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KZ-Außenlager Gelsenkirchen

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Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald in Gelsenkirchen

Einleitung

Nur noch wenigen Bürgerinnen und Bürgern ist bekannt, dass es in Gelsenkirchen im so genannten "Dritten Reich" ein Konzentrationslager gab. Das KZ befand sich in unmittelbarer Nähe der Gelsenberg Benzin AG (heute BP Gelsenkirchen GmbH in Horst) nördlich des Linnenbrinksweges. In dem Außenlager des KZ Buchenwald, NS-Bezeichnung "SS Arb. Kdo. K.L. Buchenwald, Gelsenberg Benzin AG, Gelsenkirchen-Horst", waren von Juli bis September 1944 rund 2000 jüdische Zwangsarbeiterinnen eingepfercht.

Im Vernichtungslager Auschwitz wurden die 2000 Mädchen und Frauen selektiert und zur Zwangsarbeit nach Gelsenkirchen verschleppt. Unter unmenschlichen Bedingungen waren sie in Gelsenkirchen hinter Stacheldraht und umgeben von Wachtürmen in Zelten untergebracht. Die weiblichen KZ-Häftlinge wurden unter anderem zur Trümmerbeseitigung (Vernichtung durch Arbeit) im Hydrierwerk der Gelsenberg-Benzin AG eingesetzt. Am 24. August 1944 wurden 520 der weiblichen KZ-Häftlinge von Gelsenkirchen weiter in das Außenlager des KZ Buchenwald in Essen an der Humboldtstrasse bei der Firma Krupp verschleppt.

Bei einem Luftangriff am 11. September 1944 auf die Gelsenberg Benzin AG wurden mindestens 150 der im Lager Gelsenkirchen verbliebenen Mädchen und Frauen getötet. Die Schwerstverletzten wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht, wo einige Frauen an den Folgen ihrer schweren Verletzungen starben. Einige Tage nach nach dem Bombenangriff wurde das KZ-Außenlager Gelsenkirchen aufgelöst und die dort noch inhaftierten 1216 Frauen in das KZ-Außenlager Sömmerda verschleppt.

Je nach Genesungsfortschritt wurden die in den Gelsenkirchener Krankenhäusern verbliebenen Frauen dann ebenfalls nach Sömmerda gebracht. Einige der halbwegs Gesundeten wurden von der Gestapo aus den Krankenhäusern geholt und an unbekannten Orten in Gelsenkirchen erschossen. Dem Chefarzt Dr. Rudolf Bertram gelang es mit Hilfe von Krankenschwestern und Unterstützern, 17 Frauen dem Zugriff durch die Gestapo zu entziehen. Diese Frauen erlebten ihre Befreiung durch US-Truppen Anfang April 1945 im Rotthauser Krankenhaus. In einem Fragebogen der CHC (Central Historical Comission of the Central Comitee of Liberated Jews) wurde von der Stadt Gelsenkirchen mit Datum vom 31. Dezember 1946 die Zahl der Todesopfer unter den weiblichen KZ-Häftlingen, die bei dem Bombenangriff im September 1944 starben, mit 250 angegeben.

In Memoriam

Anna Khana Perel HuszAnna Khana Perel Husz
Geboren am 18. Februar 1924 in Maramarosziget. Tod durch Bombeneinwirkung im Außenlager KZ Buchenwald in Gelsenkirchen-Horst am 11. September 1944

Dora Devora SchwimmerDora Devora Schwimmer
Geboren am 13. Juli 1919 in Dolha. Tod durch Bombeneinwirkung im Außenlager KZ Buchenwald in Gelsenkirchen-Horst am 11. September 1944


Den jüdischen Opfern des deutschen Faschismus gewidmet

Die im Lande der Todesfinsternis geweilt,
Licht glänzet über ihnen.

Jesaja 9,1

El malej Rachamim, schochen baMromim,
hamze Menuchah nechonah,
tachat Knafej haSch'chinah,
beMaalot Keduschim weTehorim keSohar haRakia mas'hirim
et khal haNeschamot schel sheshet Millionej haYehudim,
Hal'lej haShoah beEuropa,
sche-nehergu, sche-nisch'chetu,
sche-nis'refu, wesche-nis'pu al Kidusch haSCHEM,
b'Jadej haMeraz'chim haGermanim
weOs'rejhem miSch'ar haAmim.

Baawur sche-khal haKahal mit'palel leIluj Nischmotehem,
lachen Baal haRachamim jastiram
beSeter Knafaw leOlamim
wejizror biZror haChajim et Nischmotejhem.

Adonaj hu Nachlatam, beGan-Eden tehe Menuchatam,
wejanuchu beSchalom alMischkewotejhem.
Wejaamidu leGoralam leKejz haJamim.
Wenomar: Amejn.


Inhaltsübersicht: 

→ 1. Kapitel: SS-Arbeitskommando Gelsenkirchen-Horst

→ 2. Kapitel: Anforderung von Zwangsarbeitern

→ 3. Kapitel: Ungarische Zwangsarbeiterinnen auf Gelsenberg

→ 4. Kapitel: Die SS-Wachmannschaften

→ 5. Kapitel: Berichte von Überlebenden
      Judith Schneiderman, Eva Krupičková, Judith Altmann, Rose Warmer und Dr. Erzsébet Schenk

→ 6. Kapitel: Kurt Neuwald berichtet

→ 7. Kapitel: Dr. Rudolf Bertram - Gerechter der Völker

→ 8. Kapitel: Stille Helden in Gelsenkirchen

→ 9. Kapitel: Der Linnenbrink, das SS-Arbeitskommando und die Massengräber

→ 10. Kapitel: GBAG - Gelsenkirchener Bergwerks-AG

→ 11. Kapitel: Kriegsschadensbericht der Gelsenberg AG

→ 12. Artikel aus der Westfälischen Rundschau vom 10. September 1954

→ 13. Quellenwerke und Sekundärliteratur

→ 14. Anhang: Luftbilder, Karten und Fotos

→ 15. Deportations- und Totenliste Außenlager des KZ Buchenwald in Gelsenkirchen (Camp)




1. Kapitel: Das Gelsenberg-Lager, SS-Arbeitskommando Gelsenkirchen-Horst 

In diesem Außenlager des KZ Buchenwald waren im Sommer 1944 etwa 2000 ungarische und tschechoslowakische Jüdinnen untergebracht. Die Zwangsarbeiterinnen sollten zur Enttrümmerung und zu Be- und Entladearbeiten im Hafen Gelsenberg eingesetzt werden. Bereits im August wurden 520 Häftlinge selektiert und nach Essen in ein anderes Außenlager des KZ Buchenwald getrieben. Bei einem schweren Bombenangriff auf das Hydrierwerk kamen viele von Ihnen im September 1944 ums Leben, einige wenige überlebten den Bombenangriff zunächst schwer verletzt in Gelsenkirchener Krankenhäusern. Die noch im KZ AußenLager bei der Gelsenberg Benzin AG verbliebenen Frauen wurden nach der Auflösung des Lagers Mitte September 1944 in das Außenlager Sömmerda/Thüringen zur Zwangsarbeit bei der Firma Rheinmetall Borsig AG verbracht.

Mahnmal auf dem Friedhof Horst-SüdBereits 1948 wurde auf dem Gelände der Gelsenberg-Benzin AG südlich des Linnenbrinkwegs auf Initiative der VVN Gelsenkirchen ein Denkmal für die bei dem Bombenangriff getöteten Jüdinnen eingeweiht. Dieses Denkmal wurde zwischen 1950 und 1955 vor dem Hintergrund der Erweiterung des Werkes umgesetzt und fand seinen heutigen Platz auf dem Südfriedhof in Gelsenkirchen-Horst - in unmittelbarer Nähe eines ehemaligen Luftschutzbunkers.

Obwohl schon 1948 der ehemalige Buchenwald-Häftling und damaliger Kreisvorsitzende des VVN, August Vollmar, "zum gemeinsamen Kampf der Naziverfolgten gegen die wieder erwachende Reaktion und die Hauptschuldigen der Schande von Gelsenberg" aufrief, dauerte es fast vierzig Jahre, bis sich im Rahmen eines Schülerwettbewerbs zwei Schülerinnen, Heike Herholz und Sabine Wiebringhaus, des Themas annahmen und die Ereignisse dokumentierten.

Ab 1996 versuchte dann die Frauengeschichtswerkstatt Gelsenkirchen unter Leitung von Marianne Kaiser durch erste Befragungen von überlebenden Frauen eine Annäherung an diese Ereignisse. Bis dahin gab es keine umfassende Untersuchung über das KZ-Außenlager bei der Gelsenberg Benzin AG. Mit den 1946 von der Central Historical Comission of the Central Comitee of Liberated Jews versandten Fragebögen an die Städte sollten die Konzentrationslager oder Zwangsarbeiterlager ermittelt werden - auch die Gelsenkirchener Stadtverwaltung erhielt diesen Fragebogen und bestätigte die damalige Existenz des Lagers Gelsenberg mit 2000 ungarischen Jüdinnen und den gewaltsamen Tod von 250 Frauen und Mädchen. Das Unternehmen Gelsenberg bestätigt in einer offiziellen Stellungnahme erstmals 1953 die Existenz des Lagers. Auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft Stuttgart, die auf Antrag einer ehemaligen Lagerinsassin ermittelte, erhielt die Staatsanwaltschaft nachfolgenden Sachstand durch den Polizeipräsidenten Gelsenkirchen mitgeteilt:

"Die weiblichen Arbeitskräfte aus dem KZ Lager Buchenwald unterstanden der Organisation Todt [1] und waren zu Aufräumarbeiten eingesetzt. Die Arbeitskräfte waren außerhalb des Werkes, jedoch in unmittelbarer Nähe in mitgebrachten Zelten untergebracht. Der Arbeitseinsatz und die Verpflegung waren Sache der Organisation Todt."

Eine Bezahlung durch die Gelsenberg-Benzin AG sei nicht erfolgt. Die Jüdinnen wurden durch Wachpersonal der SS, zu dem auch weibliche Personen gehörten, bewacht. Die Leitung hatte ein SS-Führer Dietrich, nähere Personalien hier nicht bekannt. Eine Registrierung der eingesetzten Kräfte sei durch die Gelsenberg-Benzin AG nicht vorgenommen worden, da diese mit dem Einsatz, wie bereits erwähnt, nichts zu tun hatte. Das Betreten des durch Posten bewachten Lagers war der Werksleitung und den Betriebsangehörigen verboten. Namentliche Listen sind bei der Gelsenberg-Benzin AG nicht vorhanden. (...)" Diese Informationen der Gelsenkirchener Polizeibehörde stammten von der Firmenleitung Gelsenberg, daraufhin wurden keine weiteren Ermittlungen getätigt. Im Oktober 1966 bat die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen Ludwigsburg den leitenden Oberstaatsanwalt beim Landgericht Essen, ob bereits Untersuchungen das Gelsenberg-Lager betreffend, getätigt wurden. Mittlerweile hatte auch die Gelsenkirchener Polizeibehörde erfahren, das nach einem Bombenangriff beim hiesigen Standesamt der Tod von 15 ungarischen Jüdinnen registriert worden war, deren letzte Anschrift lautete: SS-Arbeitskommando, Gelsenkirchen-Horst.

Das von der Zentralstelle der Justizverwaltungen dann in den späten sechziger Jahren eingeleitete "Vorermittlungsverfahren wegen NS-Verbrechen im Lager Gelsenberg und Sömmerda, Nebenlager des KZ Buchenwald und auf den Evakuierungsmärschen" führte dazu, dass bei einer Anfrage an die Gelsenberg Benzin AG zum Zwecke der Aufenthaltsermittlung des ehemaligen Lagerpersonals aus dem Antwortschreiben deutlich wurde, dass die Gelsenberg-Benzin AG sehr wohl über firmeninterne Unterlagen verfügte:

"Auf Ihre Anfrage vom 5.11.69 können wir Ihnen nur mitteilen, dass nach unseren Unterlagen von Anfang Juli bis 14 September 1944 ungarische Frauen jüdischen Glaubens im Auftrage des Generalkommissars für Sofortmaßnahmen im Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion Edmund Geilenberg [2] von der Organisation Todt zu Aufräumarbeiten in unserem Werk eingesetzt waren. Sie wurden von einem uns nicht näher bekannten SS-Kommando bewacht und von unseren Leuten - wie überhaupt von der Außenwelt ferngehalten. Der Einsatz der Frauen, wie Ihre Unterbringung - die außerhalb des Werkes erfolgte - und Ihre Versorgung waren Angelegenheit der Organisation Todt. Einen Tag vor dem Abzug der Frauen am 13.9.44, sollen 151 von Ihnen bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen sein. Zu den von Ihnen angegeben Namen lässt sich aus unseren Akten nichts entnehmen. Lediglich die Namen Dietrich und Schmidt kommen einmal in den Akten vor." (...) Drei Wochen später teilte ein Mitarbeiter der Gelsenberg - Benzin AG auf erneute telefonische Nachfrage mit, dass alle Unterlagen bei der Vernichtung des Werkes durch Bombenangriffe Ende 1944 verloren gegangen seien.

Im Fall Gelsenkirchen lagen zudem Hinweise auf die Tötung von drei Personen vor, allerdings brachten die Vernehmungen keinen Erfolg mit sich, denn die Zeuginnen hatten keine Tötungen im Lager gesehen bzw. konnten keine genauen Täterbeschreibungen liefern. Die vom ehemaligen Bewachungspersonal ermittelten vier Frauen und ein Mann konnten keine Tötungen bestätigen. Das Verfahren wurde am 16.8.1971 eingestellt.

[1] Die Organisation Todt (Kurzzeichen OT) war eine nach militärischem Vorbild organisierte Bautruppe, die den Namen ihres Führers Fritz Todt trug. Die 1938 gegründete Organisation unterstand ab März 1940 dem Reichsminister für Bewaffnung und Munition (RMfBM sowie dem Nachfolgeministerium). Sie diente der baulichen Realisierung von Schutz- und Rüstungsprojekten, im Sommer 1943 folgte im Reichsgebiet der Ausbau von Luftschutzanlagen für die Zivilbevölkerung (Erweitertes LS-Führerprogramm) und der Untertageverlagerung von Industriebetrieben. In der Organisation Todt kamen ab 1943/44 zunehmend auch Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge zum Einsatz.

[2] Edmund Geilenberg (13. Januar 1902 in Buchholz; gest. 19. Oktober 1964 in Ibbenbüren) war ein Vertreter der deutschen Rüstungsindustrie. Geilenberg war seit 1939 Direktor der Stahlwerke Braunschweig GmbH, Berlin, einem Tochterunternehmen der Reichswerke Hermann Göring. Weiterhin war er Leiter des Hauptausschusses Munition im Reichsministerium für Rüstung-und Kriegsproduktion. Am 10. Juni 1944 wurde er zum Generalkommissar für Sofortmassnahmen beim Reichsministerium für Rüstung-und Kriegsproduktion berufen. Nach ihm ist das Geilenberg-Programm benannt, hinter dem sich Geheimobjekte zur unterirdischen Verlagerung ("U-Verlagerung") von Hydrierwerken verbargen. Insbesondere sollte die Herstellung synthetischen Benzins im sogenannten Geilenberg-Programm unter die Erde verlegt. Das Programm wurde nach Edmund Geilenberg, dem Generalkommissar für Sofortmaßnahmen beim Reichsministerium für Rüstung- und Kriegsproduktion benannt. Unter den Tarnbezeichnungen waren geplant: Schwalbe I, unterirdisches Hydrierwerk in einem Steinbruch im Sauerland bei Oberrödinghausen und Schwalbe IV bei Finnentrop im Sauerland, geplante Betreiberfirma für beide Anlagen: Gelsenberg Benzin AG. Miit dem Bau war bereits begonnen worden, ausführende Firma war u.a. die Gelsenkirchener Bergwerks AG (GBAG). Auch war geplant, dass Kraftwerk der Gelsenberg AG unterirdisch zu verlagern. Es ist bisher ungeklärt, ob die 2000 weiblichen KZ-Häftlinge tatsächlich nur zu Aufräum- und Entrümmerungsarbeiten bei Gelsenberg eingesetzt werden sollten oder ob Sie zu Arbeiten im Rahmen der geplanten Kraftwerks-Verlagerung herangezogen werden sollten.

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2. Kapitel: Anforderung von Zwangsarbeitern 

Arbeitseinsatz von Juden aus Ungarn im ReichDie Anordnung, in den Firmen des Reiches keine Juden zu beschäftigen, wurde von Hitler im April 1944 aufgehoben, allerdings kam ein so genannter "Offener Arbeitseinsatz" in den Betrieben aus grundsätzlichen Erwägungen nicht in Betracht, denn dieser stände im Widerspruch zu der fast abgeschlossenen "Entjudung" des Reichsgebietes. Himmler gab dennoch seine Zustimmung zum Arbeitseinsatz ungarischer Jüdinnen, denn die kriegswirtschaftlichen Erfordernisse bestimmten eine geänderte Haltung seitens der deutschen Führung. Die Zwangsarbeiter wurden per Antrag beim Chef des Amtes D II Arbeitseinsatz im SS - Wirtschafs- und Verwaltungshaupt, Gerhard Maurer [3], angefordert. Nach Prüfung entschied Oswald Pohl [4], Chef des WVHA, über die Zuteilungen an die antragstellenden Unternehmen. Ab 1944 galt diese Regelung nicht mehr für das Geilenberg-Programm, es oblag Edmund Geilenberg, die Einsätze von KZ-Häftlingen in seinem Wirkungsbereich zu veranlassen. In den Gelsenberg Unterlagen und in den Archiven war bisher kein Hinweis auf eine Anforderung von Zwangsarbeitern durch die Gelsenberg-Benzin AG zu finden.

Arbeitseinsatz von Juden aus Ungarn im ReichDie Liste der Außenlager des KZ Buchenwald zählt insgesamt 138 Lager, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, jedoch gibt diese Zahl eine Vorstellungskraft von der Zusammenarbeit zwischen SS und deutscher Industrie. Die Verflechtung der KZ mit der deutschen Industrie entstand aus der Tatsache, dass die Betriebe zunehmend unter Arbeitskräftemangel litten und vielfach keine Mittel scheuten, um sich vor der Konkurrenz einen entscheidenden Vorteil zu verschaffen, nämlich Arbeiter in ausreichender Zahl zur Verfügung zu haben, nur so konnten Sie ja Ihrer "vaterländischen Pflicht" nachkommen: den Höchstbeitrag zur Kriegswirtschaft zu leisten.

[3] Gerhard Maurer (9. Dezember 1907 in Halle (Saale), 2. April 1953 in Krakau hingerichtet) war ein SS-Standartenführer (1944) und Chef der Amtsgruppe D im SS - Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (SS-WVHA). Im Nürnberger Prozess trat Maurer als Zeuge auf. Dort wurde er im März 1947 verhaftet und nach Polen ausgeliefert und 1952 in Warschau in einem Prozess zum Tode verurteilt. Am 2. April 1953 erfolgte seine Hinrichtung in Krakau. Kein deutsches Gericht hat jemals einen Angehörigen der Amtsgruppe D im SS-WVHA für seine Taten angeklagt.

[4] Oswald Ludwig Pohl (30. Juni 1892 in Duisburg, 7. Juni 1951 Landsberg, hingerichtet) war ein maßgeblich an der Durchführung des Holocausts beteiligtes Mitglied der SS und wurde 1947 als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt. Das Jahr 1942 brachte für Pohl zwei wesentliche Wendepunkte in seinem politischen Leben. Zum einen wurde er zum SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS ernannt, zum anderen übernahm Pohl nun die Leitung des neu geschaffenen SS - Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes. Durch dieses Amt erlangte Pohl eine Schlüsselstellung im Holocaust-Gefüge, da ihm nun auch die "Generalinspektion Konzentrationslagerwesen", also die Konzentrationslager (KZ) als solche, unterstellt wurden. Im Sommer 1942 ersetzte Pohl fast ein Drittel aller KZ-Kommandanten. Pohl beabsichtigte, die Arbeitskraft der KZ-Häftlinge verstärkt für die Rüstungsproduktion zu nutzen. In einem Befehl vom 30. April 1942 ordnete er an: "Der Lagerkommandant allein ist verantwortlich für den Einsatz der Arbeitskräfte. Dieser Arbeitseinsatz muss im wahren Sinne des Wortes erschöpfend sein, um ein Höchstmaß an Leistung zu erzielen. [...] Die Arbeitszeit ist an keine Grenzen gebunden.[...] Zeitraubende Anmärsche und Mittagspausen nur zu Essenszwecken sind verboten." Diese Anordnungen führten zu einer gewaltigen Expansion von Nebenlagern, verschlechterten die Lebensbedingungen der Häftlinge und erhöhte ihre Sterberate. Die Produktivität wurde nur wenig gesteigert und mit dem Leben vieler Zwangsarbeiter teuer erkauft. Pohl griff ebenfalls ein, als die gewaltige Vernichtungsaktion ins Stocken geriet, bei der rund 350.000 von 458.000 ungarischen Juden sofort nach ihrer Ankunft im KZ Auschwitz-Birkenau vergast wurden. Die ersten Transportzüge erreichten Auschwitz am 15. April 1944. Im Mai 1944 wurden die drei Kommandanten des KZ Auschwitz (Stammlager), des KZ Auschwitz Monowitz und des Vernichtungslagers Auschwitz Birkenau ihrer Ämter enthoben und durch andere ersetzt. Oswald Pohl, der ein halbes Jahr zuvor Rudolf Höß als Chef des Amtes D1 in die Zentrale seiner Behörde geholt hatte, schickte diesen vom Mai 1944 bis Juli 1944 als Standortältesten nach Auschwitz, um die reibungslose Durchführung der Vernichtungsaktion zu organisieren. Verantwortlich war Pohl auch für die Verwertung der bei solchen Aktionen anfallenden Güter wie Kleidung, Schmuck und Gold. Erhalten ist ein Schreiben an Heinrich Himmler mit einer Bestandsliste von über 100.000 Uhren sowie tausenden von Füllfederhaltern und dergleichen, die zur Tarnung als "jüdisches Hehlergut" ausgewiesen wurden.

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3. Kapitel: Ungarische Zwangsarbeiterinnen auf Gelsenberg 

Die Deportation der ungarischen Juden war eine der letzten und grausamsten Vernichtungsaktionen des so genannten "Dritten Reiches": Innerhalb weniger Monate, vom 15. März bis 9. Juli 1944, wurden 476.000 ungarische Juden nach Auschwitz verschleppt. Unmittelbar nach der Ankunft im Vernichtungslager Auschwitz wurde der Großteil der Deportierten in den Gaskammern ermordet, ein kleinerer Teil zur Zwangsarbeit für die deutsche Rüstungsindustrie rekrutiert. Als KZ-Häftlinge arbeiteten sie unter anderem beim Bau unterirdischer Produktionsstätten. Die hierzu eingeleitete Neuregelung des "Judeneinsatzes" sowie die vom Rüstungsministerium übernommene Kompetenz bei der Zuweisung von KZ-Häftlingen verdeutlichen den Pragmatismus kriegswirtschaftlicher Erfordernisse, der im Widerspruch zur Ideologie der "Endlösung" stand.

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, Konferenz des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin

Dr. Erzsébet Schenk, eine ungarische Ärztin, die sich unter den zur Zwangsarbeit nach Gelsenkirchen deportierten Frauen und Mädchen befand, berichtet von einer SS-Aufseherin in Gelsenkirchen:

"Im August 1944 eskortierte die SS-Aufseherin mich und neun andere ungarische Zwangsarbeiterinnen zum Krankenhaus in Horst. Als wir eine Straße überquerten, trafen wir eine kleine alte Frau, die Fruchtkuchen in einer Backform auf ihrem Kopf trug. Als sie uns sah, nahm sie die Backform von ihrem Kopf und verteilt den Kuchen unter uns. Die SS-Aufseherin erklärte ihr, dass sie dies nicht tun darf, aber das interessierte die alte Frau nicht. Sie sagte der Aufseherin, dass sie nicht so grausam sein solle, ob sie denn nicht sehe, wie hungrig diese armen Frauen seien. Gott würde es ihr vergelten. Die SS-Aufseherin berichtete im Lager nichts über den Vorfall, dass weiß ich sicher. Die Aufseherin hieß Maria Reich. Bei einer anderen Gelegenheit kniete sie vor einer der schwachen und kranken Zwangsarbeiterinnen und schnürte ihr die Schuhe. Diese Aufseherin wurde dann später versetzt."

Quelle: "Historians, executioners, victims. Debates in Holocaust Studies" von Dr. László Karsai, Universität Szeged, Ungarn

Arbeitsjuden aus Ungarn für das ReichDie täglichen Arbeiteinsätze - mindestens 12 Stunden- fanden ohne jedwede Schutzkleidung statt, beim verladen von Ziegeln verletzten sich die Frauen natürlich die Hände, einige, die versuchten, Ihre Verletzungen mit Stofffetzen zu schützen, wurden von den SS-Aufseherinnen gezielt auf die geschundenen Hände geschlagen, mit dem Befehl, die schützenden Stofffetzen zu entfernen. Die ehemaligen Lagerinsassinnen berichteten übereinstimmend von dem ständigen brutalen Verhalten des Wachpersonals. Das Motto der SS "Vernichtung durch Arbeit" stand auch im Gelsenberg-Lager im Vordergrund, wenn auch kein serienmäßiges Morden stattfand wie in den großen Vernichtungslagern.

Die Frauen wogen im Schnitt nur noch 40-45 Kg, ständige Unterernährung und fehlende ärztliche Versorgung führten wie die ebenfalls äußerst schlechten hygienischen Zustände zu mehreren Todesfällen durch Typhus. Im Gelsenberg-Lager wurden acht schwangere Frauen selektiert und zur Ermordung nach Auschwitz [5] verbracht. Es ist nicht bekannt, wer dafür verantwortlich war. Bei dem großen Bombenangriffen am 11., 12., und 13. September 1944 wurden laut Lagerleitung 138 Jüdinnen getötet und 94 verletzt, diese Zahl erhöhte sich noch durch später an den Folgen des Angriffs in umliegenden Krankenhäusern verstorbenen Frauen. Nach den Angriffen musste ein Kommando der Frauen die Toten und die abgerissenen Körperteile einsammeln und in eine große Grube legen. Obendrauf wurde ein Holzstapel entzündet. Diese Grube liegt laut Auskunft des Gelsenkirchener Friedhofsamtes aus dem Jahre 1949 "(...) südlich der Straße "Im Linnebrink" in Beckhausen, die genaue Lage des Sammelgrabes ist nicht mehr feststellbar."

Der fast unmittelbare Abtransport der Zwangsarbeiterinnen nach den Angriffen vom 10.-13. September 1944 kam der Gelsenberg-Benzin AG sehr gelegen, man bereitete sich praktisch schon auf die Nachkriegszeit vor und die Anwesenheit von KZ-Häftlingen hätte der später folgenden Kooperation mit den Alliierten entgegengestanden.

[5] Auschwitz I, das Stammlager, war neben dem KZ Auschwitz-Birkenau und dem KZ Auschwitz-Monowitz eines der großen deutschen Konzentrationslager in der Nähe der polnischen Kleinstadt Oswiecim (Auschwitz), etwa 60 km westlich von Krakau. Teile des Vernichtungslagers Auschwitz sind heute Museum und Gedenkstätte.

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4. Kapitel: Die SS-Wachmannschaften 

Hotel Zur Post in Buer Die Auswertung von Luftbildern ergab, dass zwischen Bahnlinie und Lanferbach bereits in der ersten Hälfte des Jahres 1944 das Lager errichtet wurde. Die Baracken wurden schon vor Eintreffen der 2000 Jüdinnen entweder von der Gelsenberg-Benzin AG oder der OT fertig gestellt. Ein doppelter, wohl elektrisch geladener Zaun umgab das Areal, es wurden Wachtürme errichtet. Die blockartige Anordnung der Gebäude und Zelte um einen Appellplatz sprechen eine deutliche Sprache. Untergebracht war die uniformierte SS-Wachmannschaft, Männer wie auch die Frauen, Anfangs im Hotel Zur Post in Gelsenkirchen-Buer, wenig später waren dann auch die Baracken für die SS auf dem Gelsenberg-Gelände fertig gestellt und konnten bezogen werden. Der äußere Lagerbereich wurde von männlichen SS-Angehörigen bewacht, der innere Bereich und die Arbeitseinsätze dagegen überwiegend von weiblichen SS-Angehörigen, die für diese Aufgabe vom Arbeitsamt dienstverpflichtet wurden und in einem vierzehntätigen, so genannten "Lehrgang" im KZ Ravensbrück [6] auf Ihren Einsatz vorbereitet wurden. Nach August 1944 waren etwa 20 SS-Aufseherinnen und zwischen 90-100 Posten mit der Bewachung beauftragt. Die SS-Aufseherinnen waren keine Firmenangehörigen und kamen nicht aus Gelsenkirchen. Die Oberaufseherin war Charlotte Rafoth, eine weitere namentlich bekannte Aufseherin war Elisabeth Lucie Madl. Je nach Einsatzort wurden die weiblichen KZ-Häftlinge in Gelsenkirchen entweder bei Gelsenberg von der SS, in einer nahen Munitionsfabrik von Angehörigen des Landesschützenbatallions 471 oder von OT-Männern der Oberbauleitung Essen-Kupferdreh bewacht. Bereits am 24. März 1944 wurde das Bataillon 471 durch die 2. und 4. Kompanie des Landesschützen-Bataillon C auf 6 Kompanien verstärkt. Das Bataillon war bis 1945 in Gelsenkirchen stationiert.

Arbeitsjuden aus Ungarn für das Reich An der Spitze der Lagerhierarchie stand der Lagerleiter SS-Obersturmführer Eugen Dietrich, er war allerdings an die Weisungen des Kommandanten des Stammlagers Buchenwald, SS-Oberführer Hermann Pister [7], gebunden. Der Charakter von Dietrich brachte es mit sich, dass er das Geschehen im Lager nicht im Griff hatte, und es so wiederholt gegen seine Weisungen zu massiven übergriffen gegen die Insassinnen kam. Besonders hervor getan haben sich hier ein gewisser Heide und ein Otto, beides SS-Männer. Ebenso wird von drei besonders brutalen Aufseherinnen berichtet. Lagerleiter Dietrich verstarb unbestraft 1966 in Weinheim. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Außenlagern waren in der Regel grauenhaft, die Ernährung mangelhaft und unzureichend. Die Zustände im Gelsenberg-Lager veranlassten die Aufseherin Madl, um Versetzung zu bitten. Dem wurde von der vorgesetzten Dienstelle stattgegeben.

[6] Das KZ Ravensbrück war ein deutsches Konzentrationslager im damaligen brandenburgischen Landkreis Templin/Uckermark, das in der Nähe der kleinen, damals mecklenburgischen Stadt Fürstenberg an der Havel rund 100 km nördlich von Berlin lag. Es gilt als das größte Frauenkonzentrationslager Deutschlands. Heute befindet sich auf dem Gelände die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück.

[7] Hermann Pister geboren am 21. Februar 1885 in Lübeck, gestorben am 28. September 1948 in Landsberg am Lech) war SS-Oberführer und Kommandeur des KZ Buchenwald. Pister war Mitglied der NSDAP und der SS (Mitgliedsnummer 29892). 1941 war er noch im SS-Sonderlager Hinzert, ab 1. Februar 1942 dann als Kommandant des Konzentrationslagers Buchenwald verantwortlich. Diesen Posten hatte er bis zum April 1945 inne. Pister wurde von amerikanischen Truppen am 13. Juni 1945 in der Nähe von München verhaftet. Im April 1947 wurde er von einem amerikanischen Militärtribunal in den Dachauer Prozessen der Kriegsverbrechen in Buchenwald angeklagt. Am 12. August desselben Jahres wurde Pister für schuldig befunden und zum Tod durch den Strang verurteilt. Es ist allerdings unklar, ob Pister nun "unverzüglich" gehängt wurde oder an einem Herzinfarkt im Gefängnis verstarb, wie andere Quellen behaupten.

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5. Kapitel: Berichte von Überlebenden  

Judith Schneiderman 

Judith Rosenberg, verheiratete Schneiderman, um 1946 in Landsberg am Lech. Sie lebt heute in New Jersey/USAAbb.: Judith Rosenberg, verheiratete Schneiderman, um 1946 in Landsberg am Lech. Sie lebt heute in New Jersey/USA

Judith Schneiderman, Jg. 1928, überlebte Auschwitz, die Außenlager von Buchenwald in Gelsenkirchen und Sömmerda, auch einen Todesmarsch kurz vor Kriegsende überstand sie. Die Kraft, so sagt sie, fand sie vor allem im Gesang. Nach Kriegsende wanderte sie in die USA aus. Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas veröffentlichte ihre Erinnerungen am 2. Mai 2013 unter dem Titel »Ich sang um mein Leben. Erinnerungen an Rachov, Auschwitz und den Neubeginn in Amerika«.

In dem Buch beschreibt Judith Schneiderman auch die Zeit im Gelsenberg-Lager in Gelsenkirchen-Horst. Ihre Schwester Esther wird bei einem Bombenangriff auf das Hydrierwerk der Gelsenberg Benzin AG in Gelsenkirchen-Horst im September 1944 getötet:

"(...) Wir lebten seit ungefähr fünf Wochen in Auschwitz, als wir aufgerufen wurden, weil uns Nummern in den Arm tätowiert werden sollten. Wir standen schon in einer Reihe, als ein Offizier auf einem Motorrad erschien und die Anordnung gab, dass wir unverzüglich in ein Arbeitslager gebracht werden sollten, also drehten wir uns alle wieder um und liefen zurück. Wir waren wie Schafe, die ängstlich und enttäuscht blind folgten. Aber die Gefangenen, die schon tätowiert und viel länger im Todeslager waren, versicherten uns, dass wir uns über die uns zugewiesene Arbeit glücklich schätzen konnten. Ich dachte: »Zumindest werde ich nicht tätowiert«. Und tatsächlich sollte ich nie tätowiert werden.

Sie brachten uns zurück zu den Baracken und gaben uns den Befehl, uns auszuziehen. Wieder standen wir nackt in einer Reihe da. Erneut sortierte man uns aus. Ein unangenehmer, junger SS-Soldat teilte uns über sein Megaphon mit: »500 der stärksten jungen Frauen werden ausgewählt und zur Arbeit geschickt.«

Chaichu, Frieda, Esther, Marta und ich standen so nah wie möglich zusammen, aber als die Soldaten die Mädchen in unterschiedliche Gruppen aufteilten, zeigte ein SS-ler auf Esther und bedeutete ihr, unsere Gruppe zu verlassen und auf die andere Seite zu gehen. Esther war zwölf und sehr klein, und wir wussten sofort, dass sie hier niemals wegkommen oder noch schlimmer, dass sie im Ofen landen würde. Chaichu, unsere älteste Schwester und Beschützerin, die zwar nichts auf den Rippen hatte, dennoch stur war, trat impulsiv aus unserer Gruppe heraus und zerrte Esther wieder zurück. Um uns herum gab es so viel Aufruhr, dass ich mir bis heute nicht sicher bin, ob der junge, schlaksige Offizier nichts bemerkte oder nur vorgab, nichts zu sehen. Frieda umklammerte meine Schulter, so dass auch ihr leichtes Hinken unbemerkt blieb, als sie ging. Sie hatte wohlgeformte Beine, und indem ich ihr Gewicht mittrug, fiel niemandem auf, dass sie leicht verkrüppelt war.

So blieben wir alle beieinander, überlebten und wurden zur Arbeit geschickt. Zinka hatte Recht gehabt, solange wir für die Deutschen nützlich waren, würden sie uns am Leben lassen. Man brachte uns wieder zu den Viehwaggons, die diesmal sauberer und offener waren als die vorherigen, und es war ein wahrer Luxus, dass jedes Mädchen ein ganzes Brot bekam, auf dem sich etwas Margarine befand. Am Zug herrschte ein optimistisches und energiegeladenes Durcheinander. Wir waren bereit zu arbeiten.

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir unterwegs waren. Alles, woran ich mich erinnere, ist die Ankunft in einer Stadt namens Gelsenkirchen, und auch das wusste ich nur, weil ich durch die Ritzen des Waggons gelugt und gesehen hatte, dass wir unter einem zusammengeschweißten Bogen hindurchfuhren, auf dem dieser Namen stand. Nach dem Krieg erfuhr ich, dass es sich um ein Außenlager von Buchenwald gehandelt hatte. Hier wurden wir in großen Zelten mit festem Boden anstelle von Baracken untergebracht. Unsere Schlafstätten bestanden aus einfachen Holzbrettern, aber jede von uns bekam eine weiche, graue Decke, die unser wertvollster Besitz wurde. Wir hatten Dreifachetagenbetten anstelle von Doppeletagen, und nur zwei Mädchen mussten sich ein Bett teilen. Zu dem Zeitpunkt waren wir alle schon so dünn, dass wir problemlos zusammen reinpassten.

Die uns zugewiesene Arbeit bestand darin, Trümmer einer Munitionsfabrik, die von den Amerikanern zerbombt worden war, abzutragen und die Fabrik wieder aufzubauen. Es war harte körperliche Arbeit, und wir waren dankbar dafür, dass wir nicht die einzigen Gefangenen in Gelsenkirchen waren. Es gab Juden und nichtjüdische Männer, die gemeinsam mit uns arbeiteten – die meisten waren Italiener, Russen oder deutsche Homosexuelle.

Infolge unserer Ernährung war es schwierig, die für die schwere Arbeit benötigte Aufmerksamkeit und Energie aufzubringen. Wir bekamen immer noch eine Scheibe Schwarzbrot und eine Schüssel voll wässriger Allerleisuppe am Abend, zugegebenermaßen hatte die Suppe jedoch etwas mehr Konsistenz. Oft gab man uns auch etwas Margarine und Marmelade. Wenn eine Freundin das Essen servierte, hatte man Glück. Dann wurde die Suppenkelle etwas tiefer in den Topf eingetaucht, und vielleicht war dann sogar etwas Gemüse darin. Auch hier gab es, wie in Auschwitz, fanatisch religiöse Frauen, die ihre Suppe verweigerten und so ausgehungert waren, dass sie sich nicht darum scherten, ob sie sauber oder dreckig waren, ob sie lebten oder starben. Diese Frauen versuchten oft, ihre Suppe gegen Brot einzutauschen, und manche stahlen sogar Brot von den anderen. Sie arbeiteten, bis sie umfielen, sahen bald wie lebende Skelette aus und starben. Ihnen war es wohl wichtiger, den Märtyrertod für Gott zu sterben.

Frieda schimpfte immer mit mir, wenn ich, sobald ich mein Brot erhalten hatte, alles auf einmal verschlang. »Du solltest es dir fürs Frühstück aufbewahren! Wo ist deine Selbstbeherrschung?« Sie kniff mir dann in den Arm, wenn ich meine Ration in den Mund schob und sie dabei frech angrinste. Und wenn Frieda am nächsten Morgen das Brot aß, das sie aufgehoben hatte, warf sie mir von der Seite genervte Blicke zu, weil ich ihr sehnsüchtig beim Kauen zuschaute. Bis sie seufzend aufgab und mir kopfschüttelnd ein kleines Stück Brot abbrach, um es mir zu geben.

Ich weiß nicht mehr genau, wie es dazu kam, aber ich hatte keine richtigen Schuhe in Gelsenkirchen und lief während der Arbeitszeit daher in Holzschuhen umher. Als eines Abends die Frauen in einer Reihe standen und auf ihr Abendessen warteten, rief mir aus einigen Schritten Entfernung ein SS-Soldat zu: »Komm schon, na komm schon, du Kleine!« Entgeistert blickte ich mich zu den Mädchen links und rechts von mir um und zeigte dann auf mich. Auf mich? »Ja, du. Die Kleine da. Komm her!«

Ich schluckte schwer und gehorchte. Er zückte eine Kamera und richtete sie auf mich. »Schau dich nur an mit diesen Holzschuhen!« Er machte einige Aufnahmen und lächelte dabei wie ein Tourist. »Wo hast du denn diese albernen Dinger her?« Dann ging er mit mir zum Anfang der Schlange. Das Mädchen tauchte die Kelle ein, um meine Schüssel mit Suppe zu füllen, da gebot er ihr Einhalt. »Tauch die Kelle richtig ein und gib ihr ein bisschen mehr Gemüse.« Das Mädchen schöpfte eine ordentliche Kelle voller Gemüse und Fleisch. Ich spürte den heißen, mit Einlage versehenen Eintopf in jeder Pore meines Körpers auf seinem Weg in den Magen, er wärmte mich und beruhigte meinen geschrumpften Magen. Wie willkürlich und absurd das doch alles war.

Sonntag war unser Ruhetag und der Tag im Arbeitslager, an dem man uns den Luxus gewährte zu duschen. Tiefer im Lager befand sich ein Halbkreis von auf Holzbrettern stehenden Wasserausläufen im Freien, aus denen nur kaltes Wasser kam. Dort lachten und quatschten wir, ärgerten uns gegenseitig und machten Witze über unsere nackten, ausgemergelten Körper. Wenn es schneite, standen wir auf Schnee und Eis, um uns zu waschen, hüpften dabei von einem Fuß auf den anderen, zitterten und bissen die Zähne zusammen, dennoch fühlte es sich wunderbar an. Natürlich gab es nie Seife. Wenn die Sonne schien und uns den Rücken wärmte, wickelten wir uns in unsere kostbaren, grauen Decken und wuschen unsere Kleider. Dann bewachten wir sie den ganzen Nachmittag, während sie trockneten.

Im Winter, als das Laub von den Bäumen fiel und die Luft kalt war, bekamen wir Mäntel vom Kommandanten. Ich hatte großes Glück und bekam auch ein Paar alter Stiefel, die wunderbarerweise gut passten. Wahrscheinlich waren es gebrauchte Stiefel von einem Gefangenen aus einem anderen Lager, der gestorben war. Und wie glücklich ich war, als man mir einen fast neuen, eleganten, rostfarbenen Wintermantel überreichte, der wohl einem wohlhabenden jungen Mädchen gehört hatte. Dieser Mantel hat mir während der Wintermonate das Leben gerettet.

Kurz nachdem wir in Gelsenkirchen angekommen waren, wurde Chaichu sehr krank und bekam Typhus. Und obwohl sie vor Fieber schwitzte und ihre Temperatur in die Höhe schoss, wussten wir, dass wir keine andere Wahl hatten, als sie zum Zählappell und zur Arbeit mitzuschleppen. Marta und ich nahmen sie also in unsere Mitte, legten ihre dünnen Ärmchen über unsere Schultern und zogen sie mit uns, wobei sie ihre Füße wie betrunken hinter sich her schleifte.

Chaichu versuchte zu arbeiten, aber es wollte ihr nicht gelingen. Ihr Kleid war schweißgetränkt, sie konnte kaum stehen, geschweige denn schwere Lasten tragen. Sie sah aus, als wäre sie dem Tod nahe, ihr Gesicht war grau, die Augen wirr. Ihr kleiner Kopf rollte hin und her und offenbarte die roten Haarstoppeln auf ihrem Schädel. Es war, als wäre der Nacken zu schwach, um das Gewicht zu halten. Ihr ausgemergelter Körper bemühte sich vergebens, das schwere Geröll zu tragen. Es war unerträglich mit anzusehen, wie sie litt und vor Fieber gerötet in der Sonne schwitzte, also setzte ich sie irgendwann in den Schatten eines in der Nähe stehenden Baums. Der SS-Offizier, der unsere Arbeit beaufsichtigte, verfolgte das Geschehen mit einem fragenden und leicht amüsierten Gesichtsausdruck. Mir war klar, dass mein Verhalten nach einer Erklärung verlangte, und nachdem ich Chaichu bequem hingesetzt hatte, nahm ich all meinen Mut zusammen, ging auf die Wache zu und fragte ihn so freundlich wie nur möglich, ob ich meiner Schwester etwas Wasser holen dürfte. »Sie ist sehr krank, ihr Fieber ist so hoch, wie noch nie.« Der Wächter musterte mich von oben bis unten, murmelte gelangweilt etwas vor sich hin und deutete mit einer Handbewegung an, dass er mir die Erlaubnis gab.

Marta näherte sich später am Tag demselben Soldaten, bat ihn um Erlaubnis, Chaichus Arbeitspensum zu übernehmen und versicherte ihm, dass Chaichus Abwesenheit nicht auffallen würde. Der SS-Soldat ließ es tagelang zu, dass meine Schwester sich unter dem Baum ausruhte, während wir arbeiteten, und glücklicherweise überlebte sie, ganz ohne Medikamente und ohne jemals bei einem Zählappell gefehlt zu haben. Nach einer Woche ging ihr Fieber runter, und sie wurde wieder gesund. Als Frieda später an einer Lungenentzündung erkrankte, erfuhren wir, dass es ein Krankenhaus im Lager gab, in dem zwei jüdische Ärztinnen Gefangene behandelten. Nach Auschwitz hatten wir so etwas nicht für möglich gehalten. Frieda ging ins Krankenhaus und kam gesund und ausgeruht zurück.

Als die Fabrik fast wieder aufgebaut war, kamen die Amerikaner und zerbombten sie erneut. Wir waren in unseren Zelten, als wir das Heulen der tieffliegenden amerikanischen Kampfjets nur ein paar Hundert Meter entfernt hörten. Als die erste Bombe einschlug und der Boden zitterte, gerieten wir in Panik, rannten raus und kletterten über den rostigen Stacheldrahtzaun. Blutig zerkratzt flüchteten wir auf die Felder. Die Amerikaner begannen damit, uns aus ihren Flugzeugen zu bombardieren und zu beschießen. Ich befand mich mitten auf dem Feld, schaute auf der Suche nach meinen Schwestern verzweifelt um mich und sah nur völlig verängstigte Frauen, die über im Gras verstreute Gliedmaßen und blutüberströmte Körper stolperten. Mit einem dumpfen Aufprall landete vor mir der Kopf eines hübschen, schwarzhaarigen Mädchens. Ich stand da, völlig geschockt, allein. Ich hatte nichts abbekommen.

Als die Flieger abdrehten und es auf dem Feld ruhiger wurde, sah ich Frieda auf mich zustraucheln. Wir fielen einander in die Arme und schluchzten. Eine Minute später wankte Chaichu auf uns zu, dann kam Marta. Nachdem wir eine lange qualvolle Stunde gesucht und immer wieder Esthers Namen gerufen hatten, bis wir heiser waren, fanden wir unsere Schwester im Dickicht. Es sah aus, als hätte sie sich verstecken wollen, aber jetzt lag sie zusammengekrümmt und regungslos da, ihre Beine lagen abgetrennt und verstümmelt verstreut im Gestrüpp hinter ihr. Auf eine gewisse Weise war ich erleichtert. Esther war immer in Panik geraten, wenn die Sirenen während der Luftangriffe mitten in der Nacht ertönten, wiegte sich dann hin und her und hielt ihre kleine Zinnschüssel zum Schutz über den Kopf. Es war als hätte sie mit einem sechsten Sinn ihren Tod vorhergeahnt. Die übriggebliebenen Frauen schleppten sich aufgewühlt und verdreckt wieder zu den Zelten. An diesem Tag war die Hälfte unserer Gruppe umgekommen.

Am nächsten Tag folgten mehr Bomben, aber diesmal verließ niemand die Zelte. Als die Explosionen um uns herum wieder alles erbeben ließen, warf ich mich auf Frieda und betete. Falls wir sterben würden, dann sollte es uns beide gleichzeitig treffen. Nachdem sich an diesem Nachmittag alles wieder beruhigt hatte, fing Chaichu an, über Schmerzen in der Herzgegend zu klagen. Eine der Ärztinnen wurde in unser Zelt gerufen, wo sie Chaichu untersuchte, die, ohne es bemerkt zu haben, schwer verwundet worden war. Am darauf folgenden Tag wurde Chaichu mit einem Granatsplitter in der Brust ins Krankenhaus gebracht. Wir ließen sie widerstandslos gehen.

Nach den Angriffen brachten die Deutschen uns Überlebende in eine andere Munitionsfabrik nach Sömmerda, wo meine Aufgabe darin bestand, kleine Metallteile für Gewehre zu fertigen. Wir hatten schreckliche Angst, Chaichu zurückzulassen, aber nur einen Monat später kam unsere völlig genesene Schwester nach. (...)"

Aus Judith Schneiderman mit Jennifer Schneiderman: "Ich sang um mein Leben. Erinnerungen an Rachov, Auschwitz und den Neubeginn in Amerika" Herausgegeben von Adam Kerpel-Fronius und Uwe Neumärker, S. 63-68. Das Buch kann bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas bezogen werden.

Eva Krupičková 

Eva Krupičková, 2012Abb.: Eva Krupičková, geborene Wolf im April 2012. Die heute 85jährige lebt in Tschechien.

Eva Krupičková wurde als jüngstes Kind der Eheleute Wolf am 1. Januar 1927 in Ungwar (Uschhorod) geboren. Sie hatte fünf Geschwister, der älteste Bruder starb bereits vor Kriegsausbruch, zwei Schwestern und ein Bruder konnten im letzten Moment nach England fliehen. 1944 wurde die damals 17jährige Eva mit ihren Eltern und dem jüngsten ihrer Brüder in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt.

An der Rampe in Auschwitz führte der berüchtigte Dr. Mengele die Selektion persönlich durch, Evas Eltern wurden direkt nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet, ihr Bruder einer Gruppe männlicher Häftlinge zugeteilt. Nach sechs Wochen wurde Eva Krupičková zusammen mit etwa 2000 weiblichen KZ-Häftlingen von Auschwitz nach Gelsenkirchen deportiert.

Eva Krupičková berichtet von ihrer Zeit im KZ-Außenlager in Gelsenkirchen-Horst: "Wir waren rund 3000 ungarisch-jüdische Frauen, mussten in 12-Stunden-Schichten bei Gelsenberg Trümmer aufräumen. Untergebracht waren wir mit etwa jeweils 700 Seelen in Zelten. Die Alliierten beobachteten die Aufräumarbeiten im Werk genau, auf abgeworfenen Flugblättern drohten sie eine erneute Bombadierung an, sollte die Produktion wieder aufgenommen werden. Und so geschah es dann auch. Am 11. September 1944 gegen 18 Uhr wurde wieder bombardiert. Die Frauen liefen in ihrer Angst aus den Zelten ins Freie, dachten, dass sie so mehr Überlebenschancen haben, rannten auf die Felder. Aber die Flieger, die diese Figuren in grauen Arbeitsuniformen mit rasierten Köpfen sahen, dachten wohl, dass es die Soldaten seien, und griffen sie an. Wegen jenen tragischen Irrtum kam eine große Zahl von Häftlingen ums Leben. Ich wollte mich in einem Einmannbunker verstecken, aber da war schon jemand drinn, so konnte ich nur meinen Kopf und den Oberkörper in den Eingang zwängen. So blieb ich zum Glück unverletzt."

Nach dem Bombenangriff vom 11. September 1944 wurde Eva Krupičková zusammen mit anderen Häftlingen von Gelsenkirchen weiter nach Sömmerda verschleppt. Dort mußten die Frauen und Mädchen in einer unterirdischen Fabrik für die Rheinmetall Borsig AG unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten. Anfang April 1945 wurde sie mit etwa 1200 weiblichen KZ-Häftlinge auf einen Todesmarsch gezwungen, fast vier Wochen mussten die Frauen marschieren. Als die Bewacher schließlich bei Boxgrün (heute Srní) in der Nähe von Karlsbad (heute Karlovy Vary) flüchteten, lebten nur noch 175 Häftlinge. Nach dem Krieg gab es ein Wiedersehen mit ihren Geschwistern. Eva Krupičková hat dann geheiratet, heute hat sie eine Tochter und einen Enkel.

Auszug aus einem Bericht von Karel Kužel in Archiv Post Bellum. Mit freundlicher Genehmigung.

Judith Altmann

Judith Altmann, 2011Abb.: Judith Altmann. Die heute 88jährige hält in den USA noch immer regelmäßig Vorträge in Schulen und Universitäten.

Sie überlebte Auschwitz, die Außenkommandos von Buchenwald in Gelsenkirchen und Essen und das Inferno von Bergen-Belsen. Judith Altmann, 1924 in Jasina in der damaligen Tschechoslowakei geboren, wurde im April 1944 zusammen mit ihrer Familie in ein Ghetto in Ungarn gebracht. Danach verschleppte man sie und die Familie nach Auschwitz. Von dort wurde die damals 19jährige weiter in Außenlager des KZ Buchenwald in Gelsenkirchen und Essen deportiert. Dort mußte sie unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten und wurde dann auf einen der berüchtigten Todesmärsche gezwungen, über das KZ Buchenwald führte ihr Leidensweg weiter in das KZ Bergen-Belsen, wo sie im April 1945 von britischen Soldaten befreit wurde.

Auf die Frage nach ihre Botschaft an die nachfolgenden Generationen antwortete uns Judith Altmann im Interview: "Ich gehe in die Schulen, weil die Kinder, die jungen Leute gar keine Ahnung von dem haben, was damals geschehen ist. Sogar die jungen Juden wissen praktisch überhaupt nichts darüber. Wenn man die Kinder darüber aufklärt, und man ihnen sagt, dass man hofft, sie mögen ein besseres Leben haben, verstehen sie, dass sich solche Verbrechen nirgendwo auf der Welt wiederholen dürfen. Aber leider geschieht es in ähnlicher Form immer wieder, in Afrika und an anderen Orten. Es hat nie aufgehört.

Das alles, was ich ich dieser Zeit erleben musste, geschah im Deutschland des 20. Jahrhunderts, in einem Land mit solcher Intelligenz, mit blühender Kultur. Die Leute haben es einfach geschehen lassen. Ich sage den Kindern, und das ist mein Motto: Ich habe den größten Grund zu hassen, aber ich fühle keinen Hass. Die jungen Leute von heute sind nicht für dass verantwortlich, was ihre Großmütter und Großväter getan haben. Es gibt keinen Grund zu hassen. Benutzt eure Energie dafür, um gute Sachen zu tun, helft, die Welt zu verbessern und lebenswerter zu machen."

Auszug aus den lebensgeschichtlichen Erinnerungen von Judith Altmann, sie berichtet hier von ihrer Zeit im Außenlager des KZ Buchenwald in Gelsenkirchen:

(... ) Die SS-Frauen und die SS-Männer aus Auschwitz begleiteten unseren Transport nach Gelsenkirchen. Wir waren 2000 Mädchen, ich kann nicht mehr sagen, wie lange die „Reise“ gedauert hat. Von der Eisenbahnstation in Gelsenkirchen haben wir sehr lange durch die Stadt laufen müssen, ich kann mich erinnern, dass es ein bisschen bergauf ging. Das mag vielleicht nicht ganz richtig sein, aber seitdem sind so viele Jahre vergangen. Nun, wir haben dort im Lager in Zelten gewohnt. Auf dem nackten Boden natürlich, wir hatten dort keine Strohsäcke oder ähnliches. Am nächsten Tag mussten wir in die Stadt laufen. Dort haben wir gearbeitet, verschiedene Arbeiten. Wir haben Bunker gebaut, wir haben Strassen gebaut. Wir haben mit Ziegelsteinen auch Gebäude gebaut. Nicht nur die SS hat uns bewacht, sondern auch die Männer von der Organisation Todt. Die hatten eine andere Uniform, ich meine, dass war so eine gelb-grüne Uniform. Und die haben uns gesagt was wir zu tun haben, die SS hat uns bei der Arbeit beobachtet. Wir sind also von zwei Seiten bewacht worden.

Sie haben uns zur Arbeit angetrieben: „Schaffe, schaffe, schnell, schnell, schnell!“ Und wir dachten, wenn wir schneller arbeiten, wird es uns besser gehen. Wenn wir von der Arbeit zurück ins Lager kamen, haben wir im Vergleich zu Auschwitz tatsächlich besseres Essen gekriegt. In Auschwitz bekamen wir nur einmal am Tag diese Suppe, und einmal in der Woche ein Stückchen Brot. In Gelsenkirchen haben wir sogar eine Schüssel und ein Löffel gekriegt. Die Suppe war ähnlich wie die in Auschwitz, manchmal war eine Kartoffel darin, gekocht oder gebacken, ich kann mich nicht mehr erinnern. Es gab dazu ein dünnes Stückchen Brot, so wie das Münzenmeierbrot (Pumpernickel), eine sehr dünne Scheibe, etwa zwei Zentimeter. Das war natürlich nicht genug. Wir waren noch immer sehr hungrig, aber es war besser als in Auschwitz.

Einmal, als wir wieder zur Arbeit in die Stadt gehen mussten, habe ich gehört, - ich habe ja deutsch gesprochen und deutsch verstanden – wie die Leute sagen: „Schaut, da sind Leute von der Irrenanstalt!“ Ich wollte denen sagen: „Nein, meine Liebe, wir sind Häftlinge von eurem Regime, wir sind nicht von der Irrenanstalt!“ Aber wir durften ja nichts sagen, durften mit niemanden reden. Die Arbeit war so schwer, und viele der Mädchen wurden krank. Es verging nicht ein Tag, wo dieser kleine Wagen gekommen ist und die Toten und auch die, welche nicht mehr arbeiten konnten, abgeholt hat. Wir hatten auch eine Ärztin, die war Französin, natürlich auch eine Jüdin. Ich hatte eine Cousine, das war Sophie, die hat auch nicht arbeiten können. Die Cousine wollte man auch wegschicken, nach Auschwitz, aber die Ärztin hat gesagt: „ Nein, nein, sie ist nur erkältet, sie wird morgen wieder arbeiten.“ Und so hat man sie nicht weggeschickt. Dort in Gelsenkirchen mussten wir so schwer arbeiten, aber lieber die schwere Arbeit, als diese ständige Furcht, heute wirst du umgebracht. Wenn du normal sterben musst, dann soll es so sein. Aber der Tod in der Gaskammer... Die SS war sehr schlecht zu uns. Die haben uns ständig geschlagen. Aber die Furcht, dass man in die Gaskammer gehen muss, die hatten wir in Gelsenkirchen nicht.

Manchmal, wenn die Holzschuhe zerbrochen waren, hat man uns andere gegeben. Später gab es keine neuen Schuhe mehr. Wenn wir mal eine Zeitung gefunden haben, dann haben wir uns das Zeitungspapier um die Beine gewickelt, damit wir nicht barfuss gehen mussten. Ich kann mich erinnern, da war einer von der Organisation Todt und der sagte (weil ich nicht sehr groß war): „Ja, du Kleine, Kleine, schaffe doch mehr, schaffe doch mehr!“ Und ich sagte: „Ich tu mein Bestes!“ Ich weiß noch, zu einer Zeit haben wir einen Bunker gebaut. Und wir haben den fertig gekriegt. Nun, da waren die Bombenangriffe, sehr oft. Wir dachten, wenn wir den Bunker bauen, können wir bei einem Angriff auch reingehen, aber wir durften nicht rein. Nur die Deutschen durften in den Bunker.

Bei einem der Luftangriffe wurden unsere Zelte zerstört. Da hat man uns gesagt, ihr müsst jetzt marschieren, und wir gingen, es waren wohl 20 Minuten, bis wir zu einer Kaserne kamen, in der früher italienische Kriegsverbrecher gewohnt haben. Da hatten wir ein Bett, da war elektrisches Licht. Wir waren so froh, dass wir einen Platz in einem Haus hatten! Wir sind ins Bett gegangen, meine Nichte Ida und ich, das Licht wurde gelöscht, auf einmal waren da viele Wanzen, Bettwanzen! Die haben uns so gebissen. So sind wir wieder raus aus dem Bett und haben am Fußboden geschlafen. Die Wanzen waren schrecklich! Und dann gab es wieder einen Bombenangriff und die Kaserne wurde zerstört. Wir waren sehr froh, denn wir konnten dort nicht leben, nein. Von da an haben wir wieder in Zelten gewohnt. Und die Angriffe waren fast jede Nacht, und wir haben gebetet. Wir wollten, wir konnten nicht mehr. Wir haben gesagt: „Lieber G'tt, wir möchten gerne tot sein, die Bomben sollen uns endlich töten.“

Nach einer Zeit, ich kann mich nicht genau erinnern, wann dass war, hat man uns gesagt, ihr geht jetzt in ein anderes Lager nach Essen. Wie viele von uns nach Essen gingen, weiß ich nicht. Wir sind dorthin gelaufen. In Essen kamen wir auch in ein Lager, wenn ich mich recht erinnere, waren das am Anfang auch Zelte. Das Lager war ziemlich weit weg vom Krupp-Werk. Dort war es fast dasselbe wie in Gelsenkirchen, nur wurde es langsam kälter.(...)

Dieser Auszug aus den lebensgeschichtlichen Erinnerungen von Judith Altmann basiert auf ein Interview, das der gemeinnützige Verein Gelsenzentrum im Juni 2011 mit Judith Altmann geführt hat. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Judith Altmann, Vervielfältigung und Nutzung in der nicht-kommerziellen Jugend- und Erwachsenenbildung ist ausdrücklich erwünscht und gestattet. Alle Rechte vorbehalten.

Die ausführlichen Schilderungen von Judith Altmann: → Am Tag der Befreiung bin ich wiedergeboren worden

Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945", ein Projekt der Freien Universität Berlin:→ Ausschnitte aus einem Video-Interview mit Judith Altmann von 2005

Judith Altmann auf Spurensuche in Gelsenkirchen 

Am 31. August 2014 besuchte Judith Altmann Gelsenkirchen. Nach 70 Jahren kehrte sie an den Ort zurück, wo sie 1944 einem Außenlager des KZ Buchenwald bei der Gelsenberg Benzin AG Zwangsarbeit für die deutsche Kriegsproduktion leisten musste. Gemeinsam mit Andreas Jordan von Gelsenzentrum e.V. begab sich die 89jährige auf Spurensuche in Gelsenkirchen.


Rose Warmer

Rose WarmerAbb.: Rose Warmer, 1925

Rose Warmer wurde 1909 in Ungarn geboren und im Frühjahr 1944 von den Nazis nach Auschwitz deportiert. Von dort aus wurde Sie zusammen mit nach Ihrer Erinnerung 1050 Frauen und Mädchen nach Gelsenkirchen verschleppt. Sie wanderte nach Ihrer Befreiung nach Israel aus und verstarb hoch betagt in einem Altenheim in Tel Aviv. Ihr Lebensweg wird in dem Buch von Myrna Grant: "Reise im Gegenwind" geschildert. Für Rose Warmer und viele Andere war es auch eine "Reise ins Herz der Finsternis". Im folgenden Buchzitat schildert Rose Warmer ihre Zeit im Außenlager des KZ Buchenwald in Gelsenkirchen-Horst.

Rose Warmer berichtet von ihrer Zeit im Außenlager des KZ Buchenwald in Gelsenkirchen:

[...] "Wir marschierten stundenlang im schnellen Schritt. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte. In der entsetzlichen Qual verlor ich den Sinn für Zeit und Tag. Ich wurde noch meiner Beine gewahr, die die Straße entlang eilten. Ich hatte das Gefühl, als schwebte ich über den Beinen und den angeschwollenen Füßen unter mir. Manche fielen hin und konnten sich nicht wieder erheben. Schüsse hallten durch den Tag. Schließlich kamen wir an einer Flakstellung an. Sie lag in einer Stadt Namens Gelsenkirchen.

In diesem Lager wurden wir in drei riesigen Zelten untergebracht jeweils 750 Personen in einem Zelt. Viele von uns kamen aus Auschwitz, doch es gab auch neue Leute. Bald nach unserer Ankunft wurden wir aus den Zelten herausgeführt zu Wasserhähnen. Wir waren fast verrückt vor Freude konnten Wasser trinken! Wir konnten uns waschen! Der Hahn war niedrig angebracht und nur zum Trinken bestimmt, doch wir stürzten uns darunter. Das Wasser floss über uns hin, über unsere grauen verdreckten Häftlingskleider unsere verkrusteten Köpfe. Wir wuschen unsere Unterwäsche und streiften sie über unsere nassen Körper. Alles das geschah in schrecklicher Eile, denn niemand wusste, was als nächstes geschieht oder wohin wir gebracht würden. Bald wurden wir auf die Pritschen großer offener Lastwagen gepackt. Hinten am Wagen war eine Stange angebracht, doch sie war zu niedrig, um jemanden am herausfallen zu hindern. Der Fahrer preschte die Straße entlang und der Wagen schwankte und schleuderte, so dass wir wie toll gegeneinander fielen, wir klammerten uns verzweifelt an Kleider, Körper, Köpfe, an alles, nur um nicht aus dem Wagen geschleudert zu werden. Die Fahrt sollte zu einem täglichen Alptraum werden.

Wir trafen an unserem Arbeitsplatz ein, eine Ölraffinerie, die durch alliierte Bomben zerstört worden war. Neben der Raffinerie lief ein winziges Flüsschen [8], dessen Wasser schwarz war vom ablaufenden Öl, das sollten wir von Schutt säubern. Es gab kleine eiserne Loren auf einem Schmalspurgleis und größere Wagen, auf die der Inhalt der Loren geschaufelt werden musste. Wir waren gezwungen, täglich 12 Stunden lang den Schutt in die Wagen zu schippen. Das war für Frauen und Mädchen in unserer körperlichen Verfassung eine qualvolle Arbeit. Niemand wagte einen Augenblick Pause einzulegen, denn sofort sauste der Stock des Kapos [9] auf den Betreffenden nieder. Misshandlungen durch die Aufseher waren an der Tagesordnung. "Euch werde ich das Arbeiten beibringen". Einer taumelte entsetzlich unter dem Schlag. Niemand von uns wagte aufzuschauen, um zu sehen, was geschah. "Ihr habt noch nie in eurem Leben eine anständige Arbeit geleistet! Achtung! Abschaum!"

Ich lernte, aus den Augenwinkeln den Stock des Kapos zu beobachten, der vielleicht plötzlich auf mich niedersausen konnte, wenn ich mich nicht schnell genug bewegte. Am Ende des Tages wurden wir, aufs äußerste erschöpft, wieder auf den Lastwagen gepackt und in einer Furcht erregenden Fahrt zum Lager zurück gebracht. Manchmal war zu unserem Entsetzen zum Ende der Schicht kein Wagen da und wir mussten den Weg zurück zum Lager zu Fuß gehen. Eines Tages wurde ich zur Arbeit in die Ruinen der Raffinerie geschickt. Unsere Gruppe sollte Schutt beseitigen Wir hatten nur unsere bloßen Hände, um zerstörte Maschinen, Haufen von Ziegeln und Teile von Wänden, Leitungen, Waschbecken weg zu befördern. Es war ein unmögliches Unterfangen. Wenn keiner mehr wusste, wie wir weitermachen sollten, schrie der Aufseher: "Los! Los! Arbeiten!" Mit unseren Körpern, die unter dem kleinsten Gewicht wankten, taten wir uns zusammen, um weg zu zerren, was wir konnten.

Manchmal kamen deutsche Schiffe an, und wir wurden zu den Docks geführt, um die Ladung mit gegossenen Betonblöcken zum Wiederaufbau der Raffinerie zu löschen. Wir Frauen waren gezwungen, diese schweren Böcke zu schleppen. Manche Arbeiterinnen waren Mädchen von dreizehn, vierzehn Jahren, manche Frauen waren über Fünfzig. Wir hoben die Blöcke vom Dock hoch und gaben sie in die Hände der nächststehenden Person. So bildeten wir eine lange Kette von Arbeiterinnen vom Schiff bis zu den Karren an Land, in denen die Blöcke zur Raffinerie transportiert wurden. Nach dem Entladen mussten wir die Schiffe säubern, dazu erhielten wir Eimer und Besen. All diese Arbeit geschah mit einer Ration von einer Scheibe Ersatzbrot pro Tag und etwas heißem Wasser mit wenigen Stücken Gemüse darin. In großen Zeitabständen gab man uns ein winziges Stück Margarine. Sie war aus Kohle [10] gemacht doch für uns war es ein Festessen. Einige Frauen in unserer Gruppe waren schwanger, sie erhielten eine etwas bessere Ernährung. Wenn ihre Zeit heran kam, wurden sie nach Auschwitz zurück gebracht. Was mit ihren Kindern geschah, erfuhr niemand. Wegen der hohen Priorität der Arbeit in Gelsenkirchen arbeiteten auch ortsansässige deutsche Frauen in der Raffinerie.

Die deutschen Soldaten in Gelsenkirchen waren bedeutend freundlicher zu uns als die SS-Männer in Auschwitz. Wenn unsere Arbeit zu Ende war, und wir uns abends in unseren Zelten aufhielten, verließen sie uns ohne Schmähungen. Eines Tages schlug das Entsetzen wieder zu. Ohne Vorwarnung marschierte ein kleines Kontingent SS-Leute in unser Lager. Wieder folgten schrille Befehlschreie, die Schmähungen. Wieder wurden wir zur Selektion aufgestellt. Diesmal mussten wir uns nur bis zur Taille ausziehen. Wir standen vor unseren Zelten, die Morgenfeuchte der Bäume tropfte auf unsere nackten Schultern und Köpfe während die Offiziere die Reihen auf -und abmarschierten und mit einem lässigen schwenken des Handgelenks andeuteten, wer nach links oder nach rechts zu gehen habe. Ich erinnere mich an die Schönheit der Blätter in ihren herbstfarben, die über den Himmel jagenden Wolken, die vom Duft der feuchten Erde und des absterbenden Grases erfüllte Welt.

Viele Frauen rannten von einer Gruppe zur anderen und riskierten ihr Leben, um bei Verwandten oder Freunden zu sein. Viele weinten, doch die meisten standen einfach da in der Demütigung der Selektion und wichen dem unbarmherzigen Blicken der Offiziere aus. Diese Offiziere waren von Krupp geschickt worden, einem kriegswichtigen Stahlwerk in Essen, einer Industriestadt südwestlich von Gelsenkirchen. Wir Gefangenen sollte evakuiert werden, weil die Amerikaner sich auf eine schwere Bombardierung der Raffinerien in unserem Gebiet konzentrierten und die Nazis nicht so viele Hunderte von Sklavenarbeitern verlieren wollten.

Wieder einmal wurde ich nach rechts geschickt zu der Gruppe von Frauen, die weiterleben und zur Arbeit nach Essen geschickt werden sollten. Die zurück gebliebenen wurden auf der Stelle mit dem Zug zu den Öfen von Auschwitz gebracht. Es gab keinen Transport für uns nach Essen, wir wurden gezwungen, den ganzen langen Weg in einem raschen Schritt zu Fuß zu gehen. Wieder rannten wir, stolperten, fielen, keuchten nach Luft, bis eine Art von Bewusstlosigkeit einsetzte. Auf der Straße hinzufallen, bedeutet den sofortigen Tod. Ein solcher Gefangener wurde von den Nachkommenden niedergetrampelt oder durch die Kolben eines SS-Gewehrs zum Leben erweckt oder vollends erledigt."[...]


[8] Das Flüsschen ist der Lanferbach, ein Abwasserkanal, der das Gelände der Gelsenberg Benzin AG in nördlicher Richtung quert, er ist fast unverändert erhalten.

[9] Ein Kapo war ein Häftling in einem Konzentrationslager, der zu einem Mitarbeiter der Lagerleitung wurde und die anderen Häftlinge beaufsichtigte. Ein Kapo musste die Arbeit der Häftlinge anleiten und war für die Ergebnisse verantwortlich. Kapos, die in der Terminologie der NS-Lagerleitung Funktionshäftlinge genannt wurden, erhielten für diese Dienste besondere Vergünstigungen. Häufig wurden von der Lagerleitung Verbrecher oder Personen ausgewählt, die sich durch besondere Brutalität auszeichneten, denn es war das erklärte Ziel, Häftlinge gegeneinander auszuspielen. Das Wort Kapo ist vermutlich aus dem Italienischen abgeleitet. Capo heißt soviel wie Kopf oder Anführer. Einer anderen Deutung nach handelt es sich um eine Abkürzung von Kameradenpolizei.

[10] Chemiker, Kaufmann und Ingenieur Arthur Imhausen (1885-1951) kam 1913 nach Witten, wo er die kleine Seifenfabrik "Märkische Seifenindustrie" (MSI) übernahm. Imhausens Hauptinteresse galt aber der Herstellung synthetischer Nahrungsmittel, insbesondere der Fettsynthese. Dabei nutzte er das Fischer-Tropsch Verfahren zur Gewinnung künstlicher Margarine aus Kohle. Für seine Forschungen griff Imhausen schon Jahre vor dem Krieg zu Menschenversuchen, die noch kurz vor Kriegsende andauerten. Arthur Imhausens Firma galt im 3. Reich als Glanzstück großdeutschen Strebens nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Obwohl Alfred Imhausen als Halb-Jude eingestuft war, wurde er auf Druck von Flick und Göring ob seiner "Verdienste um die kriegswichtige Fettsäureproduktion" mit Hitlers Einverständnis zum "Vollarier" erklärt.

Rose Warmer im Kreis ihrer Familie, Rose ist die zweite von rechts.

Rose Warmer im Kreise ihrer Familie (2. v.r.) überlebte die Shoa und wanderte nach Ihrer Befreiung nach Israel aus. Am Ende einer langen Reise voller Abenteuer, Schrecken, Mühsale und Freuden verstarb Rose Warmer hochbetagt in einem Altenheim in Tel Aviv.

Rose Warmers Lebensweg wird in dem Buch "Reise im Gegenwind" von Myrna Grant geschildert. (Orginaltitel: THE JOURNEY, 1978. Tyndale House Publ. Illinois, USA) ISBN 3 88224 131 4.

Dr. Erzsébet Schenk 

Dr. Erzsébet Schenk (born on 30th January, 1897 in Balassagyarmat) She graduated from grammar school in Balassagyarmat in 1915. She was working at the Pscychiatric Ward of the Mary Valery Hospital from 1931 as an assistant doctor and later from 1941 as attending doctor. In her testimony she remembered what has happened in Balassagyarmat in 1944:

"After April 30th I had to move into the ghetto, from where one could leave just occasionally with a special permission. To cure a Christian it was even more difficult even his or her own request. When I was called to a Christian patient, the person had to ask a special permission from the local police station in order that I could go to examine him. The patient was a tobacco merchant, his name was Mr. Simon. When he went to the police station to ask the permission police clerk Miklós very rudely shouted to him: "What an appetite you have that you want your wife being treated by a Jewish Doctor!" The permission was made like this:

"I allow the 'Jewish' Dr. Erzsébet Schenk Jewish physician to leave the 'Jewish' ghetto for one hour period of time for the request of Mr. Simon, tobacco-merchant in order to examine her patient. The Jewish female doctor should leave the ghetto only with armed police escort with the patient's relative. After the examination the patient's relative is obliged to return this written permission to me in one hour. Police Clerk Miklós."

The Christians showed mixed emotions towards us; there were some who despised these measures, but the majority was satisfied with the isolation of the Jews. Many people were very curious and wanted to get into the ghetto with wide variety of excuses. There were several times when I had to go the hospital with special permission - when I could go without police escort -, they looked at me with the yellow star on my chest like I was a special animal.

Hospital Chief Medical Director, Dr. Kenessey after the provisions to wear the yellow stars orderred that its not necessary for the Jewish doctors wearing a yellow star on their white coat in the hospital just when they leave the hospital. This provision, however, was altered by Sub-prefect Horváth who strictly ordered that the yellow star is required to wear on the white coat during work and even in the operating theatre.

The ghetto was deported in two transports. The first transport left on 10th June, the second on the 12th. All of them contained approx. 1800 people. All of the patients of the Balassagyarmat Hospital and the Psychiatric Ward were taken with the second transport, such as the woman who gave birth one hour before together with her child."

She was prisoner in Auschwitz until 4 July 1944 when she was transported to Gelsenkirchen Camp (Gelsenberg), then in September to Sömmerda (Thüringen, Germany). In both places she was forced to work as a physician besides the forced laborers, the so-called "häftlings". From here in April 1945 they were taken to forced march to as far as the border of Czechoslowakia where they had been liberated on 8th May, 1944.

Stages of her deportation: Auschwitz (June 14, 1944.- July 4), Gelsenkirchen (July 14, 1944- September 11), Sömmerda (September 12, 1944 - April 4, 1945), Altenburg (April 12, 1945 - April 16).

After arriving home she reported to the vicissitudes of the previous months in a protocol which was taken by the co-workers of the "DEGOB" ( National Committee for Attending Deportees) After returning from the deportation she was working in Balassagyarmat until 1951 then she moved to Budapest. Military forced laborer physicians in Balassagyarmat. During World War 2 several Jewish physicians had been working in Balassagyarmat and its area as military forced laborers.

→ Protocol with the reminiscenses of Dr. Erzsébet Schenk to the Holocaust (DEGOB Protocol No. 3551)

Derzeit liegt der Bericht von Dr. Erzsébet Schenk nur in Ungarischer Sprache vor. Wer kann bei der Übersetzung in Englisch bzw. Deutsch helfen? → Email: a.jordan(ätt)gelsenzentrum.de

Source: http://www.balassagyarmatizsidosag.hu/en/jewish-doctors-balassagyarmat (July 2014)

Presseberichte - Überlebende auf Spurensuche in Gelsenkirchen

Wir lebten eingepfercht hinter Stacheldrahtzäunen

Rachel Wollner überlebte 1944 den Luftangriff auf Gelsenberg

Rachel Wollner hat nur ein Verlangen: Sie will vergessen. Doch es gelingt ihr nicht, vor allem nachts nicht. Es ist mucksmäuschenstill in der Schulbibliothek, als Rachel Wollner sagt: Ich komme immer erst zu mir, wenn mein Mann mich rüttelt, meinen Namen ruft.

Vielen aus der Klasse stockt der Atem bei Rachel Wollners Schilderungen über die grausamste und schrecklichste Zeit in ihrem Leben. Wir wurden schlimmer behandelt als Hunde, keiner kann sich heute vorstellen, was uns damals angetan wurde, sprudelt es nur so heraus aus dem Munde der ehemaligen Zwangsarbeiterin. Rachel Wollner spricht gut Deutsch, phasenweise ohne Punkt und Komma. Und: Es schien eine Zeitlang so, als seien die Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse der Evangelischen Gesamtschule Bismarck noch aufgeregter als ihr Gast. Eine Schulstunde lang erinnerte sich die 1925 in Ungarn geborene Jüdin an die Schreckensherrschaft der Nazis, an die Vertreibung ins KZ Auschwitz, an den Moment, als ihre Mutter nach links aussortiert wurde.

Das war im Juli 1944, und Rachel Wollner war gerade 17. Aber ich war nicht allein, erzählte sie den etwa 14-Jährigen. Zwei ihrer Schwestern waren auch da, und Rachel Wollner empfindet darüber immer noch Glücksgefühle. Dass sie und ihre Schwestern im September auch zusammen für einen Arbeitseinsatz in das Außenlager des KZ Buchenwald in Horst selektiert wurden, bezeichnet sie auch nach 57 Jahren als glückliche Fügung.

Die Schreckenstaten des Naziregimes bekam die junge Zwangsarbeiterin indes schmerzlich zu spüren. Mit rund 2000 Frauen lebte sie im Lager hinter Stacheldrahtzäunen, menschenunwürdig, ohne Wasser, ohne Toilettenpapier, ohne ausreichende Nahrung. Frau Wollner erzählt hastig: Wir waren nicht lebend und nicht tot, haben uns immer wieder gefragt, wo Gott ist. Nach der Bombardierung des Hydrierwerks im September 1944 hätten viele Frauen nicht mehr die Kraft gehabt, vor den Granatsplittern wegzurennen. 150 Frauen starben, 420 wurden verwundet. Auch Rachel Wollner.

Eine Woche nach dem Angriff wurde sie mit anderen Gefangenen auf Waggons verladen, nach Thüringen verfrachtet und später ins Lager Brünn/Tschechoslowakei. Das wurde am 9. Mai 1945 befreit. Rachel Wollner: Ich konnte es lange nicht begreifen.

(Quelle: dju 04.09.2001 WAZ Lokalausgabe Gelsenkirchen)

 

Peri Hirsch hat das Grab ihrer Schwester gefunden

Gelsenkirchener Frauen gingen den Spuren nach

Im Alter von 14 Jahren kam Peri Hirsch nach Gelsenkirchen, als jüdische Zwangsarbeiterin. Denkt sie an diese Zeit zurück, muss sie weinen. Hier verlor sie zwei Schwestern. Beiden gedenkt die Familie Hirsch am Sonntag. Die Ungarin Peri Hirsch (69), gebürtige Pollak, lebt mit Mann und Tochter in New York. Gestern traf die Familie mit einem Bruder und Cousine in Gelsenkirchen ein, fünf Jahre nach dem ersten Besuch, der damals anlässlich des 50. Jahrestages des Luftangriffs stattfand. 1944, da waren die Schwestern Blanca, Olga und Peri im Hydrierwerk Gelsenberg-Benzin AG, einem KZ-Außenlager Buchenwald in Horst, untergebracht. Als die Bomben fielen, suchten die drei verzweifelt nach einem Schutz. Olga wurde tödlich verletzt, Blanca schwer. Sie kam ins St. Josef-Hospital, wo Peri Hirsch sie zum letzten Mal sah, bevor sie nach Thüringen deportiert wurde.

Die 69-Jährige, die die Nazi-Zeit überlebt hat, wusste, dass Blanca gestorben war. Doch sie wusste all die Jahre nicht, ob sie auch beerdigt wurde, und wenn ja, wo. Dank der Hilfe von Marianne Kaiser, Fachbereichsleiterin der VHS, und der hiesigen Frauengeschichts-Werkstatt konnte dieses Geheimnis gelüftet werden: Blanca Pollak wurde am 21. März 1945 auf dem Jüdischen Friedhof am Bottroper Westfriedhof beigesetzt. Familie Hirsch ist nun angereist, um dort einen Grabstein zu errichten. Er trägt die Inschrift: Für Dich weinen wir, unsere Augen füllen sich mit Tränen. Auch Peri Hirschs Augen füllen sich mit Tränen, sobald sie von der Schwester erzählt. Sie ist dankbar, dass Spuren gefunden und verfolgt wurden. "Jetzt weiß ich endlich, dass sie wie ein Mensch begraben wurde."

Um 14.30 Uhr wird am Sonntag, 5. 9., der gefallenen Frauen auf dem Horster Friedhof gedacht, ein Bus bringt die Trauernden dann zum Bottroper Friedhof, wo Landesrabbiner Henry Brandt das Totengebet sprechen wird.

(Quelle: sir 03.09.1999 WAZ Lokalausgabe Gelsenkirchen)

NUERNBERG MILITARY TRIBUNAL - EXTRACTS FROM THE TESTIMONY OF PROSECUTION WITNESS ELIZABETH ROTH

MR. THAYER: Witness, will you tell the Tribunal your name?

WITNESS ROTH: My name is Elizabeth Roth.

Q. Your name — is your last name spelled R-o-t-h?

A. That’s right.

Q. And will you tell the Tribunal your age?

A. I was born in 1923 on 7 August in Uzhorod, Czechoslovakia.

Q. Is that a section of Czechoslovakia which was taken over by the Hungarians during the war?

A. That is right, and now it belongs to Russia.

Q. Will you tell the Tribunal how it happened that you were taken from your home during the war, and what was done with you at first, the first few days? Where were you taken from your home?

A. I was taken from my home to Auschwitz concentration camp in 1944. On 19 May I arrived there. I was separated from my family, my mother, father, sister, and brother. I was left with my sister who is 2 years younger. I stayed at Auschwitz for 6 weeks where all my belongings first were taken away. My hair was shaven. I got a prisoner's gown, wooden shoes, and that is all.

Q. Will you tell the Tribunal when you left Auschwitz? Did your family go with you?

A. My family was taken to the gas chambers first when we arrived at Auschwitz.

Q. Who did you leave Auschwitz with?

A. With my sister.

Q. Did you leave Auschwitz also with other persons?

A. We left Auschwitz, 2000 girls and women.

Q. Do you know why you and your sister were not sent to the gas chambers at Auschwitz?

A. Well, probably because we were young and healthy for working in Germany.

Q. And then will you tell the Tribunal where you went from Auschwitz, to work some place?

A. I was sent to work in Germany, to Gelsenberg.

Q. Was that the concentration camp Gelsenberg?

A. Gelsenberg, yes.

Miss Roth testified in English. Complete testimony is recorded in the mimeographed transcript. 8 January 1948, pp. 1251-1326.

Eugene Black: Überlebender des Holocaust erfährt vom Schicksal der Schwestern nach 64 Jahren

Bis vor einem Jahr nahm Eugene Black an, dass seine Schwestern in den Gaskammern des KZ Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. Eugene Black fand dann 2008 im Archiv des ITS in Bad Arolsen die schriftliche Bestätigung, dass seine Schwestern nicht in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet worden sind, sondern bei einem Bombenangriff in Gelsenkirchen getötet wurden.

Karteikarten Paula und Jolán Schwartz

"Nach 64 Jahren in dem Glauben, dass meine Schwestern in den Gaskammern zusammen mit meiner Mutter zugrunde gegangen, versetzten die gefundenen Dokumente mir einen solchen Schock. Es ist unglaublich." sagte uns Eugene Black im Interview, "Ich habe die Dinge erneut überdenken müssen. Aber wenigstens starben meine beiden Schwestern gemeinsam und wurden nicht vergast. Es muss ein schrecklicher Tod in diesen Räumen in Auschwitz gewesen sein!".

Aussenkommando GelsenbergAbb.: Aussenkommando Gelsenberg. Aktennotiz des KZ Buchenwald zum Tod von Paula Schwartz: "Weiblicher Häftling, pol. ung. Jüdin, Häftlingsnummer 11050. Geboren am 30. November in Munkasc. Tod durch Bombeneinwirkung im Aussenkommando Gelsenberg am 11. September 1944 um 18.15 Uhr".

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6. Kapitel: Kurt Neuwald berichtet 

Kurt Neuwald wurde 1906 in Gelsenkirchen geboren, 1942 von den Nazis nach Riga [11] deportiert. Neuwald kehrte 1945 nach Gelsenkirchen zurück und baute hier die jüdische Gemeinde wieder auf. Er war Vorsitzender der jüdischen Gemeinden in Westfalen-Lippe und Gründungsmitglied des Zentralrates der Juden in Deutschland. Kurt Neuwald wurde 1995 Ehrenbürger der Stadt Gelsenkirchen. Kurt Neuwald starb am 6. Februar Februar 2001. In dem Buch von Stefan Goch "Jüdisches Leben - Verfolgung - Mord - überleben" sind die Erinnerungen Kurt Neuwalds dokumentiert:

[...] "Meine leider verstorbene Frau hat im Krieg bei Gelsenberg gearbeitet, sie kam ursprünglich aus Rumänien. Hitler hat den Teil von Rumänien in dem sie aufgewachsen ist, zu Ungarn geschlagen. Dann ist sie als ungarische Jüdin nach Auschwitz gekommen und von dort zum Arbeitseinsatz nach Gelsenkirchen zur Firma Gelsenberg deportiert worden. Das waren insgesamt 500 Frauen und Mädchen. Sie sollte hier aufräumen. Gelsenberg war zerstört worden von den Bomben der Engländer. Weitere 500 Frauen kamen nach Krupp zum aufräumen.

Nun sagen manche in Gelsenkirchen, wir haben von alledem nichts gewusst, aber die Wahrheit ist: Sie wollten von all dem nichts wissen! Meine Frau hat mir erzählt, dass sie hier am Bahnhof in Häftlingskleidung ausgeladen wurden. Sie waren kahl geschoren und in Auschwitz hatte man ihnen eine Nummer in den Arm tätowiert. Der ganze Transport wurde dann zu Fuß über die Overwegstrasse nach Gelsenberg geführt, mir kann keiner erzählen, dass die Gelsenkirchener Bevölkerung nicht diese 500 Frauen gesehen hat. Alle müssen es gewusst haben denn der eine hat es dem anderen erzählt. Wer es selber nicht gesehen hat, der muss es doch von seinen Nachbarn oder Freunden gehört haben, dass da 500 kahl geschorene Frauen in gestreiften Anzügen durch die Stadt geführt wurden. Da muss sich doch jeder fragen, was sind das für Leute?

Sie haben also bei Gelsenberg gearbeitet. Beim Fliegeralarm durften sie aber nie in die Bunker, sie mussten draußen auf dem Feld bleiben. Die Flugzeugbesatzungen haben aber nicht erkannt wer dort stand und haben sie für herumlaufende Arbeiter gehalten. Sie wurden durch Maschinengewehrsalven verletzt. 25 von ihnen wurden in die Gelsenkirchener Krankenhäuser gebracht. Da gab es einen Chefarzt, der die 25 Frauen gerettet hat, indem er der Gestapo, die sie abholen wollte erklärt hat, dass sie noch nicht gesund seien. Alle anderen Frauen sind auf den Hungermärschen auf dem Weg nach Thüringen umgekommen. Nur diese 25 die der Chefarzt Dr. Bertram gerettet hat, haben überlebt." [...]

[11] Das Ghetto von Riga war ein Lager in Riga im von deutschen Truppen während des Zweiten Weltkriegs besetzten Lettland, in dem zunächst lettische Juden, später Juden aus dem deutschen Reich interniert wurden. Im September 1941 hatte Hitler die Deportation deutscher Juden in den Osten auf Drängen Heydrichs und Goebbels hin befohlen. Das Lager in Riga musste am 30. November 1941 geräumt werden, um für deportierte Juden aus Deutschland Platz zu gewinnen. Die Betroffenen wurden von der lettischen SS unter Aufsicht der deutschen SS ermordet. Am 30. November wurden etwa 15.000, am 8. und 9. Dezember noch einmal 12.000 Menschen an ausgehobenen Gruben in den nahen Wäldern von ? Rumbula und Bikerniki erschossen. Die deutschen Juden, die mit einem ersten Transport am 30. November 1941 eingetroffen waren, wurden ebenfalls umgebracht. Von Stuttgart gingen insgesamt 11 Transporte mit Juden in den Osten. Der erste dieser Transporte verließ Stuttgart mit 1.000 Personen am 1. Dezember 1941 mit dem Ziel Riga. Am 8. Dezember 1941 führte eine Deportation von Fulda zunächst nach Kassel, wo der Transport neu zusammengestellt wurde. Von dort ging es in unbeheizten Eisenbahnwagons nach Riga ins so genannte "Reichsjudenghetto", wo der Transport am 12. Dezember 1941 im Güterbahnhof Skirotava vor Riga ankam. Am 13. Dezember 1941 fuhr ein Eisenbahntransport mit jüdischen Bürgern aus Bielefeld und Umgebung nach Riga. Waggons mit Juden aus Bielefeld und Münster wurden angekoppelt. Man benutzte Personenwaggons, beteiligt waren die Geheime Staatspolizei, die örtliche Polizei und normales Personal der Deutschen Reichsbahn. Das Reichssicherheitshauptamt trieb die Fahrgebühren bei den Opfern ein. Dieser Transport mit 400 Personen traf am 15. Dezember in Riga ein. Auch von Nürnberg wurden am 27. November 1941 etwa 512 Juden nach Riga deportiert, nur 16 von ihnen überleben. Ab 1942 kamen auch Viehwaggons für die Transporte zum Einsatz. Insgesamt sind etwa 25.000 deutsche Juden nach Riga deportiert worden. Die wenigsten von ihnen haben überlebt. Das Rigaer Ghetto wurde am 2. November 1943 geräumt. Die Verlegung führt unter anderem ins KZ Riga-Kaiserwald. In Riga wurde 1989 ein kleines Jüdisches Museum eröffnet, das an das Ghetto erinnern soll. Hier wurde auch ein Verein der Überlebenden des Rigaer Ghettos gegründet, der sich seit 1993 um finanzielle Hilfen für die Überlebenden einsetzt.

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7. Kapitel: Dr. Rudolf Bertram - Gerechter der Völker  

Dr. Rudolf BertramDem damaligen Chefarzt Dr. Rudolf Bertram vom Horster- und Rotthauser Krankenhaus gelang es, 17 von den verletzten Jüdinnen zu retten, indem er der nachfragenden [12] Gestapo wiederholt erklärte, dass die Frauen noch nicht genesen seien. So erlebten diese siebzehn Frauen ihre Befreiung durch die Amerikaner Anfang April 1945 im Rotthauser Krankenhaus.
In einem Brief an den Oberbürgermeister von Gelsenkirchen, Frank Baranowski, haben wir am 8. Februar 2007 die Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Gelsenkirchen posthum an Dr. Rudolf Bertram beantragt. Oberbürgermeister Baranowski teilt in seinem Antwortschreiben mit, daß § 34 der nordrhein-westfälischen Gemeindeordnung die Verleihung des Ehrenbürgerrechtes an Verstorbene nicht zulässt. Von dem Chirurgen Dr. Rudolf Bertram, der ab 1937 das Krankenhaus in Rotthausen und das St. Josef - Hospital in Gelsenkirchen-Horst betreute, ist überliefert und belegt, dass er 1944-45 zusammen mit der Krankenhausfürsorgerin Ruth Theobald und der Ordensschwester Epimacha 17 Jüdinnen vor dem Abtransport in das KZ Sömmerda, einem weiteren Außenlager des KZ Buchenwald, rettete. So erlebten die Frauen und Mädchen ihre Befreiung im April 1945 im Rotthauser Marienhospital.

Gerechter unter den Völkern - Dr. Rudolf BertramBei den Bombenangriffen vom 11. September 1944 auf die Gelsenberg Benzin AG in Gelsenkirchen-Horst wurden viele der Zwangsarbeiterinnen, die in das Außenlager des KZ Buchenwald auf dem Betriebsgelände der Gelsenberg Benzin AG verschleppt worden waren, getötet. Von den Schwerstverletzten, die man anschließend in die Gelsenkirchener Krankenhäuser verbrachte, konnten insgesamt 17 Frauen vor der Gestapo gerettet werden. Allerdings konnte der größere Teil der verletzten Frauen der Verfolgung durch die Nazis nicht entkommen. Nachdem sie von Ihren körperlichen Verletzungen her als geheilt galten, wurden Sie umgehend nach Sömmerda [13] deportiert.

Die aus Gelsenkirchener Krankenhäusern entlassenen 85 Frauen und Mädchen wurden bis Januar 1945 in fünf einzelnen Deportationstransporten durch die Gestapo Außendienststelle Gelsenkirchen in das Außenlager Sömmerda des KZ Buchenwald deportiert. Unterschrieben sind die in Sömmerda ausgestellten Dokumente von dem Mann, der bereits als Kommandant des Gelsenberglagers fungierte, SS-Obersturmführer Dietrich.

Gedenktafel vor dem Horster Josef-Hospital - Dr. Rudolf BertramAbb.: Gedenktafel vor dem Horster Josef-Hospital zur Erinnerung an Dr. Rudolf Bertram, auf dem Foto noch an ihrem ursprünglichen Standort. Auf Anregung von Gelsenzentrum wurde die Stele versetzt, sodaß sie nun wesentlich eher wahrgenommen werden kann.

Für diesen Akt der Menschlichkeit wurde Dr. Bernhard Rudolf Bertram im Jahre 1980 posthum von der Israelischen Gedenkstätte [14] Yad Vashem die Auszeichnung [15] "Gerechter unter den Völkern" zuteil. Dr. Bertram blieb bis zur Pensionierung im Jahr 1965 Chefarzt am St. Josef-Hospital und verstarb 1975 in Gelsenkirchen.

Erst 1996 wurde ihm zu Ehren vor dem St. Josef-Hospital in Gelsenkirchen-Horst eine Stele mit einer Gedenktafel aufgestellt, die an die Ereignisse erinnert. Der Platz vor dem Krankenhaus erhielt den Namen "Rudolf-Bertram-Platz". Die Nachfolgeunternehmen der Gelsenberg-Benzin AG haben es bis zum heutigen Tage abgelehnt, sich Ihrer moralischen und historischen Verantwortung zu stellen.

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[12] Gestapo ist das Akronym (ein Sonderfall der Abkürzung) für die "Geheime Staatspolizei" in der Zeit des Nationalsozialismus. Sie war als "Politische Polizei" dem Reichsministerium des Innern unterstellt und wurde von Heinrich Himmler geleitet. Als Instrument des NS-Staates erhielt sie weit reichende Machtbefugnisse bei der Bekämpfung politischer Gegner.

[13] Sömmerda ist Kreisstadt des gleichnamigen Kreises Sömmerda in Thüringen. Die Stadt liegt etwa 20 Kilometer nördlich von Erfurt, ist ein Mittelzentrum und Standort der Elektroindustrie. Der in Sömmerda geborene Erfinder des Zündnadelgewehrs Johann Nikolaus von Dreyse gründete 1817 zusammen mit dem Fabrikanten Kronbiegel eine Metallwarenfabrik, die den Beginn der Industrialisierung in der Stadt markiert. 1840 kam es zum Bau einer Gewehrfabrik im Auftrag Dreyses, 1874 erhielt Sömmerda Anschluss an das Eisenbahnnetz. Das Stromnetz erreichte Sömmerda im Jahr 1900. Die Gewehrfabrik wurde 1901 durch die Rheinischen Metallwaren- und Maschinenfabrik Düsseldorf übernommen. Die Belegschaft wächst durch die Rüstungsproduktion während des Ersten Weltkriegs auf 10.000 Beschäftigte an. Nach der Wirtschaftskrise der Jahre erfuhr der mittlerweile unter den Namen Rheinmetall Borsig firmierende Rüstungshersteller in den Dreißiger Jahren im Zuge der erneuten Aufrüstung einen Aufschwung. Während des Zweiten Weltkrieges wurden in Sömmerda bis zu 14.600 Menschen beschäftigt, davon rund 6.000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die in zahlreichen Lagern in und um Sömmerda untergebracht wurden. Am 11. April 1945 wurde Sömmerda von amerikanischen Truppen besetzt.

[14] Yad Vashem, offiziell: "Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust", ist die bedeutendste Gedenkstätte der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Sie wurde 1953 durch einen Beschluss der Knesset gegründet und liegt in Jerusalem. Yad Vashem wird jährlich von über zwei Millionen Menschen besucht.

[15] Eine Person, die als Gerechter unter den Völkern geehrt wird, erhält eine speziell geprägte Medaille mit ihrem Namen und einem Zitat aus dem Mischna-Traktat Sanhedrin: Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet. Zudem erhält der oder die Geehrte ein Ehrenzertifikat und die Ehre, dass ihr Name an der "Wall of Honor" im Garten der Gerechten in Yad Vashem in Jerusalem angeschlagen wird. Ferner darf jeder so Geehrte einen Baum auf der "Allee der Gerechten" auf dem "Berg des Gedächtnisses" (Hazikaron) in Jerusalem pflanzen. Dies wird derzeit allerdings aus Platzmangel selten in Anspruch genommen. Die Ehrung wird den Geehrten oder ihren nächsten Anverwandten in einer feierlichen Zeremonie in Israel oder in ihrem Heimatland durch die Botschaften und die dortigen israelischen Repräsentanten verliehen. Meist werden diese Ehrungen in den Medien stark beachtet. Yad Vashem ist durch das Yad-Vashem-Gesetz autorisiert, "den Gerechten unter den Völkern eine Ehrenbürgerschaft zu übertragen, sowie ihnen, wenn sie nicht mehr leben, in Erinnerung an ihre Taten ein ewiges Gedächtnis im Staate Israel zuzusichern." Jeder so Geehrte ist aufgerufen, bei Yad Vashem diese Urkunde anzufordern. Falls er nicht mehr lebt, wird seinen oder ihren Nachfahren dieses Recht zuerkannt. Yad Vashem hat die Aufgabe, das Programm solange fortzusetzen, wie Petitionen um diesen Titel eingehen und die Kriterien für die Ehrung erfüllen.

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8. Kapitel: Stille Helden in Gelsenkirchen 

Artikel in der WAZ Gelsenkirchen, 7. September 1996Bild: Artikel in der WAZ Gelsenkirchen, 7. September 1996

Es gab sie auch in unserer Stadt, hier in Gelsenkirchen. Ein Beispiel für die stillen Helden in Gelsenkirchen ist der Arzt Dr. Rudolf Bertram und seine Helfer und Helferinnen. Durch selbstlosen Einsatz des eigenen Lebens gelang es Dr. Bertram zusammen mit Alois Blazin, Franz Schimion, Ruth Theobald und den Schwestern der Ordensgemeinschaft des Heiligen Franziskus, kurz vor Kriegsende 17 ungarische Jüdinnen zu retten. Die Frauen und Mädchen waren bei einem Bombenangriff im September 1944 auf die Gelsenberg Benzin AG, wo Sie zur Zwangsarbeit eingesetzt waren, schwer verletzt worden.

Artikel in der WAZ Gelsenkirchen, 7. September 1996

Frau Pasternak, eine der Geretteten, erinnert sich:

Ich denke an die Schwester Oberin im Horster Krankenhaus, eine große, stattliche Frau. Wir kannten ihren Namen nicht. Sie hieß immer "Schwester Oberin". Wenn es Alarm gab, feindliche Tiefflieger kamen, dann musste, wer laufen konnte, in den Bunker. Wir blieben im Krankenhaus, im ersten Stock, in unseren Betten liegen. Schwester Oberin kam dann oft, blieb bei uns, zündete eine Kerze an und betete leise. Manchmal war auch Dr. Bertram bei uns, wenn draußen die Bomben fielen. Im Krankenhaus gab es auch einen katholischen Geistlichen. Der schaute jeden Tag zu uns herein und tröstete uns: "Es wird schon werden Alles geht vorüber." Wir haben bald verstanden, dass er damit nicht nur unsere Verletzungen meinte. Manchmal, wenn Bombenalarm war, blieb er bei uns und sagte: "Kinder, bei euch wird mir nichts passieren. Euch schützt Gott." Die von Frau Pasternak genannte Oberin war Schwester Quirina. Sie war von 1938 bis 1937 Oberin im St. Josef-Hospital Gelsenkirchen-Horst. Der katholische Geistliche, von dem Frau Pasternak sprach, war der Pastor Bernhard Büssing, der von 1944 bis 1959 Seelsorger und Rektor im Krankenhaus in Gelsenkirchen-Horst war.

Frau Pollak, ebenfalls eine der geretteten Frauen, erinnert sich:

Ob sich einer vorstellen kann, was wir fühlten, wenn es Bombenalarm gab? Wir lagen schutzlos in unseren Betten und warteten. Jedes Mal sind wir ein Stück gestorben. Wenn es sehr schlimm wurde, beteten wir alle zusammen das "Sch'ma Israel". Heute - nach mehr als 50 Jahren - leben meine Schwester und ich in Antwerpen. Dort ist jeden Monat einmal Probealarm der Sirenen. Einmal im Monat zittern wir beide. Wir können nicht anders. So wird es bleiben, bis wir sterben.


Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet


Herr Neuwald erinnert sich:

Dr. Bertram und die Leute vom Rotthauser Krankenhaus haben Jüdinnen im Keller des Krankenhauses versteckt, als diese wieder so weit gesundet waren, dass sie entlassen werden konnten. Vier von diesen Frauen haben 1945 eine kleine Wohnung in der Husemannstraße bezogen.
Eine von ihnen, Charlotte Perl, ist nach der Heirat mit Werner Goldschmidt 1947 in die Vereinigten Staaten gezogen, und Cornelia Basch ist meine Frau geworden.

Vgl.: "Meine lieben 17 ungarischen Kinder ..." Martina Bergmann/Hartmut Stratmann, Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V. in Gelsenkirchen.

Irmgard BrixBild: Irmgard Brix, 1944

Irmgard Brix: Begegnung mit Jüdinnen im Marienhospital Buer

Bericht von Irmgard Brix über eine Begegnung mit ungarischen Jüdinnen

Ich weiß nicht mehr, wann es war, als man Horst unter Beschuß genommen hatte. Ich lag im Marienhospital in Buer, und wir mußten bei Fliegeralarm alle in den Keller eilen. Neben mir stand ein junges Mädchen, das nur noch zitterte und sehr unglücklich war. Ich hielt es fest und tröstete es und sagte zu ihm, sie brauchte keine Angst zu haben, wir wären doch ziemlich sicher hier. Und es sagte zu mir: "Wir wissen nicht, wo Vater, wo Mutter." Und daß es sich fürchte. Während ich das junge Mädchen noch weiter trösten wollte, riß mich jemand von hinten zurück. "Wissen Sie nicht, daß Sie eine Jüdin da im Arm halten?" Woher sollte ich das wissen?


Sie hatte einen grauen Kittel an. Man hatte ihr die Haare abgeschnitten, die aber mindestens 1 cm lang waren. Und daß sie nicht fließend deutsch sprechen konnte, das hatte ich auch schon bemerkt. Aber waren das Zeichen dafür, daß sie eine Jüdin war? Mir hatte es einfach leid getan, daß jemand solchen Kummer hatte und wünschte mir, daß ich sie beruhigen konnte. Und weil man mich zurückgewiesen hatte, nahm ich ganz stickum ihre Hand und drückte sie. Später habe ich erfahren, daß man die Jüdinnen in Horst nicht in den Luftschutzbunker gehen ließ. Das war verboten. Aber die Pferde, die draußen waren, die nahm man in den Bunker. Einige Zeit später erzählte ich auf einer Fahrt nach Bielefeld von diesem Vorfall, und da sagte man mir (es war ein Ingenieur von der VEBA): "Das war absolut richtig. Was sind denn diese Juden gegenüber den Pferden an Wert?"

Im Marienhospital arbeitete eine Mitschülerin von mir, die noch gerne weiter studiert hätte, weil sie Kinderärztin werden wollte, jetzt aber durch Dienstverpflichtung als Ärztin am Krankenhaus verpflichtet war. Diese Dr. Hein, die aus Herten kam, habe ich später gefragt: "Kannst Du mir nicht sagen, wieso hier dieser bestialische Gestank aus dem Nebenzimmer kommt?" Die Antwort: "Wenn Du solche Verletzungen hättest, wie diese Patienten, dann würdest Du genauso stinken." Die schwer verletzten Jüdinnen hatte man auf Karren geladen und von Krankenhaus zu Krankenhaus gefahren. Das Marienhospital nahm einige schlimm Verwundete auf und verarztete sie.

Es waren einige, die man nach notwendiger Versorgung nicht zurückschicken mußte. Die Schwerverletzten sind noch behalten worden. Es waren an der Brust Verletzte dabei. Von einer hörte ich, daß ihr ein Bein abgerissen war. Auf meine Frage, warum diese Frau noch lebte, weil sie ja außerdem noch lange unterwegs war, bekam ich zu hören, die Natur hilft dem Menschen vor dem Verbluten. Sie bildet am Ausgang "Pfröpfken", daß das Bluten aufhört. Die Frau bat um eine Blutübertragung, sie wußte, was man tun könne, ihr Bruder absolvierte ein Arztstudium. Aber man durfte kein "arisches" Blut auf Juden übertragen.

Bericht vom 25.11.1990
Aus: Keine GEschichte ohne Frauen, eine Auswahl von Materialien zur Geschichte von Frauen in Gelsenkirchen, zusammengestellt von der Frauenwerkstatt an der VHS Gelsenkirchen, 1989/90. Nachdrucke mit Quellenangabe sind erwünscht.

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9. Kapitel: Der Linnenbrink, das SS-Arbeitskommando und die Massengräber  

Dieses Gelände, der Linnenbrink, ist einer der sensibelsten Orte in Gelsenkirchen. Dort befand sich ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. In den Akten wird das Lager als "SS Arbeitskommando K.L. Buchenwald, Gelsenberg-Benzin A.G., Gelsenkirchen-Horst" geführt. Bei Bombenangriffen zwischen dem 11.-13. September 1944 kamen dort etwa 150 Frauen und Mädchen ums Leben. Sie gehörten zu den 2000 ungarischen Zwangsarbeiterinnen jüdischer Herkunf, die zur Zwangsarbeit auf dem Gelände der Gelsenberg-Benzin AG eingesetzt waren. Ihnen war der Zutritt zu Bunkern und Gräben verwehrt. Eine der Frauen, die das Grauen überlebte, schilderte in einem Gespräch am 20. Januar 1983 ein Erlebnis: (...) "Zwei Schwestern liefen in der Hoffnung, doch in den Bunker hineingelassen zu werden, während des Bombenangriffs zu diesem hin. Dort angekommen, hielt das Mädchen nur noch die Hand ihrer Schwester in der ihren". (...)

Bombentrichter, im Hintergrund das Hydrierwerk in HorstBombentrichter, im Hintergrund ist die Silhouette des Hydrierwerk der Gelsenberg Benzin AG in Horst zu erkennen

Laut den Berichten von sechs der ehemaligen Zwangsarbeiterinnen wurden die übrigen gezwungen, die sterblichen Überreste im wahrsten Sinne des Wortes einzusammeln. Durch die Explosionskraft der Bomben und durch den gezielten Tiefflieger-Beschuss mit Bordkanonen wurden die Körper der Getöteten häufig auseinander gerissen, so dass die abgetrennten Gliedmaßen verstreut auf dem Feld lagen. Köpfe, Arme, Hände, Beine, Füße und Körperstücke mussten von den überlebenden Häftlingen in Decken gepackt und zur Grube transportiert werden. Ebenfalls mit Hilfe von Decken wurden die durch den Luftdruck der explodierenden Bomben Getöteten, die somit als ganze Körper erhalten geblieben waren, zur Grube getragen. Anschließend sollen die Leichen und Leichenteile mit Holz bedeckt und verbrannt worden sein. Mit Grube sind wohl Bombentrichter gemeint, die Erfordernisse der damaligen Zeit ließen das Ausheben von Gräbern in diesem Zusammenhang nicht immer zu. Zeugenaussagen ehemaliger Werksangehöriger stützen diese Annahme: "So hart es auch klingt: Die Opfer wurden im nächsten Bombentrichter geworfen, verbrannt und verscharrt".

Bombentrichter, im Hintergrund hat sich eine Gruppe Menschen versammelt. Hinter den Bäumen sind die Kühltürme des Hydrierwerks zu erkennen Im Bildhintergrund hat sich eine Gruppe Menschen versammelt, hinter den Bäumen sind Kühltürme des Hydrierwerks zu erkennen. Möglicherweise ist auf dem Bild die Verbrennung der sterblichen Überreste dokumentiert.

Schon im Juli 1948 wurde südlich des Linnenbrinkwegs ein Mahnmal für die Opfer aufgestellt. Auf einer Karte von 1949 ist dieses Denkmal dort verzeichnet. Das Friedhofsamt der Stadt Gelsenkirchen schrieb in einem Brief vom 20. Mai 1949, dass sich im Linnenbrink drei Sammelgräber der getöteten ungarischen Jüdinnen befinden, die genauen Orte der Sammelgräber sei aber "nicht mehr feststellbar". Auf Karten der Stadt Gelsenkirchen ist die Fläche eines weiteren "Wäldchens" nördlich des Linnebrinkweges als "Altlastenverdachtsfläche" ausgewiesen, Gründe werden nicht genannt. Weiter östlich existiert eine weitere "Altlastenverdachtsfläche", hier hat möglicherweise eine Minitionsfabrik gestanden, daran wollen sich Zeitzeugen erinnern. Das gesamte Gelände rund um den Linnenbrink scheint noch so manches "dunkle Geheimnis" zu bergen.


Die Gelsenbergstrasse in Gelsenkirchen-HorstIm Zuge der Werkserweiterung von Gelsenberg Anfang der 50er Jahre wurde dieses Denkmal auf den Friedhof Horst-Süd verbracht. Die sterblichen Überreste der Toten sollen dabei ebenfalls auf den Friedhof verbracht worden sein. Vor dem Hintergrund des Schreibens des Friedhofamtes vom 20. Mai 1949 wenig wahrscheinlich, da ja angeblich die genaue Stelle der Sammelgräber nicht mehr feststellbar war. Der Stadthistoriker Dr. Stefan Goch ist nach eigenen Angaben davon überzeugt, dass sich in dem Wäldchen das Massengrab mit den getöteten Zwangsarbeiterinnen befunden hat. Nach "als gesichert geltenden Augenzeugenberichten" sollen die Toten exhumiert worden und am neuen Standort des Mahnmals beigesetzt worden sein, so Goch am 18. November 2006 in der WAZ Gelsenkirchen-Buer.

Das Gelände mit dem Wäldchen wurde der Emscher Genossenschaft von der EON Montan zum Kauf angeboten. Die Emscher Genossenschaft will - sollte sie Eigentümerin des Geländes werden - (...) "mit dem Standort des ursprünglichen Grabes sensibel und pietätvoll umgehen und dort keine Baumaßnahmen durchführen" (...). Das erklärte Sprecher Steinbach gegenüber der WAZ am 18. November 2006. Weiß Steinbach mehr als die Gelsenkirchner Stadtverwaltung, die ja bereits 1949 behauptete, "die genaue Stelle der Sammelgräber sei nicht mehr feststellbar?"

Die Deutsche BP AG Gelsenkirchen plant in diesem Bereich eine Werkserweiterung und steht in Verhandlungen mit der Eon Montan Gmbh. Eigentümer des Geländes am Linnenbrink ist die Induboden GmbH & Grundstücksgesellschaft, einem Unternehmen der Eon.

Es ist heute mit den Mitteln der Technik möglich, aufgrund von Luftbildern oder durch Bodenproben, Bodenradar o. ä. Bodenveränderungen festzustellen, die Rückschlüsse auf eventuell vorhandene Massengräber zulassen. Besonders für ein Weltunternehmen, dass nach Bodenschätzen sucht. Doch wer sollte diese Untersuchungen bezahlen beziehungsweise durchführen? - Vielleicht das Nachfolgeunternehmen der Gelsenberg-Benzin AG, die BP Gelsenkirchen GmbH? Als moralische Wiedergutmachung, in Respekt vor den Überlebenden, den Nachkommen und Angehörigen der damaligen Opfer?

Bleibt festzuhalten: Es ist bisher nicht zweifelsfrei nachgewiesen, dass die sterblichen Überreste der Opfer tatsächlich gefunden, exhumiert und auf dem Friedhof Horst-Süd bestattet wurden. Ein Angestellter der Friedhofsverwaltung, der nicht namentlich genannt werden will, berichtete in einem Telefongespräch mit dem Autor dieses Berichtes im August 2011 von einem anonymen Zeitzeugen, der seinerzeit die Beisetzung von 8 Särgen am neuen Standort des Mahnmals gesehen haben will. Der städtische Angestellte gab in dem Telefongespräch jedoch zu bedenken, dass es möglicherweise leere Särge waren bzw. dass diese mit Steinen, Erde oder Holz gefüllt wurden, um ein authentisches Gewicht bei der Umbettung vorzutäuschen.

Es ist vielmehr davon auszugehen, dass sich die Massengräber noch immer auf dem Werksgelände befinden, genauer in dem Wäldchen südlich des Linnebrinkwegs, heute nicht öffentlich zugänglich auf dem Werksgelände gelegen.

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10. Kapitel: GBAG - Gelsenkirchener Bergwerks - AG  

Die Gelsenkirchener Bergwerks - AG (GBAG) war ein Bergbauunternehmen mit Sitz in Gelsenkirchen. Die GBAG wurde im Jahre 1873 von Friedrich Grillo (1825-1888) und Adolph von Hansemann (1827-1903) als Zusammenschluss verschiedener Steinkohlezechen - u.a. Rheinelbe und Alma in Gelsenkirchen-Ückendorf - gegründet. Ursprüngliche Zielsetzung des Unternehmens war es, alle mit ausländischem Kapital arbeitenden Zechen Gelsenkirchens unter deutscher Führung zusammenzuschließen. Greifbar ist dabei der nach dem gewonnenen Krieg von 1870/71 auch im Ruhrgebiet aufkommende Nationalismus.

Nach Erwerb des Aachener Hütten-Aktien-Vereins und der AG Schalker Gruben- und Hütten-Verein war die GBAG das nach Fördermenge größte deutsche Bergbauunternehmen. Außerhalb des Ruhrgebiets erwarb das Unternehmen unter anderen im Jahr 1916 die "Hüstener Gewerkschaft." Die GBAG expandierte mit Unterstützung von August Thyssen und Hugo Stinnes durch Erwerb von Reedereien, Kohlenhandlungen und Röhrenwerke zum vertikal integrierten Montankonzern. 1920 fusionierte die GBAG mit Stinnes' Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten - AG sowie dem Bochumer Verein zur Rhein-Elbe-Union GmbH. 1926 ging die GBAG in den Vereinigten Stahlwerken auf. Von 1893 bis 1926 war Emil Kirdorf Generaldirektor des Unternehmens.

Im Sommer 1932 wurde bekannt, dass die Reichsregierung unter Heinrich Brüning heimlich von Friedrich Flick ein Aktienpaket der GBAG zu einem überhöhten Preis erworben hatte. Dies wurde von führenden Ruhrindustriellen wie Paul Reusch und Friedrich Springorum als Schritt in Richtung "Staatssozialismus" verurteilt, die daraufhin die Zusammenarbeit mit den Industriellen der Vereinigten Stahlwerke in der Ruhrlade einstellten.

Im Dezember 1933 wurde im Zuge einer Restrukturierung der Vereinigten Stahlwerke (VESTAG) deren gesamter Bergwerksbesitz in ein formal selbstständiges Tochterunternehmen ausgegliedert, das erneut den traditionsreichen Namen Gelsenkirchener Bergwerks-AG erhielt, nun jedoch mit Sitz in Essen. Ehrenvorsitzender wurde der ehemalige GBAG-Chef Emil Kirdorf, erster Vorsitzender des Aufsichtsrates Albert Vögler, Vorstandsvorsitzender war Gustav Knepper.

Gustav Knepper mit Kriegsverdienstkreuz, 1944.Gustav Knepper mit Kriegsverdienstkreuz, 1944.

Deutsche Allgemeine Zeitung vom 28. Juni 1944Deutsche Allgemeine Zeitung vom 28. Juni 1944

Nach Gustav Knepper ist noch heute die Knepperstraße in Bochum-Ehrenfeld und der Gustav-Knepper-Weg in Witten sowie ein Kohlekraftwerk in Dortmund an der Stadtgrenze zu Castrop-Rauxel benannt.

Zwischen 1940-1945 mußten Tausende Menschen für die GBAG Zwangsarbeit verrichten, unzählige Menschen wurden durch die unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen zu Tode geschunden. Emil Kirdorf starb 1938 eines natürlichen Todes. Albert Vögler beging nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in das Ruhrgebiet am 14. April 1945 Selbstmord, um so seiner Verhaftung zu entgehen. Gustav Knepper wurde am 5. September 1945 von den Alliierten interniert und kam bereits ein knappes Jahr später wieder frei, er starb im Oktober 1951 in Essen.

1953 wurde die GBAG als Finanzholding verschiedener Montanunternehmen wiederbelebt. 1962 beschäftigte das Unternehmen 66.000 Mitarbeiter und erwirtschaftete einen Jahresumsatz von 3 Milliarden DM. 1965 verringert sich der Umsatz des Konzerns auf 2,828 Milliarden DM und die Mitarbeiterzahl nimmt auf 54.100 Beschäftigte ab. Teile dieses Besitzes gingen später im Thyssen-Konzern, der RWE sowie in E.ON auf. Schließlich erfolgte die Namensänderung in Gelsenberg AG. 1967 wurde Friedrich Funcke Vorstandsvorsitzender der Gelsenberg. Als dieser 1969 in den Aufsichtsrat wechselte wurde Walter Cipa sein Nachfolger, der Gelsenberg bis zur Übernahme durch VEBA leitete.

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11. Kriegsschäden - Bericht der Gelsenberg AG 

Ein offizieller Bericht der Gelsenberg vom 07. Dezember 1944 gibt folgenden detaillierten Überblick über die Luftangriffe auf das Hydrierwerk:

Bald nach Kriegsbeginn gingen im Ruhrgebiet die Sirenen. Bombenabwürfe erfolgten jedoch zunächst nicht. Der erste große Schaden in der Nähe des Werkes entstand im Mai 1940. In der Nacht von 19. auf den 20. Mai 1940 wurde der hart am Südende des Werkes stehende, als der größte Gasbehälter der Welt bekannte Scheibengasometer der GBAG durch 2 Sprengbomben zerstört. Da der Behälter vorsichtshalber gasleer stand, gab es keine Explosion. Der schiefstehende Behälter, der mit seiner Höhe von 145 Metern aus der Dunstschicht des Bezirkes herausragte und eine gefährliche Zielmarke gebildet hätte, wurde in der Folge völlig demontiert. In das Werk fielen zum ersten Mal Bomben in der Nacht vom 17. auf den 18. Juni 1940. Drei Sprengbomben trafen die Bahnhofsanlagen und beschädigten Lokomotiven und Kesselwagen und einen Trafo der 100 kV-Station. Der ganze Schaden betrug jedoch nur rund 2.700 RM. Außerhalb des Werkes gingen 15 Sprengbomben hauptsächlich südlich der Rennbahn nieder. Eine Woche später verursachten zwei Sprengbomben in der Abfüllstation unseres Treibgaslagers einen Brand (25./26. Juni 1940). Während der Löscharbeiten fielen 12 weitere Sprengbomben, von denen jedoch nur eine in das Werk fiel, wodurch ein Rohrbrückenbrand entstand. Schadenssumme rund 75.000 RM. Produktionsausfall rund 300 t Benzin.

Erst im Oktober 1940 gingen wieder 12 Sprengbomben, dazu erstmalig rund 50 Stabbrandbomben in Werksnähe nieder. Im Werk selbst entstand nur unbedeutender Schaden an einem Kühlturm (12./13. Oktober 1940). In der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober 1940 wurde das Werk angegriffen. Ein Reihenwurf von 4 Bomben verursachte im Zwischentanklager den Brand von 5 Tanks, dessen Bekämpfung nach 10 Stunden gelang. Bei einem wenige Minuten später erfolgenden gleichen Reihenwurf wurde das Gebläsehaus getroffen, wobei 3 Gefolgschaftsmitglieder den Tod fanden. Der Sachschaden betrug über 1 Million. Durch den Angriff wurden 945 t Treibstoff vernichtet. Der erzwungene Stillstand des Werkes bis Anfang November bedeutete einen Produktionsausfall von 8.100 t Benzin.

Durch weitere 26 Sprengbomben und viele Brandbomben entstanden in der Werksumgebung Schäden in den Ortschaften Horst und Beckhausen. Am 17./18. November 1940 fielen 10 Sprengbomben und 450 Brandbomben. In das Werksgelände selbst kamen nur einige Brandbomben. Im Gebiet der Destillation und einer Budenstadt wurden aber durch das Eingreifen der Notbelegschaft und des Werkschutzes die Bomben abgelöscht. Im ganzen Jahr 1941 wurde das Werk selbst nur zweimal getroffen. Die Angriffe waren dadurch charakterisiert, daß sie meist in klaren Nächten erfolgten und daß der Feind vor dem Bombenwurf Leuchtkugeln an Fallschirmen über das Objekt stellte.

Im Januar verursachten 5 Sprengbomben Schäden an einem Kaminkühler und den Eisenbahnanlagen in der Nordwestspitze des Werkes. Weitere Sprengbomben fielen in die Siedlung westlich des Werkes (09./10. Januar 1941). Am 11./12. Juni 1941 stürzte ein abgeschossenes Flugzeug hart östlich des Werkes in die Felder. 6 Insassen wurden tot aufgefunden. Die Untersuchung des Brennstoffes ergab eine OZ von 95. Am 15./16. Juni 1941 fielen 3 Sprengbomben auf die Gleisanlagen zwischen Gasfabrik und Kraftwerk. In der folgenden Nacht (16./17. Juni 1941) gingen einige Sprengbomben in Wohngebiete in der Werksumgebung, ebenso am 03./04. Juli und am 07./08. und 28./29. August 1941. Durch den Ausfall des RWE am 12. August 1941 infolge Bombenschadens wurde auch unser Werk in Mitleidenschaft gezogen, es entstand ein Produktionsausfall von rund 1.300 t Benzin.
Ebenso wurde das Werk mittelbar betroffen durch den Angriff auf die Bunawerke am 28. Dezember 1941. Durch den Ausfall der H2-Rücklieferung entstand ein Produktionsausfall von rund 1.800 t Benzin.

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Im Jahre 1942 gingen in das eigentliche Werksgelände nur in der Nacht vom 26./27. März 1942 5 Sprengbomben, die die Gleiswaage, Schaumlöschstation und Rohrleitungen im Tanklager beschädigten. Der Verlust durch Brand und der Produktionsausfall betrug etwa 320 t Benzin. In der Nacht vom 25./26. Juli 1942 wurden durch 4 Sprengbomben beide Einlaufwasserleitungen beschädigt, es entstand ein Produktionsausfall von 340 t Benzin. Anfang Januar 1943 fiel zum ersten Mal eine Mine in Werksnähe (09./10. Januar 1943), daneben viele Brandbomben. Ein Ausländer-Lager wurde in Brand gesetzt und ein Mann getötet.

Am 13./14. Januar 1943 fiel eine Mine und etwa 50 Brandbomben am Verkaufstanklager. Es entstanden Schäden und ein Brand. Sachschaden rund 250.000 RM, Produktionsaus fall rund 1.340 t Benzin. Die umliegenden Ortsteile wurden in dieser Nacht stark in Mitleidenschaft gezogen. In der Nacht vom 30.04./Ol. Mai 1943 wurde das Werk selbst nur von etwa 100 Brandbomben im südlichen Teil getroffen, ohne nennenswerten Schaden. Erstmalig wurden dabei Stabbrandbomben mit Sprengköpfen und 14 kg-Phosphorbomben festgestellt. Durch eine Luftmine in der Siedlung auf dem Rosenhügel kam einer unserer Ingenieure und die Frau und der einzige Sohn eines zweiten Ingenieurs ums Leben. Im Ausländer-Lager auf der Südseite des Werkes wurden durch eine Mine mehrere Baracken zerstört oder schwer beschädigt. 45 Flamen wurden dabei getötet.

Am 27./28. Mai 1943 gingen in der Werksumgebung wieder 24 Sprengbomben und Minen, dazu 500 Phosphorbomben und 4.000 Stabbrandbomben nieder. In das Werksgelände selbst fielen nur 50 Brandbomben, welche geringere Brandschäden in der Schreinerei verursachten. Daneben entstand ein Produktionsausfall von 300 t.

Die im Jahre 1943 geflogenen nächtlichen Terrorangriffe im Westen des Reiches richteten sich gegen die Städte, die Werke selbst waren dabei nur gelegentlich in Mitleidenschaft gezogen worden. Am 22. Juni 1943 wurde eine Industrieanlage im Westen, die Chemischen Werke Hüls, in einem schweren Tagesangriff angegriffen. Durch den erzwungenen längeren Betriebsstillstand in Hüls fiel für Gelsenberg neben der KW-Abgabe die H2-Rücklieferung aus, wodurch ein Produktionsausfall von 10.800 t Benzin entstand.

Durch eine vereinzelte 250 kg-Bombe, die am Schluß eines Terrorangriffes auf Altenessen am 09./10. Juli 1943 dicht hinter der Feuerwache fiel, wurden 5 Mann verletzt, ein Mann hiervon erlag später seinen Verletzungen.

Der erste Tagesangriff auf die Gelsenberg Benzin erfolgte am 12. August 1943. Um 9.00 Uhr vormittags überflogen 3 Wellen feiridlicher Verbände das Werk. Die letzte Welle warf 215 Stück 113 kg-Benzol-Kautschuk-Brandbcmben ab, wovon 143 östlich der Werksumzäunung und 72 im Werk niedergingen. Es entstanden verschiedene Brände, u. a. in der Entbenzinierung. Sachschaden etwa 300.000 RM. Produktionsausfall 5.150 t, daneben rund 240 t direkte Verluste. Personenschäden: 19 Leichtverletzte.

Die Produktion des Werkes wurde im Gegensatz zu verschiedenen anderen Hydrierwerken auch bei Alarm und Überfliegungen grundsätzlich unverändert aufrechterhalten, erst wenn eine unmittelbare Bedrohung des Werkes ersichtlich schien, wurde das Signal zum Umstellen der Kohlekammern auf Öl gegeben. Dieses einsatzbereite Verhalten führte dazu, daß im ganzen Geschäftsjahr 1942/43 nur 7mal vorsichtshalber umgestellt wurde, der Produktionsausfall hierdurch betrug etwa 750 t (= etwa 1/4 % der Produktion!).

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Im November 1943 verursachten Brandbomben im Verkaufstanklager einen Rohrbrückenbrand. Produktionsausfall rund 800 t (19./20. November 1943). 1944 kam es trotz fortgesetzter schwerer nächtlicher Terrorangriffe gegen nahegelegene Städte zunächst zu keinen Bcmbeneinschlägen im Werksgebiet. Die Angriffe auf Industrieanlagen erforderten augenscheinlich ein genaueres Zielen und erfolgten ausschließlich am Tage. Durch die weitere Entwicklung ihrer elektrischen Peilanlagen gelang es aber den Engländern, die Luftnavigation so zu vervollkommnen, daß sie auch bei Nacht Industrieanlagen ("Punktziele") mit genügender Treffsicherheit ansteuern konnten.

Der erste nächtliche Großangriff gegen ein Treibstoffwerk erfolgte in der Nacht vcm 12./13. Juni 1944 auf die Gelsenberg Benzin AG. Der Angriff erfolgte überraschend, 0.15 Uhr war der Einflug schwerer Verbände über der Schelde gemeldet, doch schien sich der Angriff gegen das südliche Warngebiet zu richten und um 0.57 Uhr wurden Bombenabwürfe über Köln und Duisburg gemeldet. Da meldete um 0.58 Uhr der eigene Werksbeobachter Abwurf von Zielmarkierungsbomben über dem Werk. Befehl zum Umstellen des Betriebes konnte gerade noch durchgegeben werden. Vemebelung hatte eingesetzt, war aber bei Beginn des Angriffs wahrscheinlich noch nicht voll wirksam. Der Zielraum war von etwa 400 Maschinen angeflogen worden, wovon etwa 250 das Werks selbst angriffen. 1500 Sprengbomben fielen in das Werk einschließlich allernächster Umgebung, Rrandbomben wurden nicht festgestellt. Später wurden insgesamt etwa 250 Blindgänger auf dem Werk gefunden und größtenteils entschärft.

Es waren Brände an vielen Stellen entstanden, insbesondere im Zwischenöltanklager einschließlich der zugehörigen Pumpenhäuser, in der Destillation und im Verkaufstanklager, zu deren Bekämpfung 270 Löschfahrzeuge und 70 Tragkraftspritzen erschienen waren. Normale Wasserversorgung war ausgefallen, ebenso alle Löschwasserreserven, die Brandbekämpfung mußte von vollgelaufenen Bombentrichtern, Kellern und weiter entfernten Löschteichen ausgehen. Der Hauptbrand im Zwischenöltanklager wurde nach rund 36 Stunden bewältigt.

Die Sach- und Gebäudeschäden waren in allen Teilen der Anlage groß, besonders an Gasometern und Tanks, in der Destillation und im Kraftwerk. Der Schaden ist auf 30 - 40 Millionen RM zu schätzen. Fast 10.000 t ölige Zwischenprodukte und Treibstoffe wurden vernichtet. Ums Leben kamen im Werk 34 Mann, davon 25 deutsche Männer und 4 deutsche Frauen und 75 Mann wurden verletzt. In den Wohnungen und Lagern kamen weiterhin ums Leben 24 Mann, davon 10 deutsche Männer.

Am Nachmittag des 11. September 1944 wurde das Werk, das seit wenigen Tagen wieder in Betrieb war, erneut angegriffen. 200 bis 300 Maschinen flogen den engeren Bereich an. In das Werk fielen über 200 Sprengbomben, dazu rund 40 Blindgänger. Es entstand ein Brand im Zwischenöltanklager und neue Sachschäden. Bei dem Angriff verloren 7 Mann, davon 2 Deutsche, im Werk das Leben, außerhalb kamen 6 Gefolgschaftsmitglieder und Unternehmerleute um. 27 Leute wurden verletzt.

Noch während der Löscharbeiten am Brand des Vortages erfolgte am 12.September gegen Mittag neuerdings Anflug starker Verbände. Der Angriff richtete sich gegen benachbarte Hydrierwerke. Ins Werk fielen 8 Sprengbomben, die schnellgelöschte Brände verursachten. Ein Mann kam außerhalb des Werkes zu Tode.

Am Nachmittag des 13. September 1944 wurden in das Werk schätzungsweise 50 Sprengbomben geworfen. Erneute Sachschäden, insbesondere in der Schleuderei. Personenverluste traten nicht auf.

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Am Vormittag des 27. September flogen starke Verbände in 3 Wellen das Gebiet an. Zwei Wellen warfen Bomben auf das Werk und es wurden rund 50 Einschläge festgestellt, sehr viele Bomben lagen außerhalb der Werksumzäunung. Es entstanden zahlreiche neue Schäden, namentlich bei der Stromerzeugung, im Tanklager. Es fielen im Werk 3 deutsche Männer der eigenen Gefolgschaft und ein Unternehmermann, zwei Ausländer kamen ums Leben. Verletzt wurden 22 Mann, jedoch größtenteils leicht.

Am 25. Oktober 1944 mittags wurden 22 Sprengbomben ins Werk geworfen. Besondere Gebäude- und Maschinenschäden entstanden nicht, auch Brände wurden nicht verursacht. Durch zwei Treffer auf einen Splitterschutzgraben kam ein deutsches Gefolgschaftsmitglied und 5 Ausländer ums Leben. Am 01. November 1944 mittags wurden von 2 Wellen Bomben auf das Werk geworfen. Die rund 40 Sprengbomben verursachten jedoch nur geringen Sachschaden. Rund 75 Bomben gingen in nächster Umgebung des Werkes nieder. Der Angriff wurde von etwa 100 Maschinen in 7 Wellen geflogen und dehnte sich bis Buer und Gelsenkirchen aus.

Am 04. November 1944 vormittags wurden mehrere Bombenteppiche geworfen, die in der Hauptsache zwischen Bottrop, Buer und Gelsenkirchen lagen. In das Werk fielen rund 200 Bomben. An Blindgängern wurden rund 50 Stück gemeldet. Getroffen wurde hauptsächlich der Nordostteil des Werkes mit Destillation, Entbenzinierung und Kammerbetrieb. Menschenverluste traten nicht ein. Am Abend des gleichen Tages erfolgte ein Terrorangriff auf Bochum. Hierbei wurden von einer Maschine Brandbomben außerhalb des Werkes abgeworfen, die Altholzstapel zum Brennen brachten.

Am 06. November 1944 vormittags fiel eine Bombe in die Nähe der 100 kV-Station und bei dem Terrorangriff auf die Stadt Gelsenkirchen nach Mittag nochmals einige Bomben ins Werk. Sachschaden gering. Am 11. November 1944 vormittags erfolgten laufend starke Anflüge englischer und amerikanischer Verbände. Ins Werk fielen einige Bomben, die aber keinen Sachschaden verursachten. Über dem Werk wurde ein Flugzeug abgeschossen, von dem Teile aufgefunden wurden. (Hier endet der Kriegsschadensbericht der Gelsenberg Benzin AG)

Ergänzend zu diesem authentischen Bericht ist zu vermerken, daß im September 1944 bei einem Bombenangriff 150 jüdische Frauen aus Ungarn getötet wurden, die vom KZ Buchenwald zu Aufräumarbeiten im Hydrierwerk abgestellt worden waren. Bis zum Einmarsch der Alliierten am 28. März 1945 fielen bei weiteren 4 Angriffen nochmals etwa 100 Bomben auf das Werksgelände.

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Das Hydrierwerk Gelsenberg war von entscheidender Bedeutung für die Versorgung der Luftwaffe mit Flugbenzin. So wurden das Werk und die Belegschaft im Januar 1943 als Kriegsmusterbetrieb ausgezeichnet. Entsprechend groß waren die Anstrengungen zum Wiederaufbau des Werkes nach dem Angriff vom 13. Juni 1944, bis zu 15.000 Menschen wurden eingesetzt. Eine Aufschlüsselung für den 31. August 1944 enthält folgende Angaben:

Angestellte726
Werkseigene3.893
Unternehmer1.555
Kriegsgefangene338
Organisation Todt5803
Entsandte2.168
Reichsarbeitsdienst235
Militär78

Alle Entscheidungen wurden durch das "Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion" in Berlin getroffen, speziell durch den "Kommissar für Sofortmaßnahmen", Edmund Geilenberg. Im Werk war Dr. Proß als "Beauftragter für den Wiederaufbau" zuständig, der außerdem am 01. Oktober 1944 zum Vorstandsvorsitzenden der Gelsenberg Benzin AG ernannt wurde. Am 01. September 1944 wurde die Benzinproduktion wieder aufgenommen, kam jedoch durch weitere Angriffe nach 2 Wochen wieder zum Erliegen. Der Wiederaufbau wurde schließlich auf Weisung des Ministeriums am 11. Oktober 1944 eingestellt. Bis Februar 1945 wurden allerdings Pläne für eine Verlagerung der Produktion nach Heggen (Sauerland) bzw. für Neubauprojekte (Schwalbe Ia und IV) in Abstimmung mit den zuständigen Stellen in Berlin weiterverfolgt (Brief Vogler an Geilenberg vom 09. Februar 1945).

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12. Westfälische Rundschau vom 10. September 1954  

Die Westfälische Rundschau nennt in dem Artikel vom 10. September 1954 eine Opferzahl von 250 Frauen und Mädchen, die bei den Luftangriffen auf die Gelsenberg Benzin AG am 11., 12. und 13. September 1944 ums Leben kam.

Weiße Kerzen brannten am jüdischen Mahnmal für die Opfer des 11. September 1944. Der sechszackige Davidstern krönt den schlichten SteinBild: Weiße Kerzen brannten am jüdischen Mahnmal für die Opfer des 11. September 1944. Der sechszackige Davidstern krönt den schlichten Stein. (Photo With Courtesy of the Leo Baeck Institute, New York)

"Zum Gedenken an unsere durch den Hitlerismus im Lager Gelsenberg am 11. Sept. 1944 umgek. jüd. Schwestern"
so lautet die Inschrift auf dem Mahnmal.

Worte echter innerer Anteilnahme wurden gestern am Mahnmal des Horster Südfriedhofs gesprochen, das in efeugrüner Abgeschiedenheit fern dem Großstadtlärm eine Insel der Besinnlichkeit und des ehrenden Gedenkens bildet. Zehn Jahre nach einer sinnlosen Nacht des Verbrechens fand sich hier die jüdische Kultusgemeinde zusammen, um einer Leidensepoche ihres Volkes zu gedenken, in der, wie Millionen anderer Juden in den Konzentrationslagern, 250 Frauen und Mädchen im Lager Gelsenberg Opfer des Hitlerismus wurden. Schwermütig und anklagend lag der Trauergesang über dem schlichten Hain, in dessen Mitte das vom sechszackigen Stern gekrönte Mahnmal steht. Auch die lange Zeit eines Jahrzehnts hat nicht vermocht, eine Schuld, die an dieser Stelle gegenwärtig wird, zu löschen. Aber auch ein anderes wurde gestern deutlich: Eine innere Bereitschaft, dafür zu arbeiten, daß das Geschehen der Jahre zwischen 1933 und 1945 sich nie wiederholt.

Zahlreiche Ehrengäste konnte der Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde, Neuwald, in der Feierstunde begrüßen, unter ihnen den Vorsitzenden des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Nordrhein, Dreifuss, den Vorsitzenden des Landesverbandes Westfalen, Heimberg, Oberrabbiner Dr. Holzer, Dortmund, Kantor Rabowski, Düsseldorf, Bürgermeister Trapp als Beauftragten der Stadtvertretung, Stadtrat Hoffmann und Gartenbaudirektor Gey als Vertreter der Stadtverwaltung, sowie den Betriebsratsvorsitzenden der Gelsenberg, Ramacher.

(Foto: Kurt Müller) Tiefe Ergriffenheit lag über dem Hain am Horster Südfriedhof, wo die jüdische Kultusgemeinde sich gestern zum zehnten Jahrestag des Todes von 250 Jüdinnen versammelte. Unser Bild zeigt rechts: Oberrabbiner Dr. Holzer und Kantor Rabowski während der Gedenkfeier

Tiefe Ergriffenheit lag über dem Hain am Horster Südfriedhof, wo die jüdische Kultusgemeinde sich gestern zum zehnten Jahrestag des Todes von 250 Jüdinnen versammelte. Unser Bild zeigt rechts: Oberrabbiner Dr. Holzer und Kantor Rabowski während der Gedenkfeier. (Photo With Courtesy of the Leo Baeck Institute, New York)

Nach einem einleitenden Gesang ergriff Landesvorsitzender Heimberg, Dortmund, das Wort. "Das Andenken der Frauen und Mädchen, die in der Nacht des 11. Septembers 1944 schuldlos einen bitteren Tod starben", so sagte er, "ist uns eine bleibende Verpflichtung, uns dafür einzusetzen, daß solche Zeiten der Menschheit für immer erspart werden, daß immer Frieden herrschen möge." Oberrabiner Dr. Holzer legte seinen Worten den Gedanken zügrunde, daß der Mensch sich gegen Katastrophen der Natur schützen und sie damit ungefährlich machen könne, daß er aber keine Dämme errichte gegen die weit verheerendere Katastrophe eines Ungeistes, wie er in den Jahren des Nazi-Regimes auf den Kontinent gewütet habe. "Was über uns hereinbrach, war eine Flut des Unheils, die in der ganzen Menschheitsgeschichte einmalig ist." Der Mensch mit seinem Verstand und seinen anderen Gaben sei nicht ohne die Herzensliebe zum anderen Menschen.

Darum sei es so ein entsetzliches Verbrechen, daß man den Frauen im Lager Gelsenberg das einfachste Recht, ihr bedrohtes Leben zu schützen, verweigerte. Nach den Jahren des Ungeistes, so wünschte Dr. Holzer, möge darum der Geist der Liebe einziehen. Bürgermeister Trapp übermittelte die Anteilnahme des verhinderten Oberbürgermeisters. Auch er forderte auf zum Gelöbnis, für eine Welt des Friedens zu arbeiten. Inzwischen rieselte feiner Regen aus dem sonnenhellen Himmel. Die Stimmung der Ergriffenheit dieser Stunde berührte alle Anwesenden.

Für die Gelsenberg sprach Betriebsratsvorsitzender Ramacher, nach ihm Stadtrat Hoffmann. Nie dürfe vergessen wenden, so betonte er, daß die einzige "Schuld", die das Nazi-Regime den Ungarinnen und Rumäninnen zur Last legte, ihr jüdisches Blut war. "Ich bin mir der Tragweite meiner Worte durchaus bewußt, wenn ich wünsche, daß dieses Mahnmal nicht so weit abseits, sondern im Zentrum der Stadt liegen möge, damit wir oft im Vorübergehen an die Tage des Grauens erinnert werden würden, die uns und den Generationen nach uns die Verpflichtung zur Achtung der Menschenwürde auferlegen." Mit einem hebräischen Lied klang die Gedenkfeier aus.

With Courtesy of the Leo Baeck Institute, Center for Jewish History, New York; Artikel aus der Westfälischen Rundschau vom 10. September 1954;

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13. Kapitel: Quellenwerke und Sekundärliteratur  

Judith Schneiderman mit Jennifer Schneiderman: "Ich sang um mein Leben. Erinnerungen an Rachov, Auschwitz und den Neubeginn in Amerika" Herausgegeben von Adam Kerpel-Fronius und Uwe Neumärker
Eugen Kogon - "Der SS-Staat"
Myrna Grant - "Reise im Gegenwind"
Stefan Goch - "Jüdisches Leben"
Marlies Mrotzek - "Das Außenlager der Gelsenberg-Benzin AG"
Benjamin B. Ferencz - "Lohn des Grauens"
Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer in der DDR: "SS im Einsatz - Eine Dokumentation über die Verbrechen der SS"
Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V., Heft 1, Reihe : Jüdisches Leben in Gelsenkirchen, Heike Herholz und Sabine Wiebringhaus, "KZ Außenlager Buchenwald in Gelsenkirchen-Horst"
Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V., Heft 3, Reihe : Jüdisches Leben in Gelsenkirchen, "Meine lieben 17 ungarischen Kinder ..."
Wikipedia, freie Online-Enzyklopädie

14. Anhang: Luftbilder, Karten und Fotos  

Luftbild vom 23. August 1944: Das Gelsenberg-Lager, Außenlager des KZ Buchenwald in Gelsenkirchen-Horst

Luftbild vom 23. August 1944: Das Gelsenberg-Lager, Außenlager des KZ Buchenwald in Gelsenkirchen-Horst

Luftbild: Lage des Gelsenberg-Lager (KZ Buchenwald) auf dem Gelände der heutigen BP Gelsenkirchen GmbH

Luftbild (Stand 2000): Lage des ehemaligen Gelsenberg-Lagers - Außenlager des KZ Buchenwald - auf dem Gelände der heutigen BP AG in Gelsenkirchen-Horst


Die nachfolgenden Abbildungen zeigen Zerstörungen durch Bombenangriffe der Alliierten auf das Hydrierwerk der Gelsenberg Benzin AG in Gelsenkirchen-Horst. 2000 weibliche KZ-Häftlinge aus Ungarn wurden im Sommer 1944 vom Vernichtungslager Auschwitz weiter zu Aufräumarbeiten in den Trümmerfeldern auf dem Werksgelände der Gelsenberg AG nach Gelsenkirchen-Horst verschleppt. Die bereits durch Unter- und Mangelernährung entkräfteten Frauen mußten die schweren und gefährlichen Arbeiten ohne jede Schutzkleidung und mit bloßen Händen verrichten. Dabei waren sie der Willkür und den ständigen Schlägen ihrer Bewacher hilflos ausgeliefert.

Auf einigen der Abbildungen sind Splitterschutzzellen und Spitzbunker zu erkennen. Die Schutzräume waren jedoch den "arischen" Werksangehörigen vorbehalten, den SklavenarbeiterInnen war der Zutritt zu Bunkern und Schutzräumen verboten. Die weiblichen KZ-Häftlinge - wie auch die anderen Kriegs-gefangenen und ZwangsarbeiterInnenn - bei Luftangriffen dem Bombenhagel völlig schutzlos ausgesetzt.

Trümmerfeld im südöstlichen Teil des Werksgeländes der Gelsenberg Benzin AG in Gelsenkirchen-Horst

Trümmerfeld im südöstlichen Teil des Werksgeländes der Gelsenberg Benzin AG in Gelsenkirchen-Horst

Splitterschutzzellen waren auf dem gesamten Werksgelände verteilt, hier sind die Einstiege durch eine Mauer geschützt

Splitterschutzzellen waren auf dem gesamten Werksgelände verteilt, hier sind die Einstiege jeweils durch eine Mauer geschützt

So genannte Einmannbunker (Splitterschutzzellen) nach dem Bombenangriff vom 13. Juni 1944

So genannte "Einmannbunker" (Splitterschutzzellen) nach dem Bombenangriff vom 13. Juni 1944

Löscharbeiten nach einem Bombenangriff auf die Gelsenberg Benzin AG

Löscharbeiten nach einem Bombenangriff auf die Gelsenberg Benzin AG

Zerstörte Anlagen

Zerstörte Anlagen

Zerstörte Anlagen, Gelsenberg Benzin AG in Gelsenkirchen-Horst

In der umgestürzten Splitterschutzzelle haben mehrere Menschen den Angriff überlebt

Bau 20: In der umgestürzten Splitterschutzzelle haben mehrere Menschen den Angriff überlebt

Enttrümmerung mit schwerem Gerät

Bau 35: Enttrümmerung mit schwerem Gerät

Die weiblichen KZ-Häftlinge wurden überwiegend im  Bereich des Trümmerfeldes um Bau 107 eingesetzt

Bau 107: Die weiblichen KZ-Häftlinge wurden überwiegend im Bereich des Trümmerfeldes um Bau 107 eingesetzt

Bombentrichter in der Kammerstraße

Bombentrichter in der Kammerstraße

Schwerer Bombentreffer

Schwerer Bombentreffer

Bombenschäden im Bereich Johannastraße/Koststraße in Gelsenkirchen-Horst

Bombenschäden im Bereich Johannastraße/Koststraße in Gelsenkirchen-Horst

Bombenschäden im Bereich Johannastraße/Koststraße in Gelsenkirchen-Horst

Westseite, Hauptverwaltung Gelsenberg Benzin AG

Westseite, Hauptverwaltung Gelsenberg Benzin AG

Weite Teile des Hydrierwerkes in Gelsenkirchen-Horst sind gegen mit Tarnnetzen überspannt

Weite Teile des Hydrierwerkes in Gelsenkirchen-Horst sind mit Tarnnetzen überspannt

Flächentarnung zum Schutz vor Luftangriffen. Im Hintergrund Nordstern 3/4

Flächentarnung zum Schutz vor Luftangriffen, im Hintergrund die Fördergerüste von Nordstern 3/4

Schwere Bombenschäden, Nordstern 3/4

Schwere Bombenschäden, Nordstern 3/4

Vor dem Luftangriff

Vor einem Luftangriff...

Standorte der Lager und Gebäudeunterkünfte für ZwangsarbeiterInnen der Gelsenberg Benzin AG in Gelsenkirchen-Horst

... und danach. Links oben im Foto ein Spitzbunker, ein so genannter "Winkelturm". Der Zutritt zu Bunkern und Schutzräumen war den KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern verboten - nur die "arischen" Deutschen durften bei Bombenangriffen dort Schutz suchen. Einer dieser Bunker steht noch heute auf dem Werksgelände

Luftbild von 19. September 1944

Luftbild von 19. September 1944. Markiert sind Standorte von Lagern für SklavenarbeiterInnen der Gelsenberg Benzin AG in Gelsenkirchen-Horst. Markiert ist auch die (vermutete) Lage der Sammel- bzw. Massengräber, in denen die sterblichen Überreste der bis zu 250 ungarischen Frauen und Mädchen jüdischer Herkunft verscharrt wurden. (Auf der nachfolgenden Karte mit 7, 6, 9 und 5 gekennzeichnet)

Standorte der Lager und Gebäudeunterkünfte in Gelsenkirchen für SklavenarbeiterInnen der Gelsenberg Benzin AG  (1940-1945)

Standorte der Lager und Gebäudeunterkünfte in Gelsenkirchen für SklavenarbeiterInnen der Gelsenberg Benzin AG (1940-1945) Auf dieser Karte (im Internet für jedermann einsehbar) sind Straßen auf dem heutigen Werksgelände nach Emil Kirdorf, Albert Vögler und Gustav Knepper benannt. Diese Männer haben Hitler und die NSDAP unterstützt, haben Krieg und Massenmord bewirkt. Sie verdienen keine Ehrung als Namensgeber. Eine Stellungnahme der BP Gelsenkirchen GmbH ist angefragt.

1: Devensstrasse 121
2: Buerer Straße 71
3: Buerer Straße 92
4: Johannastraße 6 (Verwaltung Gelsenberg Benzin AG)
5: Außenlager KZ Buchenwald (SS Arbeitskommando Gelsenkirchen-Horst)
6: Betriebsgelände Gelsenberg Benzin AG
7: Brinkstraße
8: Bruchstraße
9: Standort der Massengräber, heute Werksgelände der BP Gelsenkirchen GmbH


Pressemitteilung Gelsenzentrum e.V. vom 24. Oktober 2012:  

NS-Täter: BP Gelsenkirchen ändert Straßennamen

Noch bis vor einigen Wochen gab es auf dem Werksgelände der BP Gelsenkirchen GmbH im Werk Horst noch immer Straßen, die nach Emil Kirdorf, Gustav Knepper und Albert Vögler benannt waren - allesamt frühe Förderer und Unterstützer Hitlers und spätere NS-Wirtschaftsverbrecher.

Wie Marc Schulte ( Leiter Standortkommunikation) uns heute mitteilte, hat die BP Gelsenkirchen GmbH unsere Bitte um Stellungnahme von Mai 2012 zum Anlass genommen, die entsprechenden Straßennamen im Werk Horst zu ändern. Auch um die Einträge bei Google ect. will man sich nun kümmern.

Auf dem Werksgelände der heutigen BP in Gelsenkirchen-Horst (früher Gelsenberg Benzin AG) befand sich im zweiten Weltkrieg ein Außenlager des KZ Buchenwald und auch mehrere Zwangsarbeiterlager. Hunderte Häftlinge, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene kamen dort zwischen 1941 und 1945 ums Leben. Das Fortwirken von NS-Tätern als Namensgeber von Straßen auf dem BP-Werksgelände in Horst ist endlich Geschichte.

WAZ schreibt am 30.10.2012 in der Printausgabe: Werksstraßen mit braunem Anstrich - BP reagiert auf Gelsenzentrum und tilgt im Werk Horst Kirdorf & Co. → Artikel online lesen

Die Dokumentation "Das Gelsenberglager - Außenlager des KZ Buchenwald in Gelsenkirchen" kann als PDF-Datei (Stand Mai 2009) hier heruntergeladen werden.

→ Das Gelsenberglager "...eine Reise ins Herz der Finsternis"


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Andreas Jordan, überarbeitet April 2010. Nachträge April, November 2012, Mai 2013 u. Juli 2014

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