsteigemeinde St. Augustinus an der Kirchstraße in Gelsenkirchen erinnert an Familie Frosch und vier Kinder der Familie Winderstein.

Georg Frosch ist 1938 noch im alten "Sinti- und Roma-Weg" auf diesem Friedhof bestattet worden. Nach 1945 wurden die Namen der in Auschwitz-Birkenau ermordeten Menschen der Familie Frosch/Winderstein hinzugefügt und der Grabstein an seinen heutigen Platz an der Friedhofsmauer verbracht.

In den Toten- und Lagerbüchern des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau sind die auf dem Grabstein genannten Kinder unter dem Familiennamen Frosch registriert. Für die Kinder Katharina ist im Lagerbuch von Auschwitz II-Birkenau das Todesdatum 5. August 1943, für Adolf das Todesdatum 15. März 1944 und für Elisabeth das Todesdatum 8. März 1944 eingetragen. Konrad wurde unter der Häftlingsnummer Z-2234 registriert, ein Todesdatum ist nicht verzeichnet. Franziska Frosch starb nach dem Lagerbuch am 18. Januar 1944, Jakob Frosch am 13. Oktober 1943. In den Lagerbüchern findet sich ein Hinweis auf eine mögliche weitere Angehörige der Familie, Rosa Frosch, geboren am 6. November 1906.

"Wir haben doch nichts getan" - Der Völkermord an Sinti und Roma

Jedes Jahr am 2. August gedenken Sinti und Roma in Auschwitz ihrer ermordeten Angehörigen. Sie wurden vergast, verbrannt, erschlagen, gequält und ermordet. Diese Verbrechen geschahen ohne Grund. Am 2. August 1944 allein wurden fast 3000 Sinti und Roma in den Gaskammern ermordet. Die Nationalsozialisten hatten die Sinti und Roma zu einer Art fremden Rasse erklärt. Die neue deutsche Volksgemeinschaft soll ohne fremder Rasse geschaffen werden. Sinti und Roma waren der Willkür ausgesetzt. Das Volk "Rassekunde" steht auf jedem Lehrplan. Die arische, deutsche Rasse war angeblich eine sogenannte Herrenrasse, Die geplante "Lösung der Zigeunerfrage" sollte zunächst so aussehen, dass alle Sinti und Roma sterilisiert werden sollten, da sie angeblich von Geburt an Verbrecher sind. Sinti und Roma wurden als lebensunwürdig erklärt. Im Konzentrationslager stank es nach Menschenfleisch. Ein bitterer, süßer Geruch. Der Tod stank zum Himmel. Tag und Nacht wurden Menschen verbrannt. Kindern wurden die Geschlechtsteile entfernt. Als Experiment. Viele wurden umgebracht, einfach so. Nebenbei. Berge von Leichen. Unvorstellbar.


Niederländischer Sinto Zoni Weisz spricht bei Gedenkstunde im Bundestag

Bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2011 wird der niederländische Sinto Zoni Weisz sprechen. Zum ersten Mal hält damit ein Vertreter der Sinti und Roma die zentrale Gedenkansprache und erinnert an den NS-Völkermord an der Minderheit. Zoni Weisz überlebte als einziger seiner Familie. Nach dem Krieg wurde Zoni Weisz einer der bekanntesten Vertreter der niederländischen Blumenindustrie und engagierte sich für die Bürgerrechte der niederländischen Sinti und Roma.

→ Zoni Weisz: "Wir haben das Leben wieder in die Hand genommen"

Gedenkveranstaltung: "O pharipe meg dschil ... Das Leid lebt noch..."

Erinnerung an die aus rasseideologischen Gründen in der Zeit des Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma aus Gelsenkirchen am Donnerstag, den 16. Dezember 2010 um 19:00 Uhr. Treffpunkt: Ostpreußenstrasse, Ecke Exterbruch (Bogestra-Busdepot). Gemeinsamer Schweigegang vom Treffpunkt zur damaligen Reginenstraße, Höhe Bahnübergang Ostpreußenstraße.

→ Gedenkveranstaltung am 16. Dezember 2010 in Gelsenkirchen

→ Silvio Peritore: Bewusstsein verändern durch Erinnern

Rosa-Böhmer-Weg nicht diskussionswürdig?

Wie es aussieht, lässt die Stadt Gelsenkirchen die Chance verstreichen, den nach dem Nazi-Schreibtischtäter Paul Schossier benannten Weg nach einem unschuldigen, neunjährigen Opfer seiner Tätigkeit umzubenennen. Der Ehrung durch die Straßenbenennung im Öffentlichen Raum, die der Nazi Paul Schossier seit 1966 erfahren hat, eine Ehrung der in Auschwitz ermordeten Rosa Böhmer, die zu den durch Schossier verfolgten Gelsenkirchener Sinti und Roma gehört, gegenüber zu stellen, wäre eine würdige und gerechte Lösung gewesen. Doch in der Beschlussvorlage der Verwaltung für den Rat der Stadt am 07. Oktober 2010, schlägt die Verwaltung vor, "(...) aufgrund der über das Mitläufertum hinausgehenden Betätigung des Namensgebers für das nationalsozialistische "Dritte Reich" (...)" den Paul-Schossier-Weg in Josef-Sprenger-Weg umzubenennen. In der Begründung findet sich noch nicht einmal ein Abwägen der verschiedenen gemachten Namensvorschläge. Auch der Vorschlag "Rosa-Böhmer-Weg" wird komplett ignoriert. Andreas Jordan hatte in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Gelsenzentrums bereits Ende September Bezirksbürgermeister Klasmann diesen Vorschlag unterbreitet, ohne bislang eine Antwort erhalten zu haben. Auch ein Brief des Landesverbandes der Sinti und Roma an den Oberbürgermeister Baranowski, in dem dieser den Vorschlag unterstützt, blieb offenbar ohne Wirkung.

Zwar verschwindet mit der Umbenennung der Name des Nazi-Täters endlich aus dem öffentlichen Raum, doch wird hier die Chance vertan, "(...) ein Zeichen dafür zu setzen, dass die Stadt Gelsenkirchen die Sinti und Roma, die Bürger dieser Stadt waren, und ihr Schicksal nicht vergisst und dass ihre Geschichte auch heute noch einen Platz in Gelsenkirchen hat." Mit diesen Worten befürwortet Roman Franz, der Vorsitzende des Landesverbandes der Sinti und Roma, die Umbenennung des "Paul-Schossier-Weg" in "Rosa-Böhmer-Weg".

Nun ist die Bezirksvertretung Nord gefragt, die am 04. November 2010 über die Beschlussvorlage abstimmen wird. Sie könnte sie ja ablehnen und einen Änderungsantrag einbringen, in dem der "Paul-Schossier-Weg" in "Rosa-Böhmer-Weg" umbenannt wird.

Quelle: " Der Rote Emscherbote am 9. Oktober 2010

Vorschlag: Straße nach Sintimädchen Rosa Böhmer benennen 

Nachdem die Stadt sich entschlossen hat, den "Paul-Schossier-Weg" umzubenennen, hat Andreas Jordan, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum, einen weiteren Namensvorschlag eingebracht. "Ergänzend zu unserem Antrag auf Umbenennung vom 6. März 2008 regen wir an, den Weg in "Rosa-Böhmer-Weg" umzubenennen. Das Sinti-Mädchen Rosa Böhmer wurde am 22. September 1933 in Gelsenkirchen geboren.

Nach der zwangsweisen Auflösung der Familie Böhmer, die in Gelsenkirchen an der Bergmannstraße 34 lebte, kam Rosa Böhmer schließlich zu Pflegeeltern nach Hövelhof (Paderborn). Dort wurde Rosa Böhmer 1942 von Gestapobeamten aus dem Schulunterricht geholt und deportiert. Am 13. August 1943 wurde sie in Auschwitz ermordet.

Rosa Böhmers Verfolgungsschicksal soll an die aus Gelsenkirchen verschleppten und ermordeten Sinti und Roma erinnern, an deren Ermordung Paul Schossier nicht unerheblich beteiligt war." so Andreas Jordan, "Der Vorsitzende des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma in NRW, Roman Franz, hat uns heute zugesagt, den Namensvorschlag "Rosa-Böhmer-Weg" zu unterstützen."

Pressemitteilung Gelsenzentrum e.V. vom 21. September 2010

→ Aus der Schule ins KZ - Das kurze Leben der Rosa Böhmer

Kein ehrendes Gedenken im öffentlichen Raum

Als Rechts- Polizei- und Kulturdezernent war Paul Schossier maßgeblich an der Umsetzung des so genannten "Auschwitzerlasses" in Gelsenkirchen beteilig. Laut Auskunft des Vermessung und Katasteramtes Gelsenkirchen vom 8. Februar 2008 wurde durch Beschluss des Haupt- und Finanzausschusses nach dem Tod von Schossier im Juli 1964 am 3.Oktober 1966 die Benennung eines Weges/Straße in Buer-Nord in "Paul-Schossier-Weg" beschlossen. GELSENZENTRUM hat am 6. März 2008 einen Antrag auf Umbenennung dieser Straße gestellt. Der Name eines NS-Täters muß aus dem öffentlichen Raum entfernt werden.

→ Stadtdezernent Schossier und die Verfolgung von Sinti und Roma im Raum Gelsenkirchen

Porajmos - Verfolgung von Sinti und Roma in Gelsenkirchen 1933-1945

Porajmos (auch Porrajmos), wörtlich das Verschlingen, ist ein Wort, das von den ziganischen Völkern verwendet wird, um den gegen sie gerichteten Teil des Massenmordes durch die Nationalsozialisten zu benennen. Die mit einem diskriminierenden Unterton "Zigeuner" genannten Menschen bezeichnen sich in ihrer eigenen Sprache Romanes als Roma, das heißt im Singular Mensch bzw. Mann.

Mit dem Begriff "Sinti" bezeichnen sich seit Jahrhunderten die in Deutschland und Mitteleuropa lebenden Roma. Die Roma stammen ursprünglich aus Indien und wanderten aufgrund von Verfolgung, Hunger und Not in einem jahrhundertelangen Prozess über den Nahen Osten und den Balkan, bis sie im 15. Jahrhundert nach Europa kamen. Die Wanderungen hatten also ganz reale Hintergründe, ein "angeborener Wandertrieb" bei den Sinti und Roma ist eines der bis heute fortbestehenden Vorurteile.

Die Menschen waren auf dem Balkan über Jahrhunderte sesshaft, ebenso viele Familien in Deutschland und Österreich. Obwohl jahrhundertelang von der jeweiligen Bevölkerungsmehrheit verfolgt, haben sich die Sinti und Roma ihre eigene Kultur bewahrt. Entgegen gängigen Auffassungen über das sogenannte "Zigeunerleben", ist ein Großteil von ihnen bereits seit Generationen sesshaft oder halbsesshaft. Vor allem in Westeuropa leben sie in der Regel eher unauffällig. Manche der Volksgruppen reisen jedoch noch heute in Wohnwagen durch Westeuropa.

"Zigeunerlagerplatz" an der Cranger Straße, Gelsenkirchen

Im Jahr 1912 verbot der ostpreußische Innenminister das "bandenmäßige Umherziehen", der Minister für Volkswohlfahrt verbot 1920 den "Zigeunern" den Aufenthalt in Kurorten, Heilbädern und Erholungsstätten. Der Regierungspräsident Münster erließ im April 1930 eine Verfügung, welche die Städte aufforderte, so genannte "Zigeunerlagerplätze" einzurichten. Damit sollte die Überwachung der Sinti und Roma verbessert werden. In Gelsenkirchen wurden die vorgegebenen Maßnahmen der höheren Behörden noch weiter radikalisiert und die Verfolgung der "Zigeuner" verschärft. 1934/35 wurde der erste "Zigeunerlagerplatz" an der Cranger Str. 543 gegenüber dem Freibad Grimberg eingerichtet. (1)

Nazi-Propaganda in der "Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung" am 9. Januar 1936:

Das Zigeunerlager am Kanal

"Um der Zigeunerplage einigermaßen entgegen zu treten, hat die Stadtverwaltung einen besonderen Platz an der Grenze zwischen Gelsenkirchen und Wanne und zwar zwischen der Dorstener Straße und dem Kanal hergerichtet, auf dem die in Gelsenkirchen anwesenden Zigeuner zusammengefaßt werden. Der Oberbürgermeister hat nunmehr ein Ortsstatut über die Erhebung von Standgeld für die Benutzung dieses Zigeunerplatzes erlassen. Für die Benutzung des Lagerplatzes sind die Erteilung einer vorherigen Genehmigung und die vorherige Entrichtung des Standgeldes erforderlich. Die Genehmigung ist bei der städtischen Polizeiverwaltung zu beantragen. Die Höhe des Standgeldes richtet sich nach der Dauer der Lagerplatzbenutzung. Rückständiges Standgeld wird im Verwaltungszwangsverfahren beigetrieben. Außerdem ist im Falle der Nichtzahlung der Lagerplatz sofort zu räumen."

1936 schließlich waren alle bürokratischen und organisatorischen Maßnahmen getroffen, alle Sinti und Roma auf dem Gebiet Gelsenkirchens an einem Ort am Rande der Stadt zu konzentrieren. Im folgenden Jahr, 1937, wurde auf Initiative der städtischen Behörden ohne Weisungen von übergeordneten Behörden in vorauseilendem Gehorsam mit Drohungen und Schikanen gegen die Vermieter privater Stellplätze vorgegangen. Mit verschärften Kontrollen sollten alle Sinti und Roma, die sich in Gelsenkirchen aufhielten, auf dem Lagerplatz am Kanal untergebracht werden. Eine Zählung der Stadtpolizei ergab, dass Mitte 1937 in Gelsenkirchen 154 "Zigeuner" lebten. Im April 1939 waren dann alle "Zigeuner" Gelsenkirchens auf dem Lagerplatz an der Cranger Straße konzentriert. Im April 1939 wurden dort "45 Familien mit 237 Menschen in 51 Wagen" von der Verwaltungsstelle Buer des städtischen Polizeiamtes gezählt. (2)

Die Stadtverwaltung Gelsenkirchen als "Büttel der Rüstungsbetriebe" 

In Gelsenkirchen trugen "Beschwerden" über die "Zigeuner" dazu bei, dass die NS-Behörden die Verfolgungsmaßnahmen weiter verschärften. Beschwerdeführer waren u.a. die Deutsche Erdöl-Aktiengesellschaft (DEA), der die Zechen Graf Bismarck und Königsgrube gehörten und die Mannesmannröhren-Werke, Abteilung Steinkohlebergwerk.

→ Täter-Dokumente zur Verfolgung der Sinti und Roma in Gelsenkirchen

Vor dem Hintergrund der in den Täter-Dokumenten vorgetragenen massiven "Beschwerden" wurde am 15. Mai 1939 seitens der Stadt ein neuer Platz genannt: Das neu errichtete Internierungslager an der Reginenstraße, zwischen den Deutschen Eisenwerken (Schalker Verein) und der Gelsenkirchener Bergwerk-AG (GBAG) mit ihrer Zeche und Kokerei Rheinelbe/Alma. Im Briefwechsel zwischen Unternehmen und Verwaltung ist schon zu diesem Zeitpunkt von einer vorübergehenden Unterbringung die Rede. Anscheinend wussten oder ahnten die Verantwortlichen zu diesem Zeitpunkt schon, dass der weitere Weg der Sinti und Roma direkt in die Vernichtungsfabriken der Nazis führen würde.

"Umzug" in das Internierungslager an der Reginenstraße, Gelsenkirchen

Der "Umzug" fand dann am 9. Juni 1939 statt. Die Wagen, dreißig an der Zahl, zogen in einer Kolonne von der Cranger Straße quer durch die Stadt zum Lagerplatz Reginenstraße in Hüllen (Luthenburg). (3)

Nazi-Propaganda in der "National-Zeitung" am 10. Juni 1939:

"Wiederholt wurde über das Zigeunerlager in der Nähe des Freibades Grimberg von Seiten der Bevölkerung und der durchfahrenden Kraftfahrer Klage geführt, weil diese seßhaft gemachten Pustasöhne sich nur schwer an ordentliche Arbeit gewöhnen konnten und bettelnd und wahrsagend durch die Gegend zogen. Nun wird dieses "romantische" Wagenlager am Grimberger Hafen verschwinden. Gestern Vormittag kamen plötzlich Arbeiter des städtischen Fuhrparks und zogen mit ungefähr 30 Zigeunerwagen in Richtung Wattenscheider Straße davon. Hunderte von Zuschauern begleiteten diesen wildromantischen Zug des Steppenvölkchens. Wie wir hörten, werden die Zigeuner in einem umzäunten Lager an der Reginenstraße untergebracht."

Auf der Beigeordnetenkonferenz der Gelsenkirchener Stadtverwaltung vom 13. Juni 1939 wurde beschlossen, Mittel freizusetzen, damit eine Bewachung durch die SA erfolgen kann. Die Stadt Gelsenkirchen beauftragte den SA-Sturm 14 unter Obersturmbannführer Buttgereit mit dieser Aufgabe.

Auszug aus einem Brief des Stadtpolizeiamtes Gelsenkirchen an das Staatliche Polizeiamt vom 23. September 1939:

"[...] Der bisherige Lagerplatz in der Nähe des Freibades Grimberg musste geräumt werden, weil nicht nur das Freibad gefährdet war, sondern die Gesundheitspolizei wegen der Verhütung von ansteckenden Krankheiten und Seuchen in unserem dicht bevölkerten Stadtgebiet die Räumung verlangte. Größere industrielle Werke, wie die Deutsche Erdöl-AG (DEA), verlangten immer wieder die Entfernung der Zigeuner aus dem Stadtgebiet, weil neben Diebstählen und Beschädigungen auch die werktätige Jugend durch das sittlich nicht einwandfreie Verhalten der Zigeuner gefährdet wurde. Nach vielen Bemühungen und nach Überwindung großer Schwierigkeiten ist der neue Lagerplatz auf der Reginenstraße in der Nähe der deutschen Eisenwerke, südlich der Zeche Alma, angelegt worden. Die Zigeunerwagen stehen hier auf der Straße, die von einer Seite durch einen mit Stacheldraht geschützten Bahndamm der Reichseisenbahn begrenzt wird und auf der anderen Seite mit spanischen Reitern zum Schutze eines sich anschließenden Kohlenlagers versehen ist. Die Reginenstraße musste für den Verkehr gesperrt werden und ist am Kopfende mit spanischen Reitern abgeriegelt. Die Wohnwagen stehen ausgerichtet in einer Reihe, sind mit durchgehenden Nummern versehen und tragen vor jedem Fenster ein Verzeichnis der Wageninsassen, getrennt nach Erwachsenen und Kindern. Vor dem 1. September 1939 wurde das Lager regelmäßig von SA-Kommandos, auch während der Nacht, kontrolliert. Nur auf diese Art konnte die notwendige Sauberkeit und Ordnung erreicht werden. Infolge dieser strengen Überwachung haben es 31 Familien vorgezogen, abzuwandern. Heute befinden sich auf dem Platz 20 Familien in 22 Wagen mit insgesamt 131 Köpfen.

Die Gelsenkirchener Bergwerk-AG und andere große Industrie-Werke sind erneut an die Stadt heran getreten und verlangen die umgehende Entfernung der Zigeuner aus dem Stadtgebiet, weil ihre Rüstungsbetriebe und die im Sinne des Vierjahresplanes tätigen Werke durch die Zigeuner gefährdet seien. Die staatliche Polizei ist wegen der Abkommandierung zahlreicher Hilfskräfte nicht in der Lage, das Zigeunerlager und die Zigeuner dauernd so zu überwachen, das evtl. Sabotageakte verhindert werden. Tatsache ist jedoch, dass bei einem Zigeuner ein Hemmschuh der Reichs-Eisenbahn vorgefunden wurde und die Zigeuner häufig bei Diebstählen auf den Zechenanlagen, trotz strengster Überwachung der Werke, erwischt wurden. Hinzu kommt, das sich auf dem Lagerplatz bei der jetzigen Verdunkelung noch mehr lichtscheues Gesindel einnistet als bisher und die Gefahr besteht, das evtl. Sabotageakte und Zerstörungen lebenswichtiger Anlagen unter dem Deckmantel des Zigeunerplatzes ausgeführt werden können. [...]"

Bei Ihrem Versuch, die Sinti und Roma endgültig loszuwerden, bezichtigte die Stadtverwaltung diese Menschen des Diebstahls, der Sittengefährdung und der Sabotage. Damit nicht genug, wurde offensichtlich auch die Gelsenkirchener Wirtschaft mobilisiert, die Forderungen der Stadt zu unterstützen. (4)

Ort des Terrors - Internierungslager Reginenstraße in Gelsenkirchen, etwa 1940. Im Hintergrund die Kokerei Alma

Ort des Terrors - Internierungslager Reginenstraße in Gelsenkirchen, etwa 1940. Im Hintergrund die Kokerei Alma. Das Foto stammt aus einer Serie der "Rassehygienischen Forschungstelle" (RHF). Das Bild zeigt eine vorgebliche Lebenssituation zeitgenössischer Sinti und Roma, in Szene gesetzt von den "Rassebiologen" der RHF. Das die Aufnahme in einem Internierungslager entstand, ist für den Betrachter nicht ersichtlich. Diese Art von Bildern sollten die menschenverachtende NS-Darstellung des "Zigeunerlebens" unterstreichen.

Deportation vom Mai 1940  

Der Völkermord an Sinti, Roma und anderen Fahrenden begann nicht erst mit den Deportationen nach Auschwitz. Bereits im Mai 1940 wurde eine große Zahl Sinti und Roma in das so genannte "Generalgouvernement" deportiert. Unter diesen Menschen befanden sich auch zahlreiche Familien, die zuvor lange in Gelsenkirchen gelebt hatten. Sie waren, um den Schikanen von Kriminalpolizei, städtischen Dienststellen und der SA in Gelsenkirchen zu entkommen, nach Köln gegangen und lebten dort in einem Lager in Köln- Bickendorf. Dieses Lager war bereits 1934 erbaut und im April 1935 fertiggestellt worden. Zielsetzung war dabei - wie auch in Gelsenkirchen bei Einrichtung der Lagerplätze an der Cranger Straße und der Reginenstraße - die konzentrierte, systematische Unterbringung und Überwachung dieser Bevölkerungsgruppe fernab des Stadtzentrums.

Am 16. Mai 1940 umstellte ein Großaufgebot aus Polizeikräften, Wehrmachtsangehörigen und SS das Lager in Köln-Bickendorf. Die dort lebenden Menschen wurden festgenommen und zu einem eigens für die Deportation eingerichteten Sammellager auf dem Kölner Messe-Gelände gebracht. In den folgenden Tagen wurden weitere Sinti und Roma aus dem Rheinland, dem Ruhrgebiet und Westfalen in dieses Sammellager gebracht, so wurden sogar Familien aus Gelsenkirchen und anderen Städten "abgeholt" und in das Sammellager nach Köln verbracht.

In dem Lager wurden die zur Deportation und späteren Vernichtung vorgesehenen Menschen weiter gedemütigt und erniedrigt, ihrer Wertsachen und Papiere beraubt. Am 21. Mai 1940 wurde das Sammellager aufgelöst, die etwa 1.000 Menschen wurden zum Bahnhof Deutz getrieben, dort in Viehwaggons verladen und in das "Generalgouvernemet" an die sowjetische Grenze verschleppt. In Polen starben viele der Sinti und Roma an Hunger, Kälte und Seuchen, die meisten von ihnen wurden jedoch unter SS-Bewachung zur Zwangsarbeit eingesetzt und so zu Tode geschunden.

→ Die Deportation vom Mai 1940

Der Auschwitz-Erlaß

Am 16. Dezember 1942 erging Himmlers so genannter "Auschwitz-Erlass", nachdem "Zigeunerische Personen" im Nazi-Jargon "Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft" nach Auschwitz deportiert werden sollten. Die Ausführungsbestimmungen des Deportationsbefehls erreichte die Kriminalpolizeistellen am 29. Januar 1943 per Schnellbrief durch das Reichssicherheitshauptamt. Die Standgeldabrechnung wurde vom Sachbearbeiter am 9. März 1943 geschlossen, am darauf folgenden Tag, es war der 10. März 1943, wurden die Gelsenkirchener Sinti und Roma nach Auschwitz deportiert.

In einem Vermerk, geschrieben vom Abteilungsleiter der Stadtpolizei vom 10. März 1943 heißt es:

"Die Kriminalpolizei hat die bisher an der Reginenstr. lagernden Zigeuner abtransportiert und ihre zurück gelassenen Wagen der Stadtverwaltung überlassen. Auf Vorschlag der Kreishandwerkerschaft wurde der Obermeister der Schmiede-Innung, Schmiedemeister Hundt, Peterstr. 3, mit der Taxierung der Wagen beauftragt. Er hat den Wert auf höchstens 300,00 RM geschätzt (siehe vorstehende Bescheinigung). Zu diesem Preis wurde das ganze Gelumpe an den Schmiedemeister Vorderwülbeke, Gelsenkirchen, Kesselstr. 31 und den Rohproduktenhändler Meier, Wanne-Eickel, Deutsche Str. 6, verkauft. Sie zahlten jeder 150,00 RM. Empfangsbescheinigung wurde erteilt. Außerdem hat jeder der beiden Käufer wunschgemäß eine Bescheinigung über den Kauf der Wagen und deren beliebige Verwendung erhalten."

Deportiert und Ermordet 

Augenscheinlich war der Stadtverwaltung bekannt, das Auschwitz-Birkenau für die Gelsenkirchener Sinti und Roma ein Ort ohne Wiederkehr sein würde. Die Menschen wurden abtransportiert, der Rückbau der Wasserentnahmestelle und Drahtsperren durch die Stadtämter war abgeschlossen. Die Standgeldabrechnung endet mit der Vereinnahmung des Verkaufserlöses der Wagen. Die bei der Deportation beschlagnahmten Papiere wurden an die ausstellenden Behörden zurückgesandt. (5)

→ März 1943 - Deportation der Gelsenkirchener Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau

Quellenwerk: Stefan Goch "Mit einer Rückkehr nach hier ist nicht mehr zu rechnen", (1) - (5) ebda., ISBN 3-88474-785-1

Ausvicate hin kher báro - In Auschwitz war ein großes Haus

(Aus dem Film "Latcho Drom", Frankreich 1993.)

(Auschwitz - Aušvits) Performed by Khanci Dos


Ausvicate hin kher báro
Odoj bešel mro piráno
Bešel, bešel gondolinel
Te pre mande pobisterel.

O tu kalo cirikloro
Lidža mange mro liloro
Lidža, lidža mra romnake
Hoj som phandlo Ausvicate

Ausvicate báre bokha
Te so te chal amen nane
Ani oda koter maro
Le o blocharis bibachtalo.

Joj sar me jekhvar khere džava
Le blocharis murdarava.
Joj sar me jekhvar khere džava
Le blocharis murdarava.


In Auschwitz war ein großes Haus,
da drinnen war mein Mann gefangen.
Da ist er gesessen und hat geweint
und immer nur an mich gedacht.

O du kleines schwarzes Vöglein
nimm sie mit dir, meine Briefe
trag sie hin zu meiner Frau,
denn ich sitze hier in Auschwitz.

In Auschwitz, da war großer Hunger,
da gab es für uns nichts zu essen.
Nicht einmal ein Stückchen Brot
und der Aufseher ein Schwein.

Wenn ich einmal wieder heimkomm,
werd den Aufseher ich töten.
Wenn ich einmal wieder heimkomm,
werd den Aufseher ich töten.

"Gemeinsam Gedenken" - Holocaust-Gedenktag 27. Januar 2010 in Gelsenkirchen

Der 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an alle Opfer des Nationalsozialismus, an Juden, an Sinti und Roma, an Bibelforscher, an behinderte Menschen, an Homosexuelle, an politisch anders Denkende, an Männer und Frauen des Widerstandes, an Wissenschaftler, an Künstler, an Journalisten, an Kriegsgefangene und Deserteure, an Greise und Kinder an der Front, an Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und an die Millionen Menschen, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entrechtet, verfolgt, gequält und ermordet wurden.

→ Gedenkansprache von Roman Franz

Internationaler Gedenktag der Sinti und Roma in Auschwitz 2009

2. August 2009 - P R E S S E E R K L Ä R U N G

65. Jahrestag der Mordaktion der SS am 2. August 1944
Wirksame Maßnahmen gegen rassistische Gewalt und Hetze gefordert

Eine Delegation von 120 Personen aus Deutschland – unter ihnen mehr als 50 KZ-Überlebende – nimmt am 2. August unter Leitung des Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, an dem Internationalen Auschwitz-Gedenktag der Sinti und Roma teil. Aufgrund Himmlers “Auschwitz-Erlass” vom 16. Dezember 1942 deportierte die SS 23.000 Sinti und Roma familienweise aus elf Ländern Europas in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

Am 2. August 1944, vor 65 Jahren, ermordete die SS dort in den Gaskammern die letzten 2.900 Sinti und Roma - Kinder, ihre Mütter und Alte. Zuvor von SS-Ärzten noch als “arbeitsfähig” selektierte 3.000 Sinti und Roma kamen als Sklavenarbeiter in andere Konzentrationslager wie Buchenwald und Ravensbrück. Im besetzten Europa wurden 500.000 Roma und Sinti Opfer des Holocaust.

In der Gedenkansprache „appelliert“ Romani Rose „an diesem historischen Ort an die politisch Verantwortlichen, rassistische Gewalt gegen Roma und Sinti endlich ebenso konsequent zu ächten wie den Antisemitismus“. Der Zentralratsvorsitzende forderte außerdem wirksame Maßnahmen gegen die menschenverachtende Propaganda durch Neonazis im Internet. Gemeinsam müssten auf der internationalen Ebene durch Internet-Industrie und staatliche Stellen Schritte vereinbart werden, mit denen Aufrufe zur Gewalt gegen die Minderheit aus dem Netz beseitigt werden können. Rose kritisierte auch Politiker bürgerlicher Parteien, die in populistischer Manier mit rassistischen Klischees und Zerrbildern über Sinti und Roma in vielen Ländern Europas auf Stimmenfang gingen.

Die Sprecherin der Auschwitz-Überlebenden, Luise Bäcker, äußerte Dank und Respekt für die alliierten Soldaten, die sie „aus dieser Hölle befreit“ haben. Zu der um 12.00 Uhr beginnenden Veranstaltung erwarten der Zentralrat und der Verband der polnischen Roma mehrere hundert Sinti und Roma aus vielen Ländern Europas. Die Reise der deutschen Delegation zu dem Internationalen Gedenktag in Auschwitz wurde von Kulturstaatsminister Bernd Neumann, dem Auswärtigen Amt, von dem Fonds “Erinnerung und Zukunft” und dem „Bündnis für Demokratie und Toleranz“ gefördert.

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Andreas Jordan, August 2009. Nachträge September 2010

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